Belletristik / Im Porträt

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Die Ermordung des Commendatore Band 1

Beim Schreiben träumen

Ein Maler, dem die Wirklichkeit zu entgleiten droht: Haruki Murakamis neuer Roman ist ein grandioses Spiel im Grenzbereich zwischen Fantasie und Realität. 

In Haruki Murakamis Romanen geht es nicht immer mit rechten Dingen zu, und sein neues Werk ist da keine Ausnahme. Dabei beginnt alles ganz irdisch: Der Erzähler, ein Maler, hat sich mit Porträts einen Namen gemacht, musste seine künstlerischen Ambitionen dafür allerdings zurückstellen. Als jedoch seine Frau ihn verlässt, verliert er den Boden unter den Füßen. Wochenlang reist er durch Japan, bis er im Haus des berühmten Künstlers ­Tomohiko Amada Unterschlupf findet und versucht, seine Kreativität wiederzufinden. Dann erhält er einen Auftrag: Der Nachbar, ein gewisser Wataru Menshiki, möchte sich von ihm porträtieren lassen. Keine einfache Aufgabe, denn Menshiki bleibt seltsam ­ungreifbar und es ist dem Maler unmöglich, zum Kern seines ­Wesens vorzustoßen.

Haruki Murakami© Markus Tedeskino / Agentur Focus

All das erzählt Murakami in einer wunderbar poetischen Prosa, in der immer ein Geheimnis lauert. Die Magie im Alltag, der Zauber einer entzauberten Gegenwart faszinieren den japanischen Autor seit Jahren. „Man muss beim Schreiben träumen“, erklärte er in einem Interview, seine Arbeit sei eine Reise ins eigene Innere. Das klingt romantisch, aber dahinter steckt eiserne Disziplin: Murakami schreibt täglich mehrere Stunden lang, bevor er seiner zweiten Leidenschaft frönt: dem Laufen. Schreiben und Laufen – ein strenger Rhythmus, den der 69-Jährige einhält, egal wo er sich gerade befindet. Oft ist Haruki Murakami umgezogen, er lebte in Kobe, Tokio und in den USA, bereiste Griechenland und Italien, und diese Weltläufigkeit spiegelt sich auch in seinem neuen Roman wider. 

Darin entdeckt der Erzähler auf dem Dachboden ein merkwürdiges Bild: „Die Ermordung des Commendatore“ ist im traditionellen japanischen Nihonga-Stil ausgeführt, verweist aber auf Italien und Mozarts „Don Giovanni“. Was wollte Tomohiko Amada damit ausdrücken? Warum ertönen in der Nacht Glockenklänge aus einem Steinhaufen und welche Rolle spielt eigentlich Wataru Menshiki? Immer tiefer gerät der Erzähler – und mit ihm der Leser – in den Sog der Ereignisse, in dem die Realität zusehends brüchig wird und sich schließlich aufzulösen scheint. 

Murakamis Erzählkunst fasziniert dank eines überragenden Sprechers übrigens auch in der ungekürzten Hörbuchfassung: Bei David Nathans meisterhafter Lesung verliert der Roman nichts von seiner hypnotischen Kraft. „Die Ermordung des Commendatore“ ist ein Buch, in dem man versinken kann – und das Vorfreude weckt: Das Erscheinen von Band zwei ist bereits für Mitte April angekündigt. 

Irene Binal

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