Literatur-Nachrichten

Der DNA-Horror

Wenn die Affen sprechen: In „Next“ schildert Michael Crichton die Auswüchse der Genforschung.

Noch bevor er überhaupt loslegt mit seinem neuen Roman, sorgt Michael Crichton, der uneingeschränkte Herrscher auf dem Feld des Wissenschaftsthrillers, mit der ihm eigenen augenzwinkernden Art für Klarheit: „Dieser Roman ist reine Fiktion, bis auf die Passagen, für die das nicht gilt.“ Und dann entfaltet er – auf einer Vielzahl von Schauplätzen, mit einer Legion an Figuren – ein ausgreifendes Panorama, in dem grelle Schlaglichter auf jene Szene geworfen werden, die in den USA mit Genforschung beschäftigt ist. Es treten auf: inkompetente und karrieregeile Wissenschaftler, überforderte Richter, skrupellose Geschäftsleute und eine hysterische, von unwissenden Journalisten aufgeputschte Öffentlichkeit. Was sie alle elektrisiert, ist die Aussicht, mit ein wenig Herumgeschraube am Erbgut die Probleme der Welt zu lösen. Während hierzulande die Politiker das Thema Genforschung noch mit einer Unantastbarkeitsaura umgeben, wird Crichton zufolge in den Vereinigten Staaten ohne Rücksicht auf Verluste fröhlich experimentiert. Und anschließend mit Begeisterung patentiert. Kaum glaubt ein Labor, das Gen für Aggression, Geselligkeit oder Konsum entdeckt zu haben, schon wird es als Eigentum reklamiert. Auf dass alle, die künftig mit diesem Gen Umgang pflegen, satte Lizenzgebühren berappen müssen. Eigentumsrechte auf menschliche Körperbestandteile zu vergeben hält Crichton für einen Skandal. Um das zu veranschaulichen, schickt er Frank Burnet ins Romanrennen. Der Mann hat eine Leukämieerkrankung überstanden, weil seine Zellen sich als krebsresistent erwiesen. Ohne sein Wissen hat die behandelnde Klinik diese aus Blut- und Gewebeproben gewonnenen Zellen an ein Biotechnologieunternehmen verkauft. Als dem später die profitablen Proben abhandenkommen, wird ohne viel Federlesens ein Kopfgeldjäger engagiert, der bei Burnet oder seinen Nachkommen Nachschub besorgen soll. „Next“ bietet an Unglaublichem aber noch vieles mehr: einen mit menschlicher DNA geimpften Schimpansenjungen zum Beispiel, der prima sprechen und noch besser zubeißen kann. Oder einen genbehandelten Papagei, der mit seiner intelligenten Geschwätzigkeit alle zur Weißglut treibt. Am Ende haben die Bösen ihr Fett abbekommen, während die Guten das Miteinander in einer Transgen-Familie proben. Was dem Leser aber zu denken gibt, ist Crichtons Mahnung, den Machern der schönen neuen Welt ein wenig besser auf die Finger zu sehen. Vita Michael Crichton, 1942 geboren, studierte in Harvard Medizin. Der SF-Thriller „Andromeda“ bescherte ihm 1969 den Durchbruch als Autor. Seither gelangen ihm etliche Bestseller – zuletzt „Welt in Angst“ –, die fast alle verfilmt worden sind („Jurassic Park“). Der viermal geschiedene Crichton lebt in Los Angeles.

Balthasar Hauer

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