Romane

fassen sie sich bitte kurzfassen sie sich bitte kurz

23.05.2007

Ganz ehrlich

Ein Dichter als Staatspräsident: Václav Havel beschreibt seine unvergleichliche Lebensgeschichte.

Schlagworte:

Da verbringt einer fünf Jahre im Gefängnis und 13 Jahre an der Spitze des Staates. Da wird ein Künstler erst zum Dissidenten und dann zur politischen Kultfigur. „Wie ein Märchen“ kommt Václav Havel die eigene Lebensgeschichte manchmal vor. Dass gerade ihm, dem Feingeist, dem Schriftsteller, ein solch abenteuerliches Schicksal zuteil wurde – es wundert ihn oftmals selbst.
Seine Autobiografie ist völlig unprätentiös – und ungemein lebendig. Kein Triumphator, sondern ein Mensch mit Schwächen und Ängsten. So hat ihn nie der Zweifel verlassen, ob es richtig war, Staatspräsident zu werden. „Nicht meiner Rede applaudieren sie, sondern meiner Ikone“, schreibt er.
War das hohe Amt unausweichlich? War es gut, dem Drängen der politischen Weggefährten – und dem eigenen Verantwortungsgefühl – nachzugeben? Politik ist für ihn „Galeerensklaverei“. Sie bedeutet, „immer eine Krawatte tragen müssen, immer lächeln, immer fürchten, etwas falsch zu machen“ – und „Reden, Reden, Reden“.
Wie schön und ruhig dagegen der Schriftstellerberuf: „In ein paar Wochen schreibt man etwas auf, und es ist auf ewig da! Was bleibt von Präsidenten oder Premierministern? Eine verworrene Erwähnung in Schulbüchern.“
Dass Havel ein Autor von Profession ist (mit einem vielfach ausgezeichneten literarischen Werk) – man merkt es auf jeder Seite von „Fassen Sie sich bitte kurz“. Ein besonderer Reiz dieser Memoiren liegt in der ungewöhnlichen Form. Sie folgen dem Montageprinzip: Havel fügt Alltagsäußerungen – Tagebuchaufzeichnungen, Interviewantworten und Anweisungen an die Mitarbeiter seiner Präsidialkanzlei – zu einem facettenreichen Gebilde zusammen. Er vereinigt Momentnotizen aus verschiedenen Zeitstufen, die einander spiegeln, einander widersprechen, einander bestätigen – und dem Ganzen den Eindruck absoluter Authentizität verleihen.
Die Jahre von Havels politischem Wirken waren die Zeit der „Samtenen Revolution“ in Prag. Die Zeit, als der Warschauer Pakt aufgelöst wurde, als Tschechei und Slowakei begannen, getrennte Wege zu gehen. Schwerwiegendes ereignete sich auch im privaten Leben: Havels Frau wurde krank und starb, er heiratete wieder und durchlitt nach Jahrzehnten des Rauchens lebensbedrohliche Operationen, die ihn die halbe Lunge kosteten.
Helmut Schmidt hat einmal gesagt, ein Autobiograf laufe immer Gefahr, sich schöner darzustellen, als er sei, und deshalb werde es von ihm, Schmidt, nie Memoiren geben. Václav Havel hat den Gegenbeweis geliefert.

Vita
Václav Havel, 1936 geboren, war von 1989 bis 1992 Staatspräsident der Tschechoslowakei, danach bis 2003 Präsident von Tschechien. Als Schriftsteller setzte er sich seit 1968 gegen die kommunistische Herrschaft in seiner Heimat zur Wehr und gründete das Bürgerforum und die Charta 77. 1989 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Christian Dombrowski

Titel
Václav Havel
Fassen Sie sich bitte kurz
Rowohlt - 19,90 € (D) / 20,50 € (A) / 34,90 sFr
Format: 416 S.
ISBN: 978-3-498-02990-6
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