Literatur-Nachrichten

Männer in Not

Keine gute Zeit für tatkräftige Helden: Die deutschen Autoren haben den Zauderer für sich entdeckt.

Was soll er tun, der Mann von heute? Den Waschbrettbauch trainieren oder sich lieber zur Maniküre anmelden? Den Macher markieren oder klein beigeben? Die männliche Ratlosigkeit ist allgegenwärtig. Bei den Sachbüchern häufen sich Titel zum Thema „Mann in Not“, und auch die Literaten melden sich nun zu Wort. Am augenfälligsten wird das in Bodo Kirchhoffs Novelle „Der Prinzipal“. Der 59-jährige Autor, selbst mit einem Wohnsitz am Gardasee ausgestattet, lässt darin seine Titelfigur über Italiens größten Lago brausen. Mit im schicken Boot hat der Prinzipal, ein deutscher Wirtschaftsmanager aus der ersten Riege, seinen 18-jährigen Enkel. Der hält die „Hallo, jetzt komm’ ich“-Selbstpreisungen des Großvaters auf Video fest. Ob es um Frauen, Politik oder das Leben geht – stets hat der Prinzipal der Weisheit letzten Schluss parat. Und unterstreicht diesen, indem er mal mit der Pistole fuchtelt, mal die PS seines Bootes ausreizt. Einem wie ihm macht eben keiner was vor. Doch Moment, gibt es da nicht den Skandal, der seine Karriere ins Stocken geraten ließ? Von Bestechung ist die Rede, unlauteren Machenschaften, bei denen mit Reizen freigiebige Damen eine Rolle gespielt haben. Spätes-tens jetzt wird klar, wer hier Modell gestanden haben dürfte: VW-Manager Peter Hartz, ein Selfmademan wie der Prinzipal, der sich hochgeboxt hat und jäh abgestürzt ist. Aber nicht der wirkliche Hartz interessiert Kirchhoff, sondern der Typ. Ihn führt er mustergültig vor. Sein Protzen, seine Selbstgefälligkeit – alles nur heiße Luft. Dass er einem Dinosaurier gleicht, dessen Zeit abgelaufen ist, zu dieser Einsicht ist der Prinzipal nicht fähig. Am Ende steht er im übertragenen Sinn mit heruntergelassenen Hosen da. Kein schöner Anblick.Den bietet auch Robert Fischer nicht, von dem Alexander Osang in „Lennon ist tot“ erzählt. Während der 64-jährige Prinzipal immerhin seinen Weg gegangen ist, der ihn letztlich in die Sackgasse führte, meint der 19-jährige Robert, gar nichts anderes zu kennen als Sackgassen. Nach dem Abitur geht er nach New York. Die Schule dort schmeißt er schnell und heuert bei einer Detektei an. Die stupide Überwachungsarbeit wird für Robert Ausgangspunkt einer bizarren Odyssee, die auf einer Insel vor der amerikanischen Ostküste endet. Nicht nur dort stößt der junge Mann, der in seiner Ziellosigkeit an Holden Caulfield aus J. D. Salingers „Der Fänger im Roggen“ erinnert, auf Spuren von John Lennon. Gibt der tote Beatle ihm Hinweise auf den Sinn des höchst verwirrenden Ganzen? Auch diese vage Hoffnung läuft ins Leere. Der 1962 geborene Osang, vielfach ausgezeichneter New York-Reporter für den „Spiegel“, hat mit seinem zweiten Roman eine Ballade vom Jungsein geschrieben, die ganz auf Schwermut gestimmt ist. Helden ade Die Zeit für Heldengesänge ist eben vorbei. Unbeirrbare Haudegen wie Hektor oder Achill, gewitzte Heroen wie Herakles oder Odysseus – das ist nur mehr etwas für Mythen. Signifikant für unsere Realität sind da schon eher Männer wie Thomas Schwarz, den Ulf Erdmann Ziegler in den Mittelpunkt seines Romandebüts „Hamburger Hochbahn“ stellt. Den Architekten Schwarz erleben wir 1989 in Hamburg, als für ihn die Entscheidung ansteht, ob er sich aus dem aktiven Baugeschäft verabschieden und das Management eines Architekturbüros übernehmen soll. Und 2002 in St. Louis, wo er das Angebot bekommt, an einer Hochschule über Architekturverwaltung zu lehren. Das beschauliche Lüneburg, wo Schwarz aufwächst, und Braunschweig, wo er studiert, sind weitere Schauplätze in diesem sprachlich fein gearbeiteten Zeit- und Sittenporträt. Und stets ist Schwarz der Handlungsunfähige. Mit ihm geschieht etwas (Beziehungen samt Vaterschaft eingeschlossen), während er selbst zur Tat und zur Veränderung kaum in der Lage ist. Geschichte wird gemacht, es geht voran. Einer wie Schwarz hingegen bleibt ein Beobachter. Der 1959 geborene Ziegler, der bislang mit Essays über Kunst in Erscheinung getreten ist, lässt den Typus „Mann im Hintertreffen“ auf literarisch höchstem Niveau anschaulich werden. Ein Zauderer, ein Gefühls- und kein Tatmensch, ist auch Peter Kurzecks Erzähler in „Oktober und wer wir selbst sind“. Folgt man der verpönten These, wonach die Figur mit dem Autor identisch ist, liegt man in diesem Fall nicht falsch. Der 1943 in Böhmen geborene, heute in Frankfurt und im französischen Uzès lebende Kurzeck schreibt seit Jahren an einer autobiografischen Chronik. Im aktuellen Buch unternimmt er den Versuch, den Juni 1983 ab- und nachzubilden. Der Leser erlebt, wie ein Schriftsteller seine kleine Tochter vom Kinderladen abholt und was sie in welchen Geschäften betrachten. Außerdem spielen Erinnerungen eine Rolle, die kunterbunten Phantasien des Kindes und vor allem der den Alltag durchziehende, nie endende Prozess des Schreibens. Was so weit geht, dass der Erzähler sich mehrfach fragt, ob nicht alles, was er erlebt, nur ein Traum ist, ersonnen von einem kreativen Geist. Dass er seinen Job verloren hat, das Geld immer knapp ist – all das ist mit einem Mal nicht mehr wichtig, wenn das Leben eins mit der Literatur wird. Tipp Früher war der Mann ein harter Hund, für die Frauen der Ritter und Retter, für den Sohn ein Gott. Dann wandelte er sich zum Weichtier, das besser nirgendwo aneckte. Und heute? Großes Fragezeichen. Das Journalisten-Brüderpaar Lebert tritt an, das Problem der männlichen Orientierungslosigkeit zu lösen. Ausgehend von ihrer eigenen Erfahrungswelt, markieren sie das Koordinatensystem, das den neuen Mann ausmacht. Pfiffig geschrieben, erhellend und – das Wichtigste: praktikabel.

Peter Zemla

Titel

  1. Anleitung zum Männlichsein
    • VerlagS. Fischer
    • ISBN 978-3-10-042503-4

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  2. Lennon ist tot
    • VerlagS. Fischer
    • ISBN 978-3-10-057611-8

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  3. Hamburger Hochbahn
    • VerlagWallstein
    • ISBN 978-3-8353-0096-5

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  4. Oktober und wer wir selbst sind
    • VerlagStroemfeld
    • ISBN 978-3-87877-053-4

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  5. Der Prinzipal
    • VerlagFrankfurter Verlagsanstalt
    • ISBN 978-3-627-00139-1

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