Literatur-Nachrichten

Frauengeschichte(n)

Weibliche Berufs- und Lebenswelten von einst – in vier Romanen höchst unterhaltsam nahegebracht.

Ausgerechnet der unweiblichste aller Berufe setzte einen Trend: Donna W. Cross’ „Die Päpstin“ etablierte Mitte der 90er-Jahre den weiblichen Blick ins bis dato von coolen Helden, wahnsinnigen Parfümeuren und kriminellen Mönchen geprägte Genre des historischen Romans. Der erfolgreichen Pionierin folgten weitere standesbewusste Heldinnen wie Wanderhuren, Chronistinnen, Hebammen und Totenwäscherinnen. An durchsetzungsfähigen Protagonistinnen im Kampf gegen die vermeintlich gottgewollte männliche Überlegenheit herrscht auch in dieser History-Saison kein Mangel. Besonders schwer hat es anno 630 die angelsächsische Fürstentochter Bathildis. Von Wikingern verschleppt und verkauft, landet das Mädchen am fränkischen Hof, wo der schwache und schwermütige Merowinger-König Chlodwig II. sie zu seiner Ehefrau macht. Kaum einer nimmt die ehemalige Sklavin ernst – nur des Herrschers engster Vertrauter, der zwielichtige Ebroin, weiß, dass mit dieser willensstarken Frau zu rechnen sein wird … Die Fernsehjournalistin Julia Kröhn hat ein Faible für unbequeme Frauenfiguren, gebrochene Schicksale und intensive Recherche. Ihre Heldinnen sind nicht unbedingt sympathisch, aber immer sehr überzeugend. Wie schon „Die Chronistin“ ist auch „Die Regentin“ ein spannender Entwicklungsroman, der Einblicke in eine Epoche bietet, in der ein Männerleben wenig, ein Frauenleben noch weniger galt – und Moral ein Luxus war, den sich mit Glück der Klosterklerus leisten konnte. Von Männern verfolgt Daran hat sich auch 700 Jahre später nicht viel geändert. Die junge Tilla aus der Reichsstadt Tremmlingen flüchtet sich nach dem frühen Tod ihres verhassten Ehemanns in Männerkleidung auf den Jakobsweg, um das Herz ihres Vaters in Santiago de Compostela zu begraben. Auf der gefährlichen Route quer durch Europa wird aus der unscheinbaren Bürgerstochter eine selbstbewusste, durchsetzungsfähige Frau … Das unter dem Namen Iny Lorentz schreibende Autorenehepaar hat mit Bestsellern wie „Die Wanderhure“ oder „Die Löwin“ bewiesen, dass Geschichte spannend und so mörderisch wie ein Krimi sein kann. „Die Pilgerin“ gibt es jetzt auch zum Hören – 468 mitreißende Minuten, gelesen von Dana Geissler, die beispielsweise die Autofahrt von Hamburg nach Frankfurt wie im Fluge vergehen lassen – und Dankbarkeit dafür wecken, dass man höchstens mit Dränglern auf der linken Spur zu kämpfen hat und nicht mit Hunger, Pest und marodierenden Söldnern. In der Renaissance weitet sich zwar langsam der intellektuelle Horizont, aber allzu tief sollte nicht über den Tellerrand oder gar ins Universum geblickt werden. Das bekommt im Augsburg des Jahres 1509 Katrin Buschmann zu spüren, die sich auf das Erstellen von Horoskopen versteht und damit manchem ein Dorn im Auge ist. Als ihr Vater, der heimlich an einem Gerät baut, mit dem man die Zukunft aus dem Stand der Planeten lesen kann, ermordet wird, gerät „Die Sterndeuterin“ ins Visier weltlicher und kirchlicher Mächte. Autor Peter Dempf ist selbst Augsburger und Experte für die Stadtgeschichte, die ihm immer wieder Stoffe liefert. Diesmal bietet er überraschende Einblicke in die von Intrigen, Neugier und Inquisitionsangst geprägte Bürgerwelt des 16. Jahrhunderts. Von Frauen gehasst Sehr viel moderner und hochklassig gruselig geht es in Jane Harris‘ viktorianischem Dienstboten-Drama „Das Vermächtnis der Magd“ zu. Die schottische Gutsherrin Arabella Reid stellt 1863 ein verwahrlostes Mädchen ein und gewinnt alsbald sein Vertrauen. Bessy ist sogar bereit, ein Tagebuch zu führen, um der Herrin zu gefallen. Doch eines Tages entdeckt sie die Aufzeichnungen ihrer Vorgängerin Nora, die unter ungeklärten Umständen starb, sowie Notizen ihrer Arbeitgeberin, aus denen hervorgeht, dass Nora ihr Liebling war – und sie sich an deren Tod schuldig fühlt. Die eifersüchtige Bessy beginnt ein böses Spiel mit Arabella. Das Romandebüt der in Belfast geborenen Autorin ist Schauerroman, Milieustudie und Psychothriller in einem. Jenseits bester Unterhaltung bieten diese Romane erkenntnisfördernde Einblicke, wie weibliche Identität jenseits der epochentypischen Stereotypen möglich war. Womit, auf sehr eingängige Art, peu à peu ein Stück Geschichte umgeschrieben wird, das es bitter nötig hatte. Tipp Nicht, dass man schon alles über Männerberufe gewusst hätte. Cristina Camera enthüllt in ihrer Zwischenkriegs-Lovestory, was ein Zitronenbaron so macht. Erstens: Zitrusfrüchte anbauen. Zweitens: der Gouvernante den Kopf verdrehen. Drittens: sich der finsteren Machenschaften seines Bruders erwehren. Viertens: dem Duce trotzen. Fünftens: die Gefühle der Gouvernante eventuell erwidern … Zitronen, Leidenschaften, Vulkanausbrüche, Faschisten und Mafiosi – in dieser sizilianischen Oper darf man schwelgen.

Mara Deters

Titel

  1. Die Pilgerin
    • VerlagLübbe
    • ISBN 978-3-7857-3267-0

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  2. Das Vermächtnis der Magd
    • Verlag Page & Turner
    • ISBN 978-3-442-20305-5

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  3. Die Regentin
    • Verlagbtb
    • ISBN 978-3-442-73658-4

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  4. Die Sterndeuterin
    • Verlagedition Lübbe
    • ISBN 978-3-7857-1591-8

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  5. Der Zitronenbaron
    • VerlagRowohlt Taschenbuch
    • ISBN 978-3-499-24384-4

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