Belletristik / Im Porträt

Die Katze und der General
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Was vom Krieg bleibt

Nino Haratischwili hat ihren nächsten Großroman geschrieben. „Die Katze und der General“ ist eine überwältigende Erzählung über Schuld, Vergeltung und Sühne – die das Potenzial zum Klassiker hat.

Das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, eine Stunde südlich von Berlin, ist mit dem lauschigen Garten vor allem im Sommer ein Idyll. Aber Nino Haratischwili hat heute nicht viel Zeit für die Schönheit der Anlage. Nach der Lesung aus ihrer großen Familiensaga „Das achte Leben (Für Brilka)“, jenem georgischen und europäischen Jahrhundertroman, der Nino Haratischwili berühmt gemacht hat, muss sie zusammen mit ihrer kleinen Tochter gleich wieder zurück nach Hamburg. 

Nino Haratischwili© danny merz / Sollsuchstelle

Sie hat gerade eine Menge zu tun. Da sind die Übersetzungen georgischer Bücher und die zahlreichen Auftritte, weil ihr altes Heimatland Georgien dieses Jahr Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse sein wird – mit Nino Haratischwili als Eröffnungsrednerin. Da ist die Theaterarbeit und, vor allem, der neue Roman. Früher hat die ­Autorin, die 1983 in Tiflis geboren wurde und seit 2003 in Hamburg lebt, am liebsten nachts geschrieben. Mit der kleinen Tochter ist das gerade nicht so leicht. Trotzdem sagt sie: „Ich will ­Schreiben nie so domestizieren, dass es so etwas wie ‚zur Arbeit gehen‘ wird. Ich möchte diesen sakralen Raum bewahren und dieses Unkontrollierbare nicht zähmen.“

Auch „Die Katze und der General“ ist kein domestiziertes, sondern ein erzählerisch aufs Schönste überbordendes Buch. Von den fast 800 Seiten ist keine zu viel, vielmehr würde man gern immer weiterlesen: mehr erfahren von dem General, einem schwer­reichen Oligarchen, der als russischer Rekrut im Tschetschenienkrieg dienen musste, schuldbeladen zurückkehrte und nun Jahre später die Täter von einst zur Rechenschaft ziehen will. Von Katze, der jungen georgischen Schauspielerin, die in Berlin fremd bleibt, weil auch sie von der Vergangenheit bedrängt wird. Es ist ein großer, an Dostojewski erinnernder, fesselnder Roman über Wunden, die nicht verheilen, über Schuld, die nicht vergeht, über Vergeltung und ­Sühne. Man liest dieses Buch mit angehaltenem Atem und folgt der Autorin auf immer neue Fährten – hin zu einem unvergesslichen Finale.

Sie habe diesmal herausfinden wollen, was passiert, wenn man Menschen in rechtsfreie Räume schickt, sagt Nino Haratischwili. „Sind alle Menschen gleich? Kann jeder zu einem Mörder werden? Oder gibt es Ausnahmen? Wenn ‚Brilka‘ ein Buch ist, bei dem mich die Opferperspektive interessiert hat, ging es mir diesmal um Täter. Das war wahnsinnig schwer. Man kann sich in jemanden, der Leid ­erfahren, aber auf der richtigen Seite gestanden hat, sehr viel leichter hineinversetzen, weil man sich auch selbst in diesem Licht sehen will.“ 

„Die Katze und der General“ erzählt aber nicht nur von seelischen Verwüstungen und dem Versuch der Wiedergutmachung. Es ist auch ein Buch über das Ankommen in einem 

neuen Leben, in einem anderen Land. Während Nino Haratischwili in dem Roman Menschen zeigt, die von der Sehnsucht nach der alten Heimat ­bestimmt werden, beschreibt sie ihren eigenen Weg als relativ unbeschwert. Als 12-Jährige kam sie mit ihrer Mutter erstmals nach Deutschland. „Ich habe rasch Freunde gefunden, konnte Deutsch, aber es war eine komplett fremde Welt“, erinnert sie sich. Ihr Abitur machte sie dann in Tiflis und begann dort ein Filmstudium. In Hamburg studierte sie weiter, Theaterregie diesmal, und blieb. 

Dass sie schließlich anfing, auf Deutsch zu schreiben, habe für ihre Entscheidung, nicht nach Georgien zurückzukehren, eine wichtige Rolle gespielt: „Eine Fremdsprache eignet sich mehr zum Austoben und Ausprobieren als die Muttersprache. Vieles fühlt sich weniger selbstverständlich an. Man hält inne und fragt, warum ist das eigentlich so, warum sagt man das.“

Solche Fragen hat sie gemein mit anderen Autoren, die in den vergangenen Jahrzehnten aus den früheren Sowjetrepubliken zugewandert sind. Aber kaum jemand sonst schreibt derart spannend und tiefgründig darüber, wie Biografien unter extremen ­Bedingungen geprägt und oft zerstört werden. „Die Katze und der General“ ist ein Roman, der seine Leser mitfiebern und mitbangen lässt – und lange nachklingt.

Holger Heimann

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