Belletristik / Vorgestellt

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Die Herzen der Männer

Väter und Söhne

Nickolas Butlers „Die Herzen der Männer“ spielt im rauen Wisconsin und erzählt von Sehnsucht und Freundschaften, von Niederlagen und Erfolg, Geheimnissen und Gewalt. Ein kraftvoller, warmherziger Roman, der tief in die amerikanische Seele blickt.

Was wäre Amerika ohne die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu entdecken? Ob John Steinbeck oder Annie Proulx, ob David Guterson oder Richard Russo – immer wieder kommen solche Neuentdeckungen aus dem ländlich-kleinstädtischen Raum, jenseits von Eden, wo Schnee auf Zedern fällt und Menschen sich auf ihre Art abmühen, ihr Leben zu meistern.

Und so setzt nun auch der 1979 geborene Nickolas Butler mit „Die Herzen der Männer“ die Neuentdeckung des ländlichen Amerikas fort, die er in seinem Debütroman „Shotgun Lovesongs“ begonnen hatte. „Ohne meine Verbindung zu Wisconsin und zum amerikanischen Mittleren Westen wäre ich verloren in der Welt“, sagt der Autor. Wisconsin ist auch Schauplatz dieses zweiten Romans. 

Butler erzählt hier aus dem Herzen Amerikas heraus, verfolgt drei Generationen von Vätern und Söhnen, zeigt ihre Schwächen und Stärken, ihre Verletzbarkeit und die Verletzungen, die sie anderen zufügen. 

Da ist Nelson. Im Jahr 1962 ist er 13 Jahre alt, vom Vater verachtet, von der Mutter geliebt, ein kleiner Streber, der an seinem Geburtstag vergeblich auf Gäste wartet. Aber dann kommt Jonathan, der 15-jährige Star der Schulmannschaft, und so bekommt Nelson zum Geburtstag, was er sich so sehnlich wünscht – einen Freund. Bald darauf im Pfadfinderlager ist er aber wieder der Prügelknabe, dessen Ehrgeiz ihn zum Außenseiter macht und der erkennen muss, dass selbst Freunde einen im Stich lassen können.

Im Pfadfindercamp 
Während Butler den jugendlichen ­Sadismus von Nelsons Kameraden drastisch ausmalt, spinnt er zugleich an einem Erzählstrang, der weit über dessen Kindheit hinausreicht. In dem Lagerleiter Wilbur, einem Veteranen des Ersten Weltkriegs, findet er ­einen väterlichen Mentor. Und während sich im Camp eine Katastrophe anbahnt, die Nelsons Familie zerreißen wird, wächst sich diese Jugend­geschichte zum ersten Teil eines ­Generationenromans aus, der mehr als ein halbes Jahrhundert amerikanischer Geschichte umspannt.

In den folgenden Teilen sind Nelson und Jonathan selbst zu Angehörigen der Väter- und Großvätergenera­tion geworden, ohne deren Fehler und Schwächen überwunden zu haben.  Weiterhin spielen Amerikas Kriege eine prägende Rolle, aber auch jenes Pfadfindercamp, dessen Leitung Nelson übernommen hat. 

Sein Ehrgeiz und Talent, ein „Eagle Scout“ zu werden, verbinden Butlers Helden nicht nur mit dem Astronauten Neil Armstrong, sondern auch mit dem Filmregisseur Michael Moore. Und so viel das Pfadfindercamp in „Die Herzen der Männer“ über die Auswahl amerikanischer Eliten zeigt, umso mehr noch enthüllt es dessen Bedeutung für deren Mentalität. 

Nicht nur Nelsons Vater hat seinen Sohn ins Camp begleitet. Das Lager sei für viele Väter „eine Art Urlaub von ihren Jobs, ihren Frauen und dem Rest ihres Lebens“, denkt Nelson. Während die Pfadfinderei als Schule der Nation gehandelt wird, erscheint das Lager mit seinen Appellen an Ehre, Anstand und Disziplin auch als Zuflucht vor der Verantwortung.

Mit den Herzen der Männer ist es nämlich auch in den USA nicht so weit her. Butlers Roman ist auch ein Buch über deren Frauen – über „Frauen, die ausharren“, wie es so treffend heißt. Ihr beruflich erfolgloser Mann sei „unendlich frustriert, so voller angestautem Zorn“, urteilt Nelsons Mutter. Innerlich längst von ihm geschieden, sehnt sie den offenen Bruch herbei – und hofft doch zugleich auf eine Besserung. „Diese Hoffnung hatte sie zur Geisel gemacht“, heißt es. Dass ihr Sohn sie aus dieser Geiselhaft befreien könnte, ahnt sie da ebenso wenig wie den Preis, den ­beide dafür zahlen werden. 

Wie schon „Shotgun Lovesongs“ ist auch „Die Herzen der Männer“ ein zugleich einfühlsamer und tragischer Roman über die Ambivalenzen von Freundschaft und Erfolg, familiärer und kleinstädtischer Geborgenheit. Nickolas Butler selbst bekommt dies derzeit zu spüren. Wie sein ehemaliger Mitschüler Justin Vernon, dessen Erfolg als Sänger und Gitarrist er in seinem Debüt literarisch verarbeitet hat, ist auch er jetzt berühmt. Es könnte ihm bald wie einigen seiner Helden gehen, denen ihre Kleinstadt zu eng geworden ist. Noch ist dieser begnadete Autor aber nicht zur Geisel seines Erfolgs geworden, sondern sehnt sich, wenn er in Großstädten unterwegs ist, nach dem Leben auf dem Land: „Ich vermisse es sehr, die Sterne zu sehen. Ich wünschte, ich hätte ­einen großen Garten mit ungefähr einem Dutzend Vogelfutterhäuschen und einen Gemüsegarten.“

Ulrich Baron

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