Literatur-Nachrichten

Um die Ecke gelacht

Überall wird nur geblödelt? Irrtum, es gibt sie doch, die gut platzierten Pointen. Vier feinsinnige Hör-Kostproben.

Bass erstaunt, so eine Anekdote, war einst ein Schüler, der zum ersten Mal „Wilhelm Tell“ las. Alles sehr schön, fand er – nur warum nervt der olle Schiller mit so vielen Zitaten? Ins Grübeln käme jener Pennäler sicher auch, lauschte er Karl Valentin: Sehr lustig, aber die ganzen alten Gags? Natürlich liegt der Schüler falsch: Schiller ist sprichwörtlich geworden. Und Valentins Humor stilprägend. Was hat der am 4. Juni 1882 in München geborene Schlaks nicht alles vorweggenommen! Mit seiner Partnerin Liesl Karlstadt hat Valentin jede nur erdenkliche Szene aus dem Kosmos des Mann-Frau-Missverständnisses durchgespielt wie später nur das Duo Loriot / Hamann. Er erkundet das Absurdistan des Alltags unter verschärften bayerischen Bedingungen wie heute ein Gerhard Polt. Im Reden zerredet er den eigentlichen Gegenstand des Gesprächs zu philosophischem Nonsens, wofür ihn schon Brecht und Beckett bewundert haben. Und denkt man an die derzeit überschwappende Welle witziger Telefonate – die Telefon-Odyssee von Valentins Buchbinder Wanninger hält da locker mit. Einen Teil des riesigen Repertoires an Valentinaden sortiert – passend zum 125. Geburtstag des „999sassas“ – die Jubiläumsedition „Karl Valentin – Im Besonderen“ nach den Themen Weltbetrachtungen, Gesundheit, Frauen und sprachliche Wirrungen. Auch die Musik – inklusive des nostalgischen Radiorauschens – kommt zu ihrem Recht, schließlich wäre der Volkskomiker Valentin gerne Volkssänger geworden. Die fünf CDs sind auch einzeln erhältlich – so können die Hypochonder oder Zwiebelfischer im Bekanntenkreis pointengenau versorgt werden. Peilen, treffen, versenken Valentin ist ein Sprachakrobat, Max Goldt ein Sprachinternist. Sein seismografisches Gespür für Unworte macht den „Titanic“-Kolumnisten zur ersten notärztlichen Adresse, will man wissen, welchen Virus sich der Zeitgeist nun schon wieder eingefangen hat. Eine gut besuchte Adresse: Goldts Anhänger pilgern förmlich zu seinen Lesungen – und der Meister zelebriert wahre Buch-Messen. Kehlig-süffisant trägt er vor, moduliert mal märchenonkelhaft wie Alfred Biolek, akzentuiert mit Pausenschnaufern, dann wird sein Singsang wieder ein wenig nachdenklicher. Auf der Hörbuchfassung von „QQ“ – was für „quiet quality“ steht – sind einige Aufnahmen live mitgeschnitten. So lässt sich Amüsement-Atmosphäre schnuppern. So einiges, was im Buch nicht steht, erfährt man außerdem. Zum Beispiel, dass Goldt für seine Geschichte „Prekariat und Prokrastination“ Titelschutz beantragen möchte – bevor sich der Philosoph Peter Sloterdijk die Fremdwortungetüme untertan macht. Treffer, versenkt. Was auch für die Deutung von „Milieu“ gilt: worunter man sich, Goldt zufolge, „nach wie vor Menschen vorstellt, die sich ohne feste Reiseabsicht in der Nähe von Bahnhöfen aufhalten“. Aber es geht auch bissiger, und mit Vorliebe muss dann der trendfixierte Wohlstandsbürger als Zielscheibe herhalten: Mit einem einzigen Attribut beraubt Goldt die Kaste der Studenten mit ihren „zeitaufwendig ausgewählten Brillen“ ihres Nimbus oder karikiert populäre Historien romane, die verkaufsfördernd auf einen „dezent angelesbten Mittelalterplot“ setzen. Bei Goldt darf um die Ecke gelacht werden. Was das Publikum ausgiebig tut. Mit Gott im Duett singen Die Fans von Funny van Dannen – wie Goldt ein ausgezeichneter Musiker – übrigens nicht minder. Das Hörbuch zu „Zurück im Paradies“ ist live aufgenommen und dokumentiert Zuhörer, die sich nicht mehr einkriegen. Und nicht einmal der Autor mit Kindskopfcharme und lebenslustigem niederrheinischem Klang-Farbton ist gegen Lachanfälle gefeit. Verständlich, sitzt ihm doch nicht der Schalk, sondern die Anarchie im Nacken. Sonst wäre er kaum imstande, sich eine plausible Geschichte über ein Maiskorn und ein Reiskorn auszudenken, die heiraten wollen. Wobei die Frage, ob sie fortan Reismais oder Maisreis heißen, nur den Anfang einer brüllend komischen Story bildet. Anarchisch auch, wie van Dannen dem potenziell humorfreien Thema Religion komische Seiten abgewinnt. Er lässt, wie schon in „Neues von Gott“, den Allmächtigen selbst auftreten. Und zwar ziemlich geerdet. Was man wohl behaupten kann, wenn Gott ein Duett auf CD aufnimmt – und dabei die zweite Stimme singt. Ein verlässlicher Humor-Veteran ist auch Eckhard Henscheid. Umso mehr, als er auf „Wie man eine Dame verräumt“ Texte aus den 80er-Jahren liest, die das Prädikat „klassisch“ verdienen. Allen voran „Reflexivum“ – jene unnachahmliche Parodie auf die Philosophen der Frankfurter Schule. Darin lässt Henscheid Horkheimer einen Wettstreit ausrufen: Wer das Wörtchen „sich“ in einem Satz so weit hinten wie möglich platzieren kann, ist der beste Kritische Theoretiker. „,Das hört sich gut an‘, rief Erich Fromm und schied sofort aus.“ Am Ende gewinnt Adorno – von dem die „sich“-Marotte auch stammt. Henscheid schimpft und stichelt, spürt Dummdeutsch und Dummdenk auf. Mit verrauchter Stimme: Was die Fallhöhe glaubhaft macht, wenn er beim Räsonieren über Sein und Wesen auch mal bei Beckenbauer oder Rübenschweinen landet.

Ronald Dietrich

Titel

  1. Wie man eine Dame verräumt
    • VerlagKein & Aber
    • ISBN 978-3-0369-1180-9

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  2. QQ quiet quality
    • VerlagHörbuch Hamburg
    • ISBN 978-3-89903-409-7

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  3. Zurück im Paradies
    • VerlagKunstmann
    • ISBN 978-3-88897-474-8

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  4. Im Besonderen
    • VerlagDer Hörverlag
    • ISBN 978-3-86717-051-2

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