Literatur-Nachrichten

Der ewige Fremde

Als Jude blieb er immer Außenseiter: Der amerikanische Schriftsteller Louis Begley und sein neuer Roman „Ehrensachen“.

Louis Begleys Hauptfiguren bewegen sich in der Welt des amerikanischen Ostküsten-Geldadels. Es ist eine Welt der Anwälte, Richter und noblen Kunstsammler. Eine privilegierte Atmosphäre herrscht hier, die geprägt ist von Konventionen, Zwängen, Traditionen. Die Begley-Helden beherrschen diese Konventionen durchaus, sie sind Teil dieser Welt, und doch sind sie zugleich Außenseiter, erfüllt von einem existenziellen Fremdheitsgefühl. Etwas ist anders an ihnen – sie sind Juden. Die elementare Grunderfahrung des Holocaust, der in dieser wohlerzogenen, wohlsituierten Gesellschaft so fern scheint, lauert drohend im Hintergrund, als großer Behinderer, ja oft sogar Verhinderer eines normalen Lebens. Begley wurde 1933 als Ludwig Beglejter in Polen geboren und überlebte die nationalsozialistische Verfolgung auf abenteuerliche Weise. Mit gefälschten Papieren, als Katholik getarnt, reiste er mit seiner Mutter durch das Land. Während seine Großeltern väterlicherseits von den Nazis ermordet wurden, entging er dem Getto, erlebte das Ende des Krieges in Krakau, wo Mutter und Sohn schließlich wieder auf den Vater trafen. Nach knapp zwei Jahren Schulzeit in Krakau – Ludwigs erster regulärer Schulbesuch überhaupt – ließ sich die Familie zunächst in Paris nieder. Im März 1947 übersiedelten die Beglejters in die USA, nach New York. Den Familiennamen änderten sie in Begley, und aus Ludwig wurde Louis. Begley holte sein fehlendes Schulwissen problemlos auf. Er studierte in Harvard Jura, schloss das Studium mit der Auszeichnung magna cum laude ab und arbeitete als Anwalt in einer renommierten New Yorker Kanzlei. Hier schließt sich der Kreis zu seinen Romanen – die Begley-Protagonisten sind darum in sich so schlüssige, so glaubwürdige, aber auch in ihrer Gebrochenheit so erschütternde Charaktere, weil in jedem von ihnen ein mal mehr, mal weniger großes Stück Begley steckt. Erst 1991, im Alter von 58 Jahren, debütierte er mit dem Roman „Lügen in Zeiten des Krieges“, der seine Flucht- und Überlebensgeschichte erzählt – vielleicht brauchte die Geschichte so lange, bis sie aufgeschrieben werden konnte. Danach folgten in rascher Folge sechs weitere Romane, darunter auch der mit Jack Nicholson verfilmte „About Schmidt“. Das eigene Leben als Romanstoff In „Ehrensachen“, seinem neuen Roman, der in Deutschland und den USA nahezu gleichzeitig erschienen ist, greift Begley erneut auf den eigenen biografischen Stoff zurück – die Daten und äußeren Umstände sprechen dafür. Doch Begley sichert sich durch einen erzähltechnischen Kniff ab: Nicht Sam, der Ich-Erzähler, ist die zentrale Gestalt des Buches – er fungiert eher als eine Art Medium –, sondern Henry, der Jude, der in den frühen 50er-Jahren Sams Mitbewohner in Harvard wird. So gelingt es Begley, eine beobachtende Distanz zu den Geschehnissen und zu sich selbst zu schaffen. Drei Figuren mit denkbar unterschiedlicher Sozialisation stoßen gleich auf den ers-ten Seiten in Harvard zueinander – und werden sich in den darauf folgenden Jahrzehnten nur noch schwer voneinander lösen können: Sam, der vor nicht allzu langer Zeit erfahren hat, dass seine ihm nicht gerade sympathischen Eltern ihn nur adoptiert haben, Archie, ein gewandter und gewitzter, aber nicht sonderlich intelligenter Draufgänger, und Henry White. Sam bemerkt sofort, dass zwischen Henry und der gediegenen College-Umgebung ein ebenso unmerklicher wie unüberbrückbarer Riss klafft: Eine Spur anders spricht Henry, einen Tick daneben liegt er in der Auswahl seiner Garderobe. Die jüdische Identitätsbildung der Familie White (die sich in Polen noch Weiss nannte) ist in „Ehrensachen“ ein zentrales Motiv. Nicht aber für Henry, der zunächst jegliche Auskünfte über sich und insbesondere über das Überleben in Polen ablehnt. „Eine freundliche Dame hat meine Mutter und mich versteckt. Ein freundlicher Mann hat meinen Vater versteckt.“ So lautet seine lakonische Antwort auf zögerlich an ihn herangetragene Fragen. Henry wehrt sich dagegen, das Jüdischsein als festen Bestandteil seines Selbst anzuerkennen. Ein labyrinthisches Geflecht von Schuld und Schuldzuweisungen baut der Autor Begley hier auf, das Ganze inmitten einer Gesellschaft, in der ein unausgesprochener Antisemitismus geradezu natürlich erscheint. Wir haben im Grunde nichts gegen die Juden – wir wollen nur nichts mit ihnen zu tun haben, so könnte man die Haltung, die hinter allem lauert, auf den Punkt bringen. Wie überhaupt Begley unter der Oberfläche eine Vielzahl von Themen verhandelt: Er schildert eine intensive Freundschaft über mehr als ein halbes Jahrhundert und verschiedene Kontinente hinweg, reflektiert den Prozess des Erwachsenwerdens, entwirft ein Bild der Ostküsten-Upperclass und erzählt eine Liebesgeschichte. All dies kleidet Begley in seine gewohnt distanziert-elegante, mal ironisch blitzende, mal tragisch aufgeladene Sprache, die ihren Stoff mühelos trägt und immer wieder weiterbringt. „Ehrensachen“ ist sein bislang umfangreichster Roman. Und einer seiner besten.

Christoph Schröder

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