Belletristik / Aufgeblättert

Die Geschichte der Bienen
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Maja Lunde© Oda Berby

Nicht nur für Bienenfreunde

Eine Pollensammlerin, ein Biologe und ein Imker: In ihrem gefeierten Roman verknüpft die ­Norwegerin Maja Lunde meisterhaft drei Lebensgeschichten mit einem hochaktuellen ­Thema: dem Aussterben der Bienen. Lassen Sie sich von unserer Leseprobe animieren!

Als fleißige Honigproduzenten hatten Bienen für uns Menschen schon immer eine ganz besondere Bedeutung, und auch heute noch könnten ihre Sympathiewerte kaum höher sein. Um ihre Überlebenschancen ist es dagegen ­momentan nicht so gut bestellt. Maja Lunde hat den für uns und ­unsere Landwirtschaft so wesentlichen ­Insekten jetzt in einem fulminanten Roman ein Denkmal gesetzt und ­damit auch international für ­Furore gesorgt. 

Maja Lunde© Oda Berby

„Die Geschichte der Bienen“ beginnt im Jahr 2098 in der chinesischen Provinz Sichuan: Ein globales Artensterben hat die letzten Blütenbestäuber dahingerafft. Nun müssen Obstbäume in aufwendiger Arbeit von Hand befruchtet werden. Die Geschichte von Tao, die auf einer der Plantagen schuftet, um ­ihrem Sohn ein besseres Leben zu ermöglichen, ist der erste von drei ineinander verschlungenen Plotfäden. Parallel dazu erzählt Lunde von dem englischen Biologen William Savage, der sich Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Entwicklung eines neuartigen Bienenstocks beschäftigt. Der dritte Handlungsstrang spielt in der Gegenwart: Einer von Williams Nachfahren lebt als Imker in Ohio. Als ­seine Bienenstöcke plötzlich von einer geheimnisvollen Seuche heim­gesucht werden, sieht er sich in seiner Existenz bedroht.

Maja Lunde gelingt es, ihr ökologisch brisantes Thema in eine ­faszinierende Story zu kleiden. Dank genauer Figurenzeichnung und stringenter Dramaturgie verknüpft sie ebenso überzeugend wie mitreißend die Schicksale ihrer drei Helden über Jahrhunderte und Kontinente hinweg. Ein Lesegenuss – nicht nur für Bienenfreunde. 

Alice Werner

LESEPROBE

Wie verwachsene Vögel balancierten wir auf unseren Ästen, das Plastikgefäß in der einen Hand, den Federpinsel in der anderen.

Langsam, so vorsichtig ich konnte, kletterte ich aufwärts. Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen im Arbeitsbezirk eignete ich mich nicht für diese Aufgabe, ich war nicht zierlich genug, meine Bewegungen waren oft zu fahrig, mir fehlte die nötige Feinmotorik. Ich war nicht geschaffen dafür, und trotzdem musste ich jeden Tag hier sein, zwölf Stunden am Stück.

Die Bäume waren ein Menschenleben alt, ihre Äste zerbrechlich wie dünnes Glas, sie knackten unter unserem Gewicht. Vorsichtig drehte ich mich, um meinem Baum keinen Schaden zuzufügen. Ich stellte mein rechtes Bein auf einen noch höhergelegenen Ast und zog das linke behutsam nach, bis ich endlich eine sichere Arbeitsposition gefunden hatte, unbequem, aber stabil. Von hier aus erreichte ich auch die obersten Blüten. 

Das kleine Plastikgefäß war gefüllt mit dem luftigen, leichten Gold der Pollen, das zu Beginn des Tages exakt abgewogen und an uns verteilt wurde, jede Arbeiterin erhielt genau die gleiche Menge. Nahezu schwerelos versuchte ich, unsichtbar kleine Mengen zu entnehmen und in den Bäumen zu verteilen. Jede einzelne Blüte sollte mit dem kleinen Pinsel bestäubt werden, der aus eigens zu diesem Zweck erforschten Hühnerfedern hergestellt worden war. Keine künstliche Faser hatte sich als so effektiv erwiesen. Das hatte man wieder und wieder getestet, in meinem Bezirk hatte man dafür genügend Zeit gehabt. Hier war diese Tradition nämlich schon über hundert Jahre alt, die Bienen waren bereits in den 1980er Jahren verschwunden, lange vor dem Kollaps. Die Pflanzenschutzmittel waren schuld gewesen, und wenige Jahre später, als die Pestizide nicht mehr verwendet wurden, kehrten die Bienen zurück, doch zu diesem Zeitpunkt hatte man bereits mit der Handbestäubung begonnen. So erzielte man bessere Ergebnisse, auch wenn für diese Arbeit unglaublich viele Menschen benötigt  wurden, viele, viele Hände. Doch dann, als der Kollaps schließlich kam, hatte mein Bezirk einen Wettbewerbsvorteil. Es hatte sich gewissermaßen ausgezahlt, dass wir unsere Natur so sehr verunreinigt hatten. Weil wir Vorreiter in Sachen Umweltverschmutzung gewesen waren, wurden wir später zu Vorreitern der Handbestäubung. Ein Paradox hatte uns gerettet.

Obwohl ich mich so weit wie möglich streckte, blieb die Blüte ganz oben außerhalb meiner Reichweite. Ich war kurz davor, aufzugeben, doch ich wusste, dass mir dann Strafe drohte, also versuchte ich es noch einmal. Uns wurde der Lohn gekürzt, wenn wir die Pollen zu schnell oder zu langsam aufbrauchten. Das wahre Ergebnis unserer Arbeit blieb zunächst unsichtbar. Wenn wir am Ende des Tages von den Bäumen herabkletterten, war unser Einsatz nur durch rote Kreidekreuze auf den Stämmen erkennbar, im Idealfall bis zu vierzig am Tag. Erst wenn es Herbst wurde und die Äste schwer waren vom Obst, zeigte sich, wo gute Arbeit geleistet worden war. Doch da hatten wir meistens schon vergessen, wer welche Bäume bestäubt hatte. 

Heute war ich auf Feld 748 eingesetzt. Wie viele es insgesamt waren, wusste ich nicht, aber meine Gruppe war eine von hunderten. In unseren beigefarbenen Arbeitsanzügen glichen wir einander wie die Bäume und hingen bei der Arbeit so dicht beieinander wie deren Blüten. Niemals allein, immer zu einer Traube gedrängt, ob hier oben in den Bäumen oder unten entlang des Pfades, wenn wir von einem Feld zum nächsten zogen. Nur in unseren kleinen Wohnungen hatten wir einige wenige Stunden am Tag für uns. Das übrige Leben fand hier draußen statt. 

Es war still. Während der Arbeit durften wir nicht miteinander reden. Nur unsere vorsichtigen Bewegungen in den Bäumen waren zu hören und hin und wieder ein leises Räuspern oder Gähnen oder das Reiben der Arbeitskleidung an den Stämmen. Manchmal gab es auch einen Laut, den wir 

hassen gelernt hatten – ein Ast, der knackte und schlimmstenfalls sogar brach. Davon abgesehen machte nur der Wind Geräusche, wenn er durch die Zweige fuhr und über die Blüten strich oder durch das Gras auf dem Boden raschelte. 

Er wehte von Süden her, aus Richtung des Waldes. Im Gegensatz zu den weißblühenden Obstbäumen, die noch kein Laub trugen, wirkte der Wald dunkel und ungezähmt, und schon in wenigen Wochen würde er eine noch üppigere, grüne Mauer bilden. Wir gingen nie hinein, hatten dort nichts zu erledigen. Und neuerdings gab es Gerüchte, dass er gerodet werden sollte, um einer neuen Plantage Platz zu machen. 

Jetzt summte aus Richtung des Waldes eine Fliege heran, ein seltener Anblick, so wie ich schon seit Tagen keine Vögel mehr gesehen hatte, auch sie waren weniger geworden. Sie machten Jagd auf die wenigen Insekten, die es noch gab, und hungerten ansonsten wie der Rest der Welt auch.

Ein Geräusch durchschnitt die Stille. Es war die Pfeife, die von der Baracke der Aufseher herüberdrang, das Signal zur zweiten und letzten Pause des Tages. Erst jetzt fiel mir auf, wie trocken meine ­Zunge war. 

Wie eine zusammenhängende Masse glitten die anderen Arbeiterinnen und ich von den Bäumen ­hinab. Meine Kolleginnen unterhielten sich. Kaum war es erlaubt, setzte ihr wildes Plappern ein, als hätte man einen Schalter umgelegt. 

Ich blieb stumm und konzentrierte mich ganz darauf, langsam nach unten zu gelangen, ohne ­einen Zweig abzubrechen.

1 Kommentar/e

1. Franz Hench 14.10.2017 11:32h 
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Die Leseprobe macht Lust zum Weiterlesen.
Die dramatischen Folgen des Bienensterbens sind vielen Menschen noch nicht bewusst.

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