Literatur-Nachrichten

"Wie wollen wir leben?"

Die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere ist ein Mythos. Sagt Iris Radisch, dreifache Mutter und erfolgreiche Journalistin. Ihre „Schule der Frauen“ geht weit über den persönlichen Erfahrungsbericht hinaus. Klare, ernüchternde, ermutigende Gedanken über die Zukunft der Familie und weibliche Rollenmuster.

Sie schreiben über Literatur in der „Zeit“, Sie sprechen über Literatur im Fernsehen. Nun mischen Sie die Familiendebatte auf. Warum? Iris Radisch: Seit fast zehn Jahren praktiziere ich das, was heute das öffentliche Leitbild der Frau mitbestimmt: volle Berufstätigkeit, Karriere und trotzdem kein Verzicht auf Familie – im Gegenteil, möglichst viele Kinder. Ich selbst habe drei. Und bei aller Kritik von konservativer Seite, die es an der Berufstätigkeit der Frau immer noch gibt, wollte ich einfach schildern, wie so ein Leben aussieht. Wo die Grenzen sind. Worauf man achten muss. Wann der Bogen überspannt ist. Und welche Folgerungen sich daraus ziehen lassen. Denn ich bin ja seinerzeit guten Mutes in diese Doppelbelastung gegangen. Wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus? Das Vereinbarkeitsideal hat keine Zukunft. Denn in Wirklichkeit gibt es für berufs-tätige Frauen nichts zu vereinbaren, sondern nur zu addieren: Arbeit plus Arbeit. Ein deprimierendes Fazit? Meine Generation ist im Prinzip die erste, in der Frauen Karriere machen und Kinder haben. Es gibt also keine Vorbilder für das, was ich und viele andere gerade versuchen. Niemand in der Geschichte vor uns hat uns gezeigt, wie es funktioniert. Was bedeutet diese Einsicht? Die seit Monaten geführte Familiendebatte wird meines Erachtens an den falschen Schwerpunkten aufgehängt. Es werden einzelne Aspekte aus diesem Kosmos Arbeit/Familie herausgegriffen und verabsolutiert. Wir reden nur über Krippenplätze. Viel wichtiger ist aber der Blick auf das Ganze. Was braucht eine Familie? Wie wollen wir leben? Diese Fragen versuche ich aus meinen subjektiven Erfahrungen als berufstätige und jahrelang auch alleinerziehende Mutter zu beantworten. Eine Ihrer zentralen Forderungen lautet: Wir brauchen mehr Familienzeit. Was bedeutet das konkret? Berufstätige Mütter und Väter brauchen zwei, drei Nachmittage, an denen einer von ihnen um 15 oder 16 Uhr nach Hause kommt, damit die Eltern wissen, wie es den Kindern geht. Damit sie freie Zeit mit den Kindern verbringen, ihre Kinder im wahrsten Sinne des Wortes erleben können. Und nicht nur die Grundversorgung sicherstellen: Essen machen, Geschichte vorlesen, ins Bett bringen. Um die Familie zu fördern und zu schützen, brauchen wir dringend eine Revolution der Arbeitszeit. Was wir jetzt haben, sind starre Teilzeitregelungen. Was wir brauchen, ist die politische Forderung nach Flexibilisierung unserer Arbeitskultur. Das Standardmodell in Deutschland heißt immer noch: Der Mann ist Alleinernährer, die Frau verdient dazu. Sie konstatieren einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen weiblicher Bildung, Beruf, Mutterschaft und Scheidungsrate. Sind Bildung und Beruf die Spielverderber? Können wir hinter diese Errungenschaften u. a. der Emanzipation zurück, wie konservative Stimmen fordern? Nein, weil die natürlich auch wieder nur Teil einer umfassenden Modernisierung sind, von der wir alle profitieren. Bei großen gesellschaftlichen Entwicklungen kann man ja nicht einfach ein Teilphänomen herausnehmen. Die Berufstätigkeit der Frau, die steigende Bildung geht ja Hand in Hand mit vielen anderen Fortschritten: im Gesundheitswesen, in der Wirtschaft, in der Forschung. Wie sollen wir ausgerechnet die Frau vor diesen Modernisierungsprozessen bewahren, während wir sie sonst überall weitertreiben? Solche Forderungen gehen an der Lebenswirklichkeit aller westlichen Industrie- nationen vorbei. Die Bildung der Frau ist eine unaufhaltsame Entwicklung, die eng mit anderen Fortschrittsprozessen verbunden ist. Die lässt sich beim besten Willen nicht zurückdrehen oder isolieren. Warum findet die Familiendebatte gerade jetzt statt? Schließlich hat sich die Geburtenrate in Deutschland von 1,5 Kindern in den 70er-Jahren bis heute nur minimal verändert. Heute sind es 1,3. Das Thema ist sozusagen ein alter Hut. Das hängt meines Erachtens mit einer großen Verunsicherung zusammen. In den 70er-Jahren und auch später ging es uns vor allem wirtschaftlich sehr gut. Das ist heute anders. Hinzu kommt, dass es diese heile klassische Familie kaum mehr gibt. Wir Frauen haben Kinder von mehreren Männern, haben Trennungen oder Scheidungen hinter uns. Und wir spüren, wie sehr wir damit beschäftigt sind, die Liberalisierungsschäden zu beheben. Die Auseinandersetzung damit lässt sich nicht einfach schönreden. In einer Situation, in der die Familien in alarmierender Zahl zerbrechen und man keine Rezepte sieht, wie dieser Prozess aufzuhalten ist, greift man natürlich gerne wieder auf die Hausmittel zurück. Insofern sind die Rückkehrsehnsüchte verständlich. Unsere Lebensbilder sind 21. Jahrhundert, unsere Herzensbilder kommen immer noch aus dem 19. Jahrhundert. Wir müssen überdenken, wie wir lieben, fordern Sie. Lässt sich Liebe einem Programm unterwerfen? Über die „Kunst des Liebens“ gibt es eine große Literatur. Meine These ist, dass sich im Zuge der Durchökonomisierung aller Lebensbereiche auch die Liebe immer stärker nach Konsumgesichtspunkten ausrichtet. Und dass wir manchmal zu schnell in der Beurteilung dessen sind, was wir für Glück halten. Zu sehr eigenem Wunschdenken verhaftet sind und nicht dem Verantwortungsdenken. Glück mit Konfliktlosigkeit zu verbinden, das ist für mich Wellness-Glück. Dem hält die Liebe in einer Partnerschaft mit Kindern nicht stand. In großen Städten geht inzwischen jede zweite Ehe in die Brüche. Worüber wir jetzt nachdenken sollten, nenne ich eine „Kritik des Glücks“. „Die Schule der Frauen“ – das ist auch der Titel einer Molière-Komödie, in der Frauen für doof gehalten werden. Das ging schon vor mehr als 300 Jahren schief. Eine Warnung, die Frauen nicht zu unterschätzen? In dem Stück von Molière versucht ein Patriarch, eine junge Frau einzusperren und ganz nach seinen Maßstäben zu halten. Er scheitert. Ich spiele mit dem Titel. Dahinter steckt natürlich auch der Gedanke, dass die Schule der Frauen heute ganz anders aussehen müsste. Es gibt keinen Lehrplan, es gibt keine Vorbilder, es gibt keine Lehrer. Wir müssen uns alles selber beibringen, sind Schülerinnen und Lehrerinnen zugleich. Dürfen die Männer mit rein? Die müssen sogar rein. Ganz dringend. Was ist die Lektion, die wir alle dann zu lernen haben? Wir müssen selber die Forderungen formulieren. Der Druck auf die Politik, auf die Wirtschaft muss aus den Familien heraus kommen. Die mangelnde Familienzeit höhlt die Familien aus. Doppelernährerfamilien haben im Grunde kein Familienleben. Denn sie sind ja permanent mit dem Doppelternähren beschäftigt. Das ist übrigens nicht allein ein Phänomen der gehobenen Mittelklasse, das geht allen so. Halten Sie Ihre Lebensgeschichte für repräsentativ? Nur in eingeschränktem Maße. In zweierlei Hinsicht ist sie nicht repräsentativ. Zum einen gibt es nicht sehr viele Frauen, die kurz nach der Geburt wieder voll arbeiten, so wie ich es getan habe. Da aber die ganztätig berufstätige Frau mit mehreren Kindern das Zukunftsmodell sein soll, ist mein Weg ein Modell, das repräsentativ werden könnte. Zum anderen schreibe ich aus der Perspektive der gebildeten Mittelschicht, um die es ja in der Demografiedebatte häufig geht. Viele meiner Erfahrungen lassen sich auf die Unterschicht nicht übertragen. Meine wichtigste Erfahrung hingegen, der Mangel an Familienzeit bei Vollberufstätigkeit, ist ganz sicher repräsentativ für alle Schichten. Wenn wir nach Vorbildern suchen: Was ist mit unserer Familienministerin? Sie ist ein gutes Vorbild. Und es ist ein Skandal, wie diese aktive und innovative Ministerin anfangs in der Presse heruntergeschrieben und fertiggemacht wurde. Unsere Presse ist bei aller Aufgeklärtheit immer noch sehr männlich dominiert. Treibt unsere Kanzlerin den Vorbildquotienten nach oben? Für junge Mädchen kann es ein sehr stabilisierender Faktor sein, zu sehen, was als Frau möglich ist. Frau Merkel hat, ohne es explizit auszudrücken, Pionierarbeit geleis-tet. Im Grunde ist sie die lebende Werbefigur für Frauen in Führungspositionen. Was würden Sie jungen Frauen raten? Sucht euch den Partner und nicht den Alphamann. Dessen Überlegenheit wird in der gleichberechtigten Kinderaufzucht zum absoluten Stolperstein. Hört auf, an die Erotik der Macht zu glauben. Es stimmt einfach nicht. In gleichberechtigten Partnerschaften sind sehr erotische Beziehungen möglich. Was würden Sie jungen Männern raten? Nicht solche Angst vor Familie zu haben. Der Gemeinsamkeit zu trauen und nicht zu glauben, sie müssten alles alleine schultern. Zulassen, dass Verantwortung geteilt wird. Die jungen Männer sind genauso Opfer dieser Turbo-Arbeitszeitkultur wie die jungen Frauen. Dann fehlt es den Männern doch ebenso sehr an Vorbildern wie den Frauen. Neue Väterbilder sind ein großes Defizit. Die Vorstellung vom Vatersein muss sich viel stärker in Richtung Fürsorge für die Kinder verändern. Das Gerede von den Genen ist einfach Humbug. Eine Bindung zwischen Vater und Kind kann genauso intensiv sein wie die zwischen Mutter und Kind. Bindung hat immer etwas mit Lebenspraxis, mit sozialer Erfahrung zu tun. Diesen Raum müssen sich Männer schenken, gönnen, erkämpfen, und die Frauen müssen lernen, an diesem Punkte loszulassen. Nur wenn sie abgeben können, sind sie frei für andere Entwicklungen. „Wir sollten uns eine Pause gönnen. Jetzt ist es an den Männern, uns einzuholen“, heißt es in Ihrem Buch. Wissen die Männer, dass sie nun dran sind? Auf alle Fälle ahnen sie es. Vita Iris Radisch, geboren 1959, studierte Germanistik, Romanistik und Philosophie in Frankfurt am Main und Tübingen. Seit 1990 ist sie Literaturredakteurin der Wochenzeitung „Die Zeit“ und hat sich im Feuilleton einen ausgezeichneten Ruf als sensible und differenzierte Kritikerin erworben. Sie wurde in der Nachfolge von Sigrid Löffler Mitglied des „Literarischen Quartetts“ und ist zudem seit 2003 Juryvorsitzende des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt. Ferner moderiert sie seit Herbst 2006 für das Schweizer Fernsehen und 3sat die Büchersendung „Literaturclub“. Iris Radisch ist verheiratet und Mutter von drei Töchtern. Sie lebt mit ihrer Familie im Wendland.

Irene Nießen

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