Spannung / Aufgeblättert

Die Fährte des Wolfes
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© Eva Lindblad

Explosive Mischung

Zack Herry heißt der junge Ermittler, den das schwedische Autorenduo in „Die Fährte des Wolfes“ auf die Jagd nach einem Killer schickt. Mons Kallentoft (links) über die neue, actiongeladene Thrillerserie und ihren abgründigen Helden.

Worum geht es in dem Thriller „Die Fährte des Wolfes“?
Es geht um den jungen Kommissar Zack Herry in Stockholm, der die Morde an vier thailändischen Masseurinnen untersucht. Die Ermittlungen lassen ihn nicht nur in die dunkelsten Ecken Stockholms vordringen, sondern auch in die Abgründe unserer Gesellschaft blicken. Eine spannende Mischung also.

Ihr Protagonist hat zwei Gesichter: Er ist Mitglied einer Sonderkommission, nachts verschwindet er in der Stockholmer Unterwelt. Eine Figur zwischen Genie und Wahnsinn?

Ja, auf jeden Fall. Er ist ein junger, athletischer, intelligenter Mann und sehr getrieben – also fast ein Held im klassischen ­Sinne. Als Mitglied einer Sonderkommission jagt er Kriminelle, er hat aber auch selbst viele Geheimnisse und düstere Seiten.

Was zeichnet die Zack-Herry-Serie aus?
Ich glaube, es ist bei Weitem nicht nur der junge, ungewöhn­liche Ermittler Zack Herry, der diese Serie so stark macht. Wir ­haben versucht, einen Thriller für das 21. Jahrhundert zu schreiben und so etwas zu ­erschaffen, das man so vorher noch nicht ­gelesen hat. 

Gibt es Autoren oder Bücher, die Sie ­inspiriert haben?
Ich habe meine Wurzeln zwar in der skandinavischen Krimi­literatur, aber wir wollten auch etwas Eigenes schaffen. Sowohl die amerikanische Art, extrem temporeiche Thriller zu schreiben, ist in den Roman eingeflossen als auch das Interesse für alte ­Sagen. Für die Zack-Herry-Serie haben Markus Lutteman und ich uns besonders vom Herkulesmythos inspirieren lassen. Wer genau hinsieht, wird den ein oder anderen Hinweis ent­decken. 

Interview: Toni Hecht

Eine anonyme SMS führt die Polizei zum Schauplatz eines brutalen Verbrechens in Stockholm: Zack Herry und seine Kollegin Deniz Akin finden vier ermordete Thailänderinnen vor. Arbeiteten die Frauen als Prostituierte? Fielen sie skrupellosen Menschenhändlern zum Opfer? Das junge Ermittlerduo spürt die Chefin der vier Frauen in einem Massage­salon auf – und sie hat offenbar etwas zu verbergen. 

LESEPROBE

Hinter dem Empfangstresen sitzt eine sehnige Thailänderin mit weißer Bluse und dünner roter Sommerjacke und liest irgendwelche Papiere. Sie scheint in den Sechzigern zu sein.

„Hallo“, sagen Zack und Deniz fast gleichzeitig.

Die Frau schaut zu ihnen auf und erstarrt für einen Moment. Irgendetwas im Auftreten der Besucher hat die beiden als Polizisten entlarvt. Dann springt sie schnell vom Stuhl auf, doch eine Hand bleibt unter der Tresenplatte verborgen. Eine Waffe, denkt Zack, duckt sich und schiebt instinktiv die Hand unter die Lederjacke zum Waffenholster. Doch im selben Moment hat die Frau bereits die weiße Tür hinter sich geöffnet und ist verschwunden.

Wie kann ein so alter Mensch so schnell sein?, fragt sich Zack und eilt ihr nach.

Er gelangt auf einen dunkelblauen Flur mit Vorhängen und Türen zu beiden Seiten und sieht gerade noch einen Sportschuh der Frau, als die durch ein offenes Tor am anderen Ende des Ganges läuft.

Er rennt hinterher und kommt auf einen großen, lang gestreckten Innenhof mit mehreren Bäumen.

Wo ist sie?

Links von ihm fällt eine Tür zu.

Mit schnellen Schritten überquert er den Asphalt und rüttelt dann an der Klinke. Verschlossen. Tür-Code. Verdammte Scheiße.

Schnell schätzt er die Lage ein. Die Tür geht nach innen auf und sieht nicht besonders solide aus.

Er tritt ein paar Schritte zurück, nimmt Anlauf und wirft sich mit voller Kraft gegen das Holz. Die Tür gibt der Attacke nach, und er taumelt in einen Treppenaufgang, stützt sich mit den Armen ab und spürt den Schmerz wie einen Messerstich in der rechten Schulter.

Als er sich gefangen hat, lauscht er nach Schritten, hört aber nichts. Würde sie nach oben laufen, müsste er sie hören. Also ist sie hinunter zum Ausgang.

„Zack!“ Deniz’ Stimme erklingt aus dem Innenhof. Aber er hat keine Zeit, um auf sie zu warten.

„Sie ist abgehauen. Ich folge ihr!“, ruft er und rennt los. Fünf Stufen führen nach unten zum Ausgang. Er nimmt sie mit einem Sprung und drückt die widerspenstige Tür mit beiden Händen auf. (...) 

Eine andere Straße.

Für einen Moment hat er keine Orientierung.

Rechts ist die Frau nicht zu sehen.

Links tänzelt das Wasser vor dem Bergsunder Strand fünfzig Meter entfernt in der Sonne.

Wo ist sie?

Da entdeckt er die Frau, sie taucht knapp hundert Meter weiter hinter ein paar Bäumen auf und läuft mit leichtem, schnellem Schritt auf dem Fahrradweg am Wasser entlang. Er muss ihr Alter falsch eingeschätzt haben. So läuft keine Sechzigjährige. Ihre Beine bewegen sich so unbeschwert, als wären sie vom Rest des Körpers abgetrennt. (...)

Zack brennt die Sonne auf Kopf und Rücken, am liebsten hätte er sich Jacke und Hemd vom Leib gerissen. Er ist jetzt schon außer Atem und verflucht sein nächtliches Abenteuer.

„Heia, heia“, rufen mit Sonnenbrillen geschmückte Menschen in dem voll besetzten Straßencafé vor der Brücke und heben dabei ihre goldenen Biergläser.

Haltet die Fresse. (...)

Da entdeckt er sie wieder hinter zwei überdimensionierten Kinderwagensonnenschirmen. Sie hat die Richtung geändert und läuft jetzt auf die riesige Anhöhe mit den Schrebergärten zu.

Mehrere Personen sind stehen geblieben und folgen der laufenden Frau mit dem Blick. Dann sehen sie ihn. Einen großen, breitschultrigen Mann, der eine schmächtige asiatische Frau jagt. Ein Gewalttäter? (...)

Der Abstand wird geringer. Fünfundsiebzig Meter. Fünfzig. 

Die Bäume kommen näher. Er muss sie erwischen, bevor es ihr gelingt, zwischen all den Hütten und Büschen zu verschwinden. Jetzt noch zwanzig Meter. Die Welt ist ein Tunnel und alle Konzentration nach vorn gerichtet. Die Jagd ist das Einzige, was zählt, und das Adrenalin überdeckt den Schmerz in der Schulter.

Zehn Meter. Fünf.

Er macht einen Satz nach vorn und grätscht wie ein brutaler Fußballverteidiger zwischen ihre Füße. Sie schreit auf und fällt geradewegs in ein Familienpicknick. Saft, Rosé-Wein und Nudelsalat spritzen auf die Decke im Burberry-Muster und auf die Designertasche mit Halterungen für Teller, Besteck, Gläser und Flaschen.

Ein Zweijähriger fängt an zu weinen. Seine Mama schreit. Ein Mann mit Leinenjackett zieht das Kind zu sich, sagt jedoch nichts.

Die asiatische Frau taumelt weiter über das Gras, weg von dem zerstörten Picknick, aber Zack bekommt einen Knöchel zu fassen. (...)

Sofort ist er umringt von schreienden, schimpfenden Menschen, aber er hört den Lärm gar nicht, sondern fängt die wedelnden Arme der Frau ein und drückt sie ins Gras.

Wieder nimmt er den Duft wahr.

Den Duft von Gras.

Er hasst diesen Geruch.

Noch bevor er registriert, dass er einen Tritt in die Rippen bekommt, wirft sich Zack zur Seite. Ihm bleibt die Luft weg, und er spürt mehrere große Hände auf Rücken und Schultern. Zwei Männerstimmen schreien.

„Lass sie los, du Schwein.“

„Kaja, ruf die Polizei. Schnell!“

Zack umklammert immer noch fest den Jackenärmel der Frau, aber fremde Hände versuchen, seine Finger zu lösen, und er spürt, wie die Thailänderin sich windet, um aus der Jacke zu schlüpfen.

Plötzlich setzt sich ein kräftiger Mann auf Zacks Rücken.

„Ich bin von der Polizei!“, schreit Zack.

Doch das scheint den Mann nicht zu beeindrucken.

Krampfhaft hält Zack weiter die Jacke fest, aber die ist jetzt ganz leicht. Viel zu leicht. Er zieht sie zu sich heran. Sie ist leer. 

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