Spannung / Vorgestellt

Die Einsamkeit der Schuldigen
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© Frau: © blanche neige photography / photocase.de Mann: © Hope Connolly / iStock

Zersplitterte Seelen

Mit dem Psychothriller "Die Einsamkeit der Schuldigen" ist Nienke Jos ein furioses Debüt gelungen. Die Filmrechte sind bereits verkauft – und ihre Leser warten ungeduldig auf Teil zwei. 

Ein Mann plant minutiös die Entführung einer Frau, um sie als Sexobjekt in einer Hütte im Wald gefangen zu halten. Nach einer Tour verschwindet eine Urlauberin und kehrt nie in das Hotel zurück, von dem aus eine andere junge Frau nach rastlosen Jahren im Ausland ihren Anker werfen will. Seite für Seite stellt Nienke Jos in ihrem Debütroman „Die Einsamkeit der Schuldigen“ ihre Protagonisten vor: Ann, die spurlos verschwindet; Junia, die sesshaft werden will; den Arzt Thies, der von einer gemeinsamen Familie mit Junia träumt; den charismatischen Psychiater Theodor Stein, der sich zur selben Zeit in Wiesbaden von einer Fremden verfolgt fühlt …  

Jede Person entwickelt die Autorin aus deren eigener Perspektive, verstrickt die Leser in deren Gefühls- und Gedankenwelt, bis sich Mosaikstein für Mosaikstein fesselnde und zugleich entsetzliche Psychogramme zu einem Bild fügen, offenbaren, wie sich die Wege von sieben Menschen zufällig kreuzen und zwangsläufig für alle in einer Katastrophe enden.   

Virtuos, mit bildstarker Sprache katapultiert Nienke Jos ihre Leserschaft ins Innerste ihrer Protagonisten. Wechselt mühelos Duktus, Perspektiven, Schauplätze, Zeiten und entwickelt subtil und doch in atemloser Stringenz ein Psychodrama über sexuelle Obsessionen und Gewalt. Die Trennschärfe zwischen Tätern und Opfern, Verbrechen und ausgelebter psychopathischer Fantasie verschwimmt. Dr. Jekyll und Mr. Hyde: Gut und Böse sind nicht zu trennen. Was bleibt, ist Entsetzen über menschliche Abgründe – und Begeisterung für ein packendes Thrillerdebüt, das weder Blut noch Action braucht. Das feinsinnige psychologische Gespür der Autorin gebiert den Horror. 

Faszination Doppelleben
Wie kommt eine lebensfrohe, so entwaffnend herzliche Frau darauf, einen derart beklemmenden Plot zu entwickeln? Nienke Jos sitzt im Café Degenhardt am Wiesbadener Luisenplatz, einem Schauplatz ihres Romans, und rührt im Espresso: „Weil es nichts mit meinem eigenen Leben zu tun hat“, überlegt die 36-Jährige. „Genau deswegen kann ich es mir ausdenken.“ Das Thema Doppelleben hat sie interessiert. Geheime Seiten, die niemand bei vermeintlich vertrauten Menschen für möglich gehalten hätte. Die Idee zur Geschichte hat Nienke Jos nicht mehr losgelassen. „Irgendwann habe ich einfach zu schreiben begonnen, ohne wirklich zu wissen, was daraus wird.“ Ohne ein Sterbenswort zu irgend­jemand, einfach aus dem Bauch heraus. Sie, die außer Songtexten für ihre Jugendband nie geschrieben hat: „Keine Gedichte, keine Kurz­geschichten.“ Nienke Jos lacht. Sie hat dennoch immer mit 

Geschichten und Bildern im Kopf gelebt. Hat als Kind bei Streifzügen durch ihre Heimat am Niederrhein Fantasiegeschichten gespielt. Hat sich damit die Langeweile auf dem sieben Kilometer langen Radweg zur Schule vertrieben. „Ich bin in einer Zeit ohne Playstation und Handy aufgewachsen, hatte wahnsinnig viel Zeit, habe viel beobachtet und gespielt.“   

Lebensnahe Psychogramme
Eine glückliche Kindheit, die die Fantasie beflügelt und das detailgenaue Beobachten schult. Beides blieb wichtig, als sie nach dem Abitur beschloss, Gymnastiklehrerin zu werden und sich als Mountainbike-Guide mit den unterschiedlichsten Menschen über die Berge zu kämpfen. Wie ihre Romanfigur Junia wollte Nienke Jos irgendwann sesshaft werden. Seit 2016 lebt sie in Wiesbaden – der Liebe wegen. Außer dieser Parallele gibt es keine Ähnlichkeiten zwischen Romanfiguren und realen Personen, betont sie. Die lebensnahen Psychogramme, die glaubwürdigen Therapiegespräche ihrer Romanfigur Theodor Stein, die lebendigen Dialoge und virtuosen Perspektivwechsel, das alles gelingt Nienke Jos ohne psychologischen Rat und ohne sich je mit der Methodik des Schreibens befasst zu haben.

Ihre Intuition und Entschlossenheit, den Roman ohne lange Verlagssuche zu veröffentlichen, haben sich gelohnt: Die erste Auflage ist vergriffen. Ihre Lesungen sind voll besetzt. Eine Produktionsfirma hat die Filmrechte gekauft und die Jury des Stuttgarter Krimipreises das Debüt zur Sichtung angefordert. Feierstimmung kommt dennoch nicht auf: Nienke Jos steckt mitten in der Arbeit am zweiten Teil, der 2018 erscheint. „Es wird keine Zeit ohne Schreiben mehr geben“, verspricht sie. Wir sind gespannt auf alles, was kommt.

Anita Strecker

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