Kinder- und Jugendbuch

astrid lindgren neuastrid lindgren neu

14.11.2007

Überall ist Bullerbü

Sie schrieb über Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach und Ronja Räubertochter. Vor 100 Jahren wurde Astrid Lindgren geboren, die berühmteste Kinderbuchautorin der Welt.

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In Frankreich heißt sie Fifi Brindacier, in Indonesien Pippi Si Kaus Panjang, in Russland Pippi Dlinnyjchulok und in ihrem Heimatland Pippi Långstrump (sprich: Longstrump). Auf Deutsch lautet ihr voller Name Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimsdotter Langstrumpf. Sie ist der Sprössling eines Kapitäns, der einst „der Schrecken der Meere“ war, bis er bei Sturm über Bord gespült und zum Negerkönig gekrönt wurde. Neun Jahre ist sie alt und sie wohnt am Rande einer Kleinstadt in einer kunterbunten Villa mit verwahrlostem Garten.
Pippi Langstrumpf, eine der bekanntesten Kinderbuchgestalten der Welt, entsprang der Phantasie einer Siebenjährigen. Karin hieß sie und lag mit einer Lungenentzündung im Bett. Wie die meisten Kinder wünschte sie sich eine Geschichte. Wovon sie denn handeln solle, erkundigte sich die Mutter. Karin dachte sich spontan einen Namen aus – Pippi Langstrumpf –, und die Mama begann zu erzählen.
Von Pippis verschiedenfarbigen Strümpfen, ihren Sommersprossen und ihren Begleitern, dem Pferd Kleiner Onkel und dem Affen Herr Nilsson. Von ihren Freunden Tommy und Annika. Und davon, dass Pippi nicht in die Schule geht und selbst bestimmt, wann sie sich abends ins Bett legt. Im Übrigen ist weit und breit kein Erwachsener auszumachen, der Pippi das einbläut, was Erwachsene gemeinhin für gutes Benehmen halten.

Pippis Geburtsstunde
Karins Mutter hieß Astrid Lindgren. 1941, als Pippi erfunden wurde, wohnte sie mit ihrem Ehemann und zwei Kindern in Stockholm. Die am 14. November 1907 geborene Frau hatte eine bewegte Zeit hinter sich. Mit 18 war sie schwanger von einem Mann, der mehr als doppelt so alt war wie sie. Da sie nicht verliebt war, weigerte sie sich, ihn zu heiraten. Um dem Tratsch in Vimmerby, ihrer schwedischen Heimatstadt, zu entgehen, zog sie allein in die Hauptstadt und begann dort eine Ausbildung zur Sekretärin. Lars, der Sohn, kam in Kopenhagen zur Welt, weil die Klinik dort als einzige den Behörden nicht Meldung über ledige Mütter erstattete.
Astrid Ericsson, wie sie damals noch hieß, litt an Hunger, Kälte und Einsamkeit in diesen ersten Stockholmer Jahren fernab der geliebten Familie. Sie sparte jede Krone, um so oft wie möglich nach Dänemark zu reisen und Lars zu besuchen. Er lebte dort bei Pflegeeltern. 1931 heiratete sie Sture Lindgren, den Direktor des Königlichen Automobilclubs, und holte Lars zu sich.
Und dann, nach all den Wirrnissen, kam Pippi. In liberalen Elternhäusern ist heute bekannt, dass Kinder eigenständige Individuen sind, die vor allem eins brauchen: Liebe. Als Astrid Lindgren ihre Geschichte schrieb, hatten Mädchen und Jungen in erster Linie zu gehorchen – den Eltern, der Lehrerin, dem Pfarrer. Deshalb war Pippi eine Revolution auf zwei Beinen. Manche mochten sie gar nicht. Bonnier, der angesehene schwedische Verlag, bei dem Selma Lagerlöf und andere große Skandinavier ihre Texte drucken ließen, sandte der schreibenden Hausfrau ihr Manuskript postwendend zurück. Rabén & Sjögren veröffentlichte es 1945 und vier Jahre später auch der Oetinger Verlag in Hamburg. In der schwedischen Presse erschienen neben lobenden Kritiken auch Warnungen. Pippi sei ein „verwöhntes Gör“, hieß es. Sie könne „zu einem schlechten Beispiel für die Kinder“ werden.
Für Lindgren begann ein Siegeszug ohnegleichen – und eine Phase unglaublicher Produktivität. Jahrelang war sie nicht nur als Schriftstellerin tätig. Als Lektorin bei Rabén & Sjögren kümmerte sie sich um das Werk anderer Kinderbuchautoren, entdeckte und förderte Talente. Mehr als 90 Bücher verfasste sie bis zu ihrem Tod am 28. Januar 2002. Jedes einzelne Buch zeigt, dass Lindgren wusste, was Kinder wirklich fasziniert: Abenteuer, Tiere, die Natur, Geschichten über das Wachsen von Freundschaften. Allein in Deutschland wurden fast 30 Millionen Bände verkauft, darunter rund sieben Millionen „Pippi Langstrumpf“-Bücher.
Wer war diese Erzählerin, die von Kindern und Erwachsenen auf der ganzen Welt geliebt wird? Fotos zeigen eine schlanke, kurzhaarige Frau mit blauen Augen. Auf ihrem Gesicht liegt der Abglanz von Glück. Mit materiellem Reichtum hat dieses Glück nichts zu tun. Neugierig wirkt sie und gleichzeitig gelassen. Es heißt, sie sei zu allen freundlich gewesen, zu Kronprinzessin Victoria ebenso wie zu Fremden und zu den Kindern, die ihr säckeweise Briefe nach Stockholm schickten.
Lindgren ging ihren eigenen Weg zu einer Zeit, in der Frauen in vielen Ländern nicht einmal ein Bankkonto eröffnen durften ohne die Erlaubnis eines Mannes. Sie war auch politisch aktiv, ohne sich von einer Strömung vereinnahmen zu lassen. Schon vor 20 Jahren, als das noch nicht zur political correctness gehörte, wandte sie sich gegen die Massentierhaltung. Sie kämpfte auch für die Reinhaltung der Natur, gegen die Nutzung der Kernkraft und die hohe Steuerlast in Schweden.
Vor allem setzte sie sich dagegen ein, Kindern Gewalt anzutun. Sie wiederholte das wie ein Mantra, all die Jahre hindurch, in denen die Journalisten herbeieilten, um sie zu interviewen, und vor allem in ihrer berühmten Rede im Jahr 1978. Da wurde Astrid Lindgren der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.

Idylle mit Alltagssorgen
Auf den ersten Blick könnte man ihre Welt mit all diesen stupsnasigen, fröhlichen Mädchen und Jungen für idyllisch halten. Herrscht nicht eitel Sonnenschein bei Lisa, Lasse, Bosse, Ole, Britta und Inga, den Kindern aus Bullerbü? Sind nicht Flora und Fauna noch intakt im Wald von Ronja Räubertochter? Und sind die Erwachsenen um Michel aus Lönneberga nicht fast alle verständnisvoll und freundlich, selbst wenn sie unter seinen Streichen zu leiden haben? Friede, Freude, Erdbeertorte, möchte man meinen. Eine Märchenwelt, die wie durchglüht ist vom Zauber stiller schwedischer Abende, an denen die Sonne nicht untergeht. Allerorten duftet es nach Sommerwiese und frischen Zimtwecken.
Die Geschichten wären tatsächlich kitschig, gäbe es nicht überall Hinweise auf die ganz realen Sorgen der ganz realen Welt. Es ist die hohe Kunst der Schriftstellerin, dass sie Kinder heranführt an Themen wie Armut, Krankheit, Tod. Nicht nur die Starken, Mutigen, Schönen interessieren sie, sondern auch Außenseiter und diejenigen, die einfach ein bisschen von der Rolle sind wie die Hausangestellte Hildur in „Karlsson vom Dach“. Dieses ältliche Fräulein neidet seiner Schwester den Auftritt im Fernsehen und setzt alles in Bewegung, um ebenfalls in eine Talkshow zu kommen – welch aktueller Stoff!
Das Böse tritt mal in Gestalt von seltsamen Despoten auf, die ganze Länder beherrschen – wie in „Mio, mein Mio“ und bei den „Brüdern Löwenherz“. Dann wieder erscheint es in Gestalt eines Kriminellen, der vom kindlichen Meisterdetektiv Kalle Blomquist entlarvt wird. Dem Schlechten setzt Lindgren Kameradschaft entgegen, Mitmenschlichkeit, Tapferkeit und vor allem ihren Glauben an die Kinder. In vielen Büchern ist von Armen und Alten die Rede, die auf Kosten der Gemeinschaft beköstigt und beschenkt werden – wie etwa Kristin in Bullerbü. Mio kann den fiesen Ritter Kato nur mit der Hilfe seines Freundes Jum-Jum besiegen. Und Ronja und Birk, die Sprösslinge zweier verfeindeter Räubersippen, überleben in ihrem Wald nur deshalb, weil sie einander immer wieder retten vor dem Hunger- und Kältetod, dem sprichwörtlichen Sturz in den Abgrund.
Pippi Langstrumpf kann sich zwar nicht benehmen, aber so, wie sie ist, wurde sie älter als manche Kinderbuchfigur, die an die Normen ihrer Entstehungszeit angepasst war und längst vergessen ist. 66 ist die rothaarige Göre inzwischen. Und verkörpert die Weisheit des Kindes und die Weisheit der Alten in einer Person. Wie sagte Astrid Lindgren? „Gebt den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe, dann stellen sich die guten Manieren ganz von selbst ein.“

Info

„Leben und Wirken von Astrid Lindgren“: Ausstellung bis zum 26. Dezember, FEZ Berlin, An der Wuhlheide 197, 12459 Berlin, täglich 9 bis 22 Uhr.
„Astrid Lindgrens Värld“: Freizeitpark in Vimmerby, Schweden, täglich geöffnet von 10 bis 17 Uhr, 2. September bis 18 Uhr (http://www.alv.se/index-ger.asp).


Josefine Janert

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