Literatur-Nachrichten

Ein Gedicht – Der Künstlerin Mascha Kaléko zum 100. Geburtstag

Ihre Erscheinung mit den schwarzen Strubbelhaaren, dem trotzigen Mund und den großen, dunklen Augen hatte etwas Wildes und Unstetes. Gleichzeitig wirkte Mascha Kaléko grazil und mädchenhaft und zwar bis ins Alter: Als der Dichter Christoph Meckel sie in Jerusalem trifft, ist sie 64 Jahre, und noch Jahrzehnte später erinnert er sich an sie als eine „bezaubernd schöne Frau“.

Voll jugendlichem Esprit und Charme trumpft Mascha Kaléko – die am 7. Juni 1907 als Golda Malka Aufen in Galizien geboren wurde – als dichtendes Wunderkind schon im Berlin der Weimarer Republik auf. Ende der 20er-Jahre findet sie Anschluss an die künstlerische Avantgarde, die sich das „Romanische Café“ zum Treffpunkt erkoren hat. Maler, Schauspieler und Literaten wie Kurt Tucholsky, Else Lasker-Schüler oder Erich Kästner sitzen hier, schreiben, diskutieren, träumen von einer besseren Welt. Wenn die junge Frau auftaucht und sich kess berlinernd in die Gespräche einschaltet, kann ihr keiner lange widerstehen. 22 ist sie, als sie ihre ersten Gedichte veröffentlicht. Es sind Verse, die jeder versteht, weil sie von Dingen handeln, die alle erleben: Halsweh, Liebe oder Traurigkeit beim Gedanken an das Gestern und Morgen. Eine Prise Ironie oder Spott vertreibt dabei jede Sentimentalität. Kalékos treffsichere, schnodderige Großstadtlyrik findet be-geisterte Aufnahme, gerade auch bei Arbeitern und Angestellten, die ihre Ängste und Hoffnungen darin wiederfinden. Albert Einstein und Thomas Mann zollen ihr Bewunderung. Hesse attestiert ihr gar eine poetische Nähe zu Heine. Kalékos jüdische Abstammung macht es aber nur zu einer Frage der Zeit, bis die Nationalsozialisten auf sie aufmerksam werden. Sie erhält Berufsverbot. Kurz davor kommt es 1935 zur schicksalhaften Begegnung mit dem Komponisten Chemjo Vinaver –„Gesegnet der Tag, da er kam!“ Eine fast symbiotische Beziehung beginnt, vier Jahrzehnte hindurch wird Vinaver – den sie 1938, nach der Scheidung von ihrem ersten Mann Saul Kaléko, heiratet – an ihrer Seite bleiben. „Ich frage mich in meinen stillen Stunden, / Was war das Leben, Liebster, eh du kamst / und mir den Schatten von der Seele nahmst. / Was suchte ich, bevor ich dich gefunden?“ Das Paar wandert zunächst in die USA aus und siedelt 1959 nach Israel über. Ihr Leben als Emigrantin liefert zum einen den Grund dafür, dass die Lyrikerin Mascha Kaléko in Vergessenheit gerät. Zum anderen stellt sie die beruflichen Interessen ihres Mannes über ihre eigenen. Vinaver und ihr einziger Sohn Avitar sind die beiden großen Lieben der Poetin. Der Sohn, hoffnungsvoller Theaterregisseur in New York, stirbt 1968 plötzlich mit 31 Jahren. Für die Eltern ist das die Katastrophe ihres Lebens. Sie überschattet ihr restliches Dasein. Das Schicksal will es, dass Mascha auch ihren Mann überlebt. Ausgerechnet sie, die sich stets davor gefürchtet hat, alleine zurückzubleiben. „Den eignen Tod, den stirbt man nur, / Doch mit dem Tod der andern muss man leben.“ Da geschieht etwas Außerordentliches: Die Künstlerin wird noch einmal produktiv. In Jerusalem entstehen wesentliche Gedichte, durch die sie ihren Schmerz, ihre Isolation artikuliert. „Ich sage mir jeden Morgen, wenn ich aufstehen soll: Ich bin geschlagen – aber nicht besiegt. Das ist meine Frühstückspille, die ich mir selber drehe.“ Am 21. Januar 1975 stirbt sie in Zürich an Magenkrebs, 67 Jahre alt. Zu Lebzeiten erscheinen nur acht Bücher von Kaléko. Weitere sechs werden aus dem Nachlass veröffentlicht. Es dauerte, bis die Literaturwissenschaft die eingängige Lyrik der Kaléko schätzen gelernt hat. Erst seit kurzem taucht ihr Name in den Literaturgeschichten auf. Eine der populärsten Dichterinnen deutscher Sprache aber ist sie längst. Verena Hoenig Sozusagen grundlos vergnügt Ich freu mich, daß am Himmel Wolken ziehen Und daß es regnet, hagelt, friert und schneit. Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit, Wenn Heckenrosen und Holunder blühen. – Daß Amseln flöten und daß Immen summen, Daß Mücken stechen und daß Brummer brummen. Daß rote Luftballons ins Blaue steigen. Daß Spatzen schwatzen. Und daß Fische schweigen. Ich freu mich, daß der Mond am Himmel steht Und daß die Sonne täglich neu aufgeht. Daß Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter, Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter, Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn. Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn! Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn. Ich freue mich vor allem. Daß ich bin. In mir ist alles aufgeräumt und heiter: Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt. An solchem Tag erklettert man die Leiter, Die von der Erde in den Himmel führt. Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben, – Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben. Ich freue mich, daß ich mich an das Schöne Und an das Wunder niemals ganz gewöhne. Daß alles so erstaunlich bleibt, und neu! Ich freue mich, daß ich ... Daß ich mich freu. Mascha Kaléko aus: „Mein Lied geht weiter“

Titel

  1. Mein Lied geht weiter
    • Verlagdtv
    • ISBN 978-3-423-13563-4

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  2. Mascha Kaléko
    • Verlagdtv
    • ISBN 978-3-423-24591-3

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  3. „Weil du nicht da bist …“
    • VerlagRandom House Audio
    • ISBN 978-3-89830-923-3

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  4. 25. Jahrbuch der Lyrik
    • VerlagS. Fischer
    • ISBN 978-3-10-009653-1

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  5. „Interview mit mir selbst“
    • VerlagDeutsche Grammophon
    • ISBN 978-3-8291-1877-4

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