Literatur-Nachrichten

Gegen den Strich

Er war eine explosive Doppelbegabung: Vor 175 Jahren wurde der Dichter und Zeichner Wilhelm Busch geboren.

Mit einem zerbrochenen Teller hat sich Wilhelm Busch nie begnügt. Die Katastrophe bei ihm bekommt stets etwas Lawinenhaftes. Einmal entfesselt, reißt sie alles mit, wird größer und immer gewaltiger, bis scheinbar die ganze, gerade noch so heile Welt im heillosen Chaos versinkt. Schmerz und Pein sind obligatorisch. Abstehende Körperteile, Ohren etwa, vor allem Nasen, werden eingeklemmt, lang gezogen, abgetrennt. Explosionen reißen die gewohnte Ordnung auseinander. Feuer brechen aus. Und am Ende muss nicht selten jemand auf äußerst pittoreske, aber durchaus qualvolle Weise sein Leben lassen. Das Wunderbare jedoch an diesem Zerstörungswütigen ist, dass seine in wohlgesetzten Reimen vorgetragenen, alles vernichtenden Todesspiralen so komisch sind wie nur wenig sonst in der Geschichte der Literatur. Das frühe anarchische Kino konnte es ein Jahrhundert später schon eher mit Busch aufnehmen. Wenn Oliver Hardy und Stan Laurel im Hochsommer versuchen, Weihnachtsbäume an den Mann zu bringen und am Ende ihrer Bemühungen als ehrbare Kaufleute ein komplettes Einfamilienhaus in Schutt und Asche legen, dann feiert der Widerstandsgeist à la Busch hier fröhliche Urständ. Widerstand wogegen? Busch macht in seinen Bildergeschichten, in deren Hintergrund der Scharfrichtergeist des Philosophen Arthur Schopenhauer weht, nicht viel Federlesens. Staat und Kirche bekommen ebenso ihr Fett weg wie das sich in biedermeierlicher Gemütlichkeit einrichtende Bürgertum. Ehe und Erziehung, Haustierhaltung und gepflegter Alkoholismus, das ganze Getue, wonach, wer immer Treu und Redlichkeit übe, auf Erden oder spätestens im Himmel entlohnt werde – all das lässt Busch mit lustvollem Getöse in Scherben gehen. Seltsam eigentlich für einen, der eher ein Ruhiger gewesen ist, der sich die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens damit begnügte, in diversen norddeutschen Provinz-Pfarrhäusern zu sitzen und ziemlich unaufgeregte Ölbilder zu pinseln. Hatte Busch vielleicht insgeheim ein Trauma zu verarbeiten? War ihm, der nie geheiratet hat, irgendwann von den Frauen übel mitgespielt worden? Nicht wirklich. In seiner autobiografischen Skizze „Von mir über mich“ schildert er sich zwar als „Sonderling“, aber als einen, der sich nie daran störte, immer ein wenig außerhalb der Gesellschaft und ihrer Normen zu existieren. Und alle Ehemänner, so plädiert Busch hier, hätten gefälligst eine Steuer zu leisten, die den Junggesellen zugutekommen sollte. Werdegang eines Widerspenstigen Am 15. April 1832 wurde dieser spätere Exzentriker in dem Örtchen Wiedensahl im Hannoverischen als Sohn eines Kaufmanns geboren. Weil nach ihm immer mehr Geschwister eintrafen – sechs insgesamt –, musste Wilhelm 1841 das Feld räumen. Fortan übernahm sein Onkel, ein Pastor aus Ebergötzen bei Göttingen, die Erziehung. Ein Maschinenbaustudium, zu dem ihn sein Vater drängte, gab Busch nach vier unerquicklichen Jahren 1851 auf. Und begann auf der Düsseldorfer Akademie das zu lernen, wofür er sich – neben der Beschäftigung mit Bienen – seit je interessierte: Kunst. Nach einer Zwischenstation in Antwerpen landete er auf der Akademie in München. In der mit einer ansehnlichen Zahl an Freigeistern versehenen Stadt wurde Busch zu dem, für das ihn bereits seine Zeitgenossen liebten und für das er bis heute als Klassiker verehrt wird: der Zeichner und Dichter kurioser Bildergeschichten. Diese veröffentlichte er in Witzzeitungen wie den „Fliegenden Blättern“ oder dem „Münchner Bilderbogen“. 1865 zum Beispiel die Streiche zweier Buben, die die Honoratioren eines Dorfes zur Weißglut treiben, bis sie schließlich in einer Mühle klein geschrotet und von den Gänsen gefressen werden. Die aberwitzige Moritat wurde ein Riesenerfolg. Buschs Verleger Kaspar Braun machte Reibach, während der Autor mit einer bescheidenen Summe abgespeist wurde. Bereits 1870 wurde „Max und Moritz“ ins Amerikanische übersetzt und dort zum direkten Vorbild für die „Katzenjammer Kids“, eine Bilderserie, die ab 1897 im „New York Journal“ erschien und als erster Comicstrip der Welt gilt. Da hatte Wilhelm Busch sich schon lange aufs Altenteil zurückgezogen. Er hatte in regelmäßigen Abständen (bis 1884) Bildergeschichten wie „Hans Huckebein“, „Die fromme Helene“ oder „Fipps der Affe“ folgen lassen und war damit zum Volksschriftsteller avanciert. Dann kehrte er in seinen Geburtsort Wiedensahl zurück, ließ sich einen Rauschebart wachsen, gründete mit seiner Schwester, einer Pastorenwitwe, eine Wohngemeinschaft und kümmerte sich um deren drei Kinder. Noch einmal packt Busch seine Sachen: 1898 bekommt der Neffe Otto Nöldeke eine Pfarrstelle in Mechtshausen am Harz und holt die Seinen nach. In diesem Städtchen lebte Busch bis zu seinem Tod am 9. Januar 1908. Und hat wohl ab und zu in sich hineingelacht, wenn ihm zu Ohren kam, dass seine Verse in aller Munde waren. „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“ – das ist ebenso Busch wie die allzeit gültige Weisheit „Es ist ein Brauch von alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör!“. Und wer immer dachte, der Name Hoppenstedt gehöre ganz und gar zu Loriot – nix da. Auch der ist Teil des kolossalen Lachprogramms des Wilhelm Busch.

Peter Zemla

Titel

  1. Und die Moral von der Geschicht
    • VerlagC. Bertelsmann
    • ISBN 9783570030042

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  2. Eduards Traum
    • VerlagManesse
    • ISBN 9783717540601

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  3. Der Schmetterling
    • VerlagManesse
    • ISBN 9783717540618

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  4. Gedichte und Bildergeschichten
    • VerlagDiogenes
    • ISBN 9783257065602

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