Romane
Es gibt zwei Typen von Reisejournalisten. Der eine möchte nichts lieber, als seinen Lesern zu vermitteln, dass die Welt wunderschön und immer eine Reise wert ist. Der andere hält es differenzierter: Er blickt hinter die Kulissen, deckt Mängel auf und verknüpft das Erlebte auch mal mit weniger beschaulichen globalen Zusammenhängen. Und er hat womöglich ein großes Vorbild: den „Jahrhundertjournalisten“ Ryszard Kapuscinski.
Er kannte sich überall aus, der Schriftsteller und Reporter Kapuscinski, der im Januar 74-jährig verstorben ist. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat er die Welt durchquert, und wohl nur wenige haben so viel von ihr gesehen wie dieser Philosoph in der Maske des Journalisten. Gereist ist er meistens dorthin, wo es richtig wehtat. Kapuscinski hat mehr als 30 Staatsstreiche, Umstürze und Revolutionen hautnah erlebt, unzählige Staatsmänner und Tyrannen wie Nasser, Idi Amin und Che Guevara persönlich gekannt.
Zuletzt hatte sein Körper sechs Bypassoperationen zu verkraften und war geschwächt von zahllosen Malaria-Schüben. Doch seine Rastlosigkeit trieb ihn weiter an, selbst dann, als er nur noch mit dem Finger über seine Notizen reisen konnte: „Die Wirklichkeit verändert sich so rasend schnell, dass das, was du gerade schreibst, sofort zur Archäologie wird. Wenn ich nach Lateinamerika oder nach Indien zurückkehre, erkenne ich die Orte nicht wieder, wo ich doch gerade erst gewesen bin. Ich muss reisen, sonst habe ich keine Vorstellung von der Welt.“
Vom Flüchtling zum Reporter
Ryszard Kapuscinski wurde am 4. März 1932 in Pinsk geboren, das damals noch polnisch war und heute zu Weißrussland gehört. Er wuchs in einer Lehrerfamilie auf. 1940 floh er mit seiner Mutter vor der drohenden Verschickung nach Sibirien. 1945 zog die Familie nach Warschau. Dort heiratete er 1952 Alicja Mielczarek und begann im selben Jahr sein Studium der Geschichte an der Universität Warschau.
Als Korrespondent der polnischen Nachrichtenagentur PAP fuhr Kapuscinski 1955 erstmals nach Asien. Er war wie betäubt von der Explosion neuer Eindrücke und ließ sich in Indien als Korrespondent akkreditieren. Während die westlichen Journalistenkollegen mit ihren Devisen klimperten und bevorzugt in den Bars der Grandhotels recherchierten, zählte der junge Pole seine mageren Zlotys und übernachtete in Dörfern und Bambushütten. Er lebte so wie die einfachen Menschen, über die er berichtete. Und er war glücklich dabei.
In den Jahren darauf schrieb Kapuscinski brillante Reportagen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa. Immer wieder begab er sich in Kriegs- und Krisengebieten in Lebensgefahr, verfasste eine umfassende Studie über Glanz und Zerfall des sowjetischen Imperiums und reflektierte über das Alleinsein in der Fremde. Vor allem anderen aber hat er den konfliktgeladenen Prozess der Entkolonialisierung begleitet: erst als Auslandskorrespondent für polnische Zeitungen, dann im Auftrag westlicher Medien, schließlich als freier Schriftsteller.
Afrika verbunden
Ryszard Kapuscinski fühlte eine persönliche Verantwortung für den Schwarzen Kontinent, was er in einem Interview mit der „taz“ deutlich machte: „Ich bin ja der letzte Zeuge des Prozesses der Entkolonialisierung, der letzte, der die Entwicklung des neuen Afrika von Anfang an verfolgt hat. Alle Kollegen aus der Zeit der Befreiungskämpfe sind entweder getötet worden oder haben den Beruf oder zumindest die Sparte gewechselt.“
Die Fähigkeit, sich in fremde Kulturen einzufühlen, und die erzählerische Ausgestaltung des Materials – diese Qualitäten charakterisierten alle seine Reisegeschichten. Salman Rushdie lobte einmal die „atemberaubende Mixtur aus Reportage und Poesie“, John Updike begeisterte die „magische Eleganz seines Stils“. In Polen war Kapuscinski ein Star. Die Leser der Zeitung „Gazeta Wyborcza“ wählten ihn zum „Polnischen Journalisten des Jahrhunderts“.
Neben Stanislaw Lem ist Kapuscinski weltweit der bekannteste polnische Autor. Seine Bücher wie „Der Fußballkrieg“, „König der Könige“, „Schah-in-schah“ oder „Reisen mit Herodot“ sind in rund 30 Sprachen übersetzt worden. Wer seiner Denkweise näherkommen möchte, findet in „Notizen eines Weltbürgers“ eine reiche Sammlung an Beobachtungen, Tagebuchsplittern und Reflexionen. Kapuscinski verstand sich selbst auch als Mahner einer Gesellschaft, die sich blasiert als Nabel der Welt sieht.
Gerade Europa laufe Gefahr, die Augen zu verschließen und provinziell zu werden, meinte er, während sich ringsherum alles in einem radikalen Umbruch befände. Was man dagegen tun kann? Reisen. Richtig reisen.
Der rastlose Pole erinnerte dabei gern an Homers Odyssee: „Wo immer Odysseus auf seinen Reisen hinkam, wurde er freundlich aufgenommen. Damals unterschied man noch nicht so eindeutig zwischen der Welt der Götter und der Welt der Menschen. Man konnte also nie wissen, ob der Fremde nicht vielleicht doch ein Gott war. Und das ist vielleicht so etwas wie meine Philosophie: In jedem Fremden wohnt ein Gott!“
Hans Schloemer
| Titel | |
|---|---|
|
Ryszard Kapuściński Kapuścińskis Welt Eichborn / Lido - 26,95 € (D) / 27,20 € (A) / 45,95 sFr Format: 5 CDs ISBN: 978-3-8218-5448-9 Bestellen |
|
|
Ryszard Kapuściński Notizen eines Weltbürgers Eichborn - 19,90 € (D) / 20,50 € (A) / 33,90 sFr Format: 304 S. ISBN: 978-3-8218-5756-5 Bestellen |
|
|
Andrea Bocconi Reisen und bleiben Dörlemann - 19,80 € (D) / 20,40 € (A) / 34,00 sFr Format: 260 S. ISBN: 978-3-908777-28-1 Bestellen |
|
|
Raoul Schrott Die Fünfte Welt Haymon - 17,90 € (D) / 17,90 € (A) / 31,70 sFr Format: 128 S. ISBN: 978-3-85218-524-8 Bestellen |
|
|
Curzio Malaparte Zwischen Erdbeben Eichborn - 30,00 € (D) / 30,90 € (A) / 49,90 sFr Format: 364 S. ISBN: 978-3-8218-4582-1 Bestellen |
|


