Literatur-Nachrichten

Im Dienste der Wahrheit

Anna Politkovskaja stellte unbequeme Fragen. Dafür bezahlte die ebenso streitbare wie ehrbare Journalistin in Putins Wirtschaftswunderland mit ihrem Leben.

Im Kinderheim Nr. 25 leben die Verlierer von Russlands Erfolgsgeschichte. Als Anna Politkovskaja sie besucht, ist gerade Dmitri Dmitrijewitsch eingeliefert worden, schwer krank, knapp ein Jahr alt. Um laufen zu lernen, hängt er in einem Gestell. Spielzeug interessiert ihn nicht, wohl aber faszinieren ihn Menschen. Er kennt die Journalistin noch nicht, will sich der Heimleiterin zuwenden. Seine Beinchen sind zu schwach. Die Leiterin hilft ihm nicht. Sie feuert ihn an: „Los, Dmitri Dmitrijewitsch, pack das Leben! Kämpfe!“ Das Kinderheim Nr. 25 liegt an der Peripherie Moskaus – weit entfernt von den Zentren der neuen Reichen und Mächtigen, die die 1958 geborene Journalistin Anna Politkovskaja sonst beobachtet hat. Die Mitarbeiterin der Moskauer Zeitung „Novaja Gazeta“ hat die Operationen durchleuchtet, die 2004 zur Wiederwahl Putins führten. Von lupenreiner Demokratie war nichts zu sehen, sehr viel aber von dreister Wahlfälschung, von Einschüchterung, von Gleichschaltung der Medien und Ausschaltung der Opposition. Anna Politkovskaja hat nach den Ursachen des Tschetschenien-Krieges, der blutigen Terroranschläge und der noch blutigeren Befreiungsaktionen bei den Geiselnahmen in Moskau und in der Schule von Beslan gefragt. Sie hat sich exponiert, fand ihren Namen auf den Abschusslisten politischer Extremisten. Als sie am 7. Oktober 2006 in Moskau ermordet wurde, reagierte man im Ausland – empört, doch viel zu spät. Verzweifeltes Engagement In ihrem „Russischen Tagebuch“ analysiert Anna Politkovskaja die Entwicklung in Russland, an deren Ende ausgerechnet die Kommunisten als letzte Gegner eines totalitären Systems dastehen könnten. Nach einem Privatleben wird man in diesen Aufzeichnungen aus den Jahren 2003 bis 2005 vergeblich suchen, doch aus den Passagen, in denen sie ganz persönlich schreibt, sprechen ein Engagement, eine Verzweiflung und eine immer wieder niedergerungene Angst, die ihre Existenz buchstäblich aufzehren. Anna Politkovskaja hat diese Notizen noch selbst für die Buchausgabe überarbeitet und ergänzt. Da ist etwa das Interview, das sie mitten in der Höhle des Löwen mit dem tschetschenischen Milizenführer und Putin-Vertrauten Ramsan Kadyrow führt. Dieser „Jüngling mit dem geistlosen Gesicht eines Degenerierten“ ist Herr über Leben und Tod, doch beim Lesen hat man den Eindruck, dass er gar nicht versteht, was für kritische Fragen Anna Politkovskaja ihm stellt. „Du bist eine Feindin“, ruft er ihr schließlich zu. „Ich steige in das Auto und denke, dass sie mich unterwegs, auf dieser dunklen Straße mit all ihren Kontrollpunkten, bestimmt umbringen“, notiert sie. Doch der Mann am Steuer will sie nicht umbringen; er will ihr nur seine eigene Geschichte erzählen. Das ist die russische Misere. Jeder denkt nur an seine eigene Geschichte, an seine eigenen Probleme, die jemand anders für ihn lösen soll. Statt auf demokratische Prinzipien setzt man lieber auf starke Männer, die Rentenzuschläge und andere staatliche Zusatzleistungen versprechen und „Terroristen“ entschlossen bekämpfen wollen. Oppositionspolitiker werden von den Machthabern öffentlich verhöhnt, sie seien Versager, die nichts zu entscheiden und zu verteilen hätten. Kritische Stimmen werden aus den Programmen genommen oder übertönt. Der Mord an Anna Politkovskaja ist von absurder Tragik, weil ihr Tagebuch zeigt, wie leise und machtlos die Stimme der Kritik in Russland geworden ist. Russlands Zukunft und vielleicht seine Hoffnung lebt derweil auch im Kinderheim Nr. 25, wo der kleine Dmitri Dmitrijewitsch die Journalistin, die ihn dort besuchte, wohl schon längst vergessen hat. Am Ende aber hatte sein Wille über die Schwäche gesiegt: „Und nach einer Weile schafft er es tatsächlich, sich ohne fremde Hilfe mit dem Laufgestell zu drehen. Ein großer Sieg.“

Ulrich Baron

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