Literatur-Nachrichten

Ausflug in die wilde Wirklichkeit

Von Fußball, Jazz und anderen Katastrophen: Am 29. Juni 2007 wurde der eigenwillige Sprachartist, Humorist und Collagen-Künstler Ror Wolf 75 Jahre alt.

Plötzlich tut sich ein Loch im Meer auf – „wie der Abfluß einer gewaltigen Badewanne“ – und verschluckt das Passagierschiff. Der nächste Dampfer versinkt „mit einem wunderbaren Geräusch“, einfach so. Ein anderer wird „mit einem einzigen riesigen Schnappen“ vom Ozean verschluckt. Einem Tanker explodiert die Maschine, brennend geht er unter. Nur knapp sechs Seiten benötigt Ror Wolf für vier veritable Schiffskatastrophen. Sein Held überlebt sie alle. Jedes Mal aufs Neue wird er von einem vorbeituckernden Kapitän aus dem Wasser gefischt und durchläuft während dieser maritimen Achterbahnfahrt eine sonderbare Karriere. Vom Touristen mausert er sich über Steward, Bordkapellen-Schlagzeuger und Maschinist zum Wetterforscher. Geschrieben steht dies, neben sehr viel Unglaublichem mehr, in der Erzählung „Die neunundvierzigste Ausschweifung“, die Wolf der Neuausgabe seines Storybandes „Zwei oder drei Jahre später“ hinzugefügt hat. Diese Münchhausiade – die es auch in einer von Christian Brückner kongenial gelesenen Hörbuchfassung gibt – enthält das gesamte Wolf’sche Programm in nuce: Von herkömmlichem Realismus, von Zeit, Raum und kausalem Sinn ist wenig übrig. Stattdessen bekommt der Leser Fitzelchen, die er aus Kriminal-, Liebes- und Abenteuergeschichten kennt. Wolf gruppiert sie neu, verleimt sie mit einer melodiösen, alles auf die Spitze treibenden Sprache, und fertig ist etwas durch und durch Absurdes und zugleich Magisches. Etwas, bei dem ein Fiasko das nächste ablöst und man sich trotzdem königlich amüsiert. Als ein „Komplott aus Leichtigkeit, Schwermut, Spiel, Ernst, Skurrilität, Lust, Spaß und Entsetzen“ hat Wolf sein Schreiben bezeichnet. Bis dieses einen gebührenden Platz innerhalb der deutschen Gegenwartsliteratur gefunden hatte, musste reichlich Zeit vergehen. Bücher wie „Fortsetzung des Berichts“ oder „Pilzer und Pelzer“, die der 1932 im thüringischen Saalfeld als Richard Wolf Geborene von 1964 an veröffentlichte, ließen aufhorchen – mehr auch nicht. Erst mit seinen Radio-Fußballcollagen in den 70er-Jahren wurde Wolf zum Begriff. Dabei unterscheiden sich diese populären Rundfunk-Kunststücke nicht entscheidend von seinen gedruckten Werken oder seinen Bildcollagen im Stil eines Max Ernst. Wenn Wolf die immer gleichen Phrasen von Reportern über Schüsse, Flanken und Paraden ad absurdum führt, legt er eine eigentümliche Poesie frei, von der man nie geglaubt hätte, dass sie etwas Profanes wie ein Fußballspiel überhaupt enthält. Irrwitz in Versen Überhaupt seine Hörspiele! Das literarische Genre, das nach dem Zweiten Weltkrieg durch Autoren wie Günter Eich und Ingeborg Bachmann Höhenflüge erlebte, dann lange ein Schattendasein führte und jetzt allmählich neue Wertschätzung erfährt, hat in Ror Wolf einen Großmeister. Wer dafür einen Beleg einfordert, möge nur dem 1986 entstandenen Hörbild „Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke“ lauschen. Ein innigeres Denkmal ist dem Jazz – eine weitere Wolf’sche Leidenschaft – nie gesetzt worden. Natürlich darf der Enzyklopädist Ror Wolf nicht vergessen werden – auf sechs berückend schöne Bände voller Lexikoneinträge über seine wilde Wirklichkeit hat er es gebracht. Und erst recht nicht der Lyriker: Zum 75. Geburtstag ist „Pfeifers Reisen“ erschienen, eine umfängliche Sammlung, die neben irrwitzigen neuen Balladen 90 bislang ungedruckte „Gelegenheitsgedichte“ aus 50 Jahren enthält. Noch Fragen? „Wir können uns die letzten Worte sparen, / dann also bis zum übernächsten Jahr. / Ich hoffe, es wird bleiben, wie es war, / mit hartem Schnaps, mit dampfenden Zigarren.“

Peter Zemla

Titel

  1. Zwei oder drei Jahre später
    • VerlagSchöffling
    • ISBN 978-3-89561-321-0

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  2. Pfeifers Reisen
    • VerlagSchöffling
    • ISBN 978-3-89561-320-3

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  3. Zwei oder drei Jahre später
    • VerlagParlando
    • ISBN 978-3-935125-71-0

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