Belletristik / Titelgeschichte

Kazuo Ishiguro© Jeff Cottenden

Meister der Melancholie

Der Literaturnobelpreis rückt mit Kazuo Ishiguro einen Schriftsteller ins Rampenlicht, der beides glänzend beherrscht: tiefgründig und zugleich packend zu erzählen. 

Als Kazuo Ishiguro aus bekanntem Anlass im Oktober mit Stockholm telefonierte, verschwieg er nicht, wie „toll“ er es findet, direkt auf Bob Dylan zu folgen, seinen „wahrscheinlich größten Helden“ seit 50 Jahren. Aufschlussreich ist, dass der inzwischen 63-jährige Schriftsteller als Teenager sein musikalisches Talent in Clubs rund um London auf Karrieretauglichkeit testete. Doch zum Glück – zumindest aus Sicht aller Literaturbegeisterten – hat er sein Berufsbild frühzeitig revidiert. 

Rund 35 Jahre, nachdem Ishiguro mit seinem Debüt „Damals in Naga­saki“ beeindruckte, dem Porträt einer von späten Schuldgefühlen heimgesuchten Mutter, umfasst sein Œuvre nunmehr sieben Romane, Kurzgeschichten, daneben Drehbücher und Liedtexte. So weit, so schmal? Zu diesem Urteil kann nur gelangen, wer diesem Autor bislang nur indirekt, nämlich in Gestalt der – zugegebenermaßen kongenialen – Verfilmungen seiner beiden berühmtesten Romane, begegnet ist. Doch Anthony Hopkins kann bei „Was vom Tage übrig blieb“ noch so sehr als dienstversehrter, übertrieben pflichtbewusster Butler brillieren – erst im Buch zeigt sich die ganze Tragik des Selbstbetrugs eines Mannes, der gen Ende seines Lebens allenfalls für Sekunden spürt, wie armselig-wichtigtuerisch seine Loyalität für einen Lord mit Nazi-Sympathien eigentlich war. 

Und Carey Mulligan kann sich in der Kinoversion von „Alles, was wir geben mussten“ noch so anstrengen, Kathy H., 31, zu verkörpern – erst beim Lesen entfalten ihre tastenden Erinnerungen an ein vermeintlich behütetes Aufwachsen in dem Internat Hailsham, wie ungeheuerlich inhuman in dieser dystopischen Welt die Möglichkeiten der Biotechnologie genutzt werden; pikanterweise nicht in der Zukunft, sondern in „England, am Ende des 20. Jahrhunderts“.  

Existenzielle Fragen
Nein, Kazuo Ishiguro ist kein Autor, der mit seinen Büchern zur Empörung angesichts gesellschaftlicher Missstände anstachelt. Vielmehr lotet er mit ergreifenden, psychologisch präzisen Einzelschicksalen die Grundbedingungen menschlichen Seins aus. Wie vermeiden wir es, unser Leben zu vergeuden? Wie bewältigen wir das Wissen um die eigene Sterblichkeit? Bekanntermaßen ist es ein Indiz für große Literatur, solche Fragen zwar aufzuwerfen, sie aber nicht mit einfachen Antworten stillzustellen. 

Wer sich aus der Schulzeit den Verdacht bewahrt hat, derlei Tiefgründigkeit sei nicht ohne unerquickliche Lektüreerlebnisse zu haben, irrt: Ishiguro gelingt es beständig, existenzielle Fragen mit Lesevergnügen zu verbinden. Und das, obwohl seine Bücher vor allem traurig stimmen. „Ich weine nicht beim Schreiben“, hat er einmal der „taz“ im Interview trocken versichert.

Kazuo Ishiguro ist ein Meister der Melancholie – wer sein literarisches Universum betritt, lernt Innenwelten voll gebändigter Verzweiflung kennen. Schuldig werden seine vielschichtigen Figuren dabei in erster Linie an sich selbst: indem sie ihr Leben den falschen Zielen widmen, wie auch der opportunistisch mit den japanischen Faschisten paktierende Künstler aus „Der Maler der fließenden Welt“. Ishiguros Bücher bringen uns mit unaufdringlichem Humanismus nahe, was wir allzu gern verdrängen: dass die eigene Erfahrungswelt ebenso begrenzt ist wie die Möglichkeiten individueller Glückssuche – und Selbstverwirklichung letztlich einer narzisstischen Illusion gleichkommt. 

Freilich ist es kein Zufall, dass Ishiguros Charaktere zu Lebensbeichten neigen: „Mich interessiert sehr, wann wir uns erinnern, uns der Vergangenheit stellen sollten und wann lieber vergessen“, sagt der Autor im Trailer zu seinem neuesten Buch „Der begrabene Riese“. Der historisch-fantastische Roman beschwört das artussagenhafte Großbritannien des 5. Jahrhunderts unwirtlicher als üblich herauf: als postapokalyptisches Szenario inklusive Menschenfressern, Drachen und eines eisigen, das kollektive Gedächtnis betäubenden Nebels. „Es tut mir leid, dass ich kein hübscheres Bild von unserem Land, wie es damals war, zeichnen kann, aber so ist es eben“, lautet der lapidare Kommentar des Erzählers. Eine Textstelle, die getrost als süffisant einzustufen ist; immerhin stammt sie von einem Autor, der hier nicht zum ersten Mal ein typisch englisches Klischeebild zerlegt. Auch wer melancholische Meisterwerke schreibt, kann schließlich Humor haben.

Andrea Rinnert

Titel

  1. Was vom Tage übrig blieb
    • VerlagBlessing
    • Preis 20,00 €
    • ISBN 9783896676313

    bestellen

  2. Alles, was wir geben mussten
    • VerlagBlessing
    • Preis 20,00 €
    • ISBN 9783896676320

    bestellen

  3. Der begrabene Riese
    • VerlagBlessing
    • Preis 22,99 €
    • ISBN 9783896675422

    bestellen

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld