Literatur-Nachrichten

Bügeln mit Luis

Vom ganz normalen Wahnsinn des Familienlebens und den Freuden des Verhörens: Axel Hacke kitzelt das Letzte aus den Abstrusitäten des Alltags heraus. Besonders wenn er live zu erleben ist. Buchjournal begleitete den Humoristen und Sprachzauberer drei Tage lang während seiner Lesetournee.

Die Hütte ist bumsvoll. Die Stimmung erwartungsfroh. Wie es sich für die Reeperbahn gehört. Ein zu spät gekommener Herr im feinen Zwirn drängelt sich zu seinem Klappstuhl. Vorbei an Typen vom Kiez, vorbei an frisch ondulierten Hausfrauen aus nobleren Vororten. Das St.-Pauli-Theater, Hamburgs ältestes Theater überhaupt, ist auf Spektakel gepolt. Hier feierte einst Freddy Quinn Triumphe. Und heute? Das schmucklose Tischchen vorne auf der Bühne scheint nicht gerade für Spektakel zu stehen. Auch nicht der Mann in den besten Jahren, der jetzt daran Platz nimmt. Sein Sommeranzug sitzt, der Scheitel auch. Braungebrannt, wie er ist, wirkt er grundsolide, vertraueneinflößend. Er könnte mühelos als Fernseharzt durchgehen. Gute Tarnung für einen, der den Saal aufmischen will. „Ich fange an mit ein paar Texten, die sind sehr kurz, Sie müssen also dabeibleiben“, gibt Axel Hacke zu Beginn seiner Lesung den Zuchtmeister, „das ist nicht wie ein Thomas-Mann-Roman, wo alles tausendmal gesagt wird.“ Die ersten Lacher hat er sicher. „Ähhh ... Ich habe da einen Artikel im ,Spiegel‘ gelesen, dass Väter für die kindliche Sprachentwicklung wichtiger sind als Mütter.“ Verblüfftes Raunen. „Das liegt daran, dass Frauen ihre Kinder immer so zutexten, dass praktisch kein Platz bleibt, um selbst etwas zu sagen. Die Kinder, eingewickelt in diese Sprachwatte, hören nur Sprache und keine einzelnen WÖRTER!“ Gelächter, Protestrufe. Hacke mimt den Bestürzten: „Ich werde ausgebuht, das ist mir ja noch nie passiert! Sind hier eigentlich mehr Väter oder mehr Mütter?“ Eine dunkle Stimme aus der Tiefe des Raumes antwortet: „Ja.“ Hacke muss selbst lachen: „Ja? Das verspricht ein interessanter Abend zu werden. Ich lese jetzt meinen Text, mal sehen, ob Sie dann noch buhen.“ Es folgt eine absurde Parforcetour durch die scheiternden Versuche eines Vaters, seiner Tochter Wörter beizubringen, die über „Ja“, „Ajjo“ und „Dieter“ hinausgehen. Hacke liest aus seinem „Erziehungsberater“, und das in 100 Zungen. Er trifft den belehrenden, angestrengt freundlichen Ton des Vaters ebenso wie die singsanghafte Gehässigkeit der Geschwister und das siegreich gezwitscherte „Ja“, „Ajjo“, „Dieter“ der Zweijährigen. Als er vom kleinen Luis erzählt, den mitten in der Nacht die Lust zu bügeln packt, schreit Hacke plötzlich gebieterisch wie ein Shakespeare’scher Held: „BÜGÄLN! BÜGÄLN!“ Das Lachen läuft wie eine La Ola durch die Reihen. Und Hacke, längst ganz Herr über sein Publikum, setzt nach: „Wie merkwürdig doch das Leben sein kann, so merkwürdig, dass es Menschen gibt, die nachts um halb vier um ein bügelndes Kleinkind herumstehen und sagen: ,Fein machst du das! Schön bügelst du!?‘“ Die Ränge liegen ihm lachend zu Füßen. Szenenwechsel: „Wurstwart Jörg“ kriegt sein Fett ab. „SCHWEINSKOPFSSÜLZE“, stößt Hacke mit gutturalem, lüsternem Zungenschnalzen hervor, „FLEISCHPFLANZERL“ und „BLUUUUTWÜRSTE“. Er wirkt mit einem Mal nicht mehr so vertraueneinflößend wie zu Beginn der Lesung. Eher gefährlich. Gut so: Man hört die blutunterlaufenen Fettaugen in den Wörtern – und zum ersten Mal, wie komisch diese Wörter und eigentlich alle Wörter sind. Nach zwei Stunden steht Hacke vom Tischchen auf. Das St.-Pauli-Theater jubelt, als wäre Freddy Quinn zurückgekehrt. „Meine Frau, meine Freunde“, erzählt Hacke später, „sagen oft nach einer Lesung, das muss doch ein Triumph für dich sein. Aber ich denke nur: Nach einem Abend wie diesem, was soll da noch kommen?“ Lustiges in Lüneburg Was am nächsten Tag kommt, ist – Lüneburg. Der kleine Ort ist vollgestellt mit pittoresken Backsteinhäusern, als würde hier permanent eine Internatsserie gedreht. Wer abonniert hier, wo die norddeutsche Provinz am norddeutschesten ist, die „Süddeutsche“, in deren Magazin Axel Hackes legendäre Kolumne „Das Beste aus meinem Leben“ erscheint? Die Lesung findet in einer Halle inmitten des kleinen Campus statt, eine Halle von der Art, bei der man denkt: nun ja – eben eine Halle. An der Decke große Röhren, Lampions wie im Chinarestaurant. Die Halle füllt sich und füllt sich, tout Lüneburg kommt. Am Ende sind es fast 600 Menschen. Auftritt Hacke. In seiner Begleitung: der weiße Neger Wumbaba, der Gottessohn Owi, der Schlächter Müller und andere merkwürdige Gestalten. Sehen kann man sie nicht. Aber hören. Zumindest wenn man sich richtig verhört. „Vor vielen Jahren trug ich einen Text darüber vor, wie es ist, wenn man gesungene Texte falsch versteht. Wenn man diesen Irrtum TIEF in sich aufnimmt“ – Pause – „um dann bei möglichst passender Gelegenheit vor vielen Leuten, die alle den richtigen Text kennen, das Falsche möglichst laut vorzutragen.“ Hacke erzählt, dass nach der Lesung jemand zu ihm kam und sagte, er habe bei „Der Mond ist aufgegangen“ statt: „… und aus den Wiesen steiget, der weiße Nebel wunderbar“ immer verstanden: „… und aus den Wiesen steiget, der weiße Neger Wumbaba.“ Und wie nach und nach ihm immer mehr Leute von Verhörern berichteten. Wie in dem Falschgehörten Wesen und Orte auftauchten, die es vorher nicht gab. Etwa in „Stille Nacht, heilige Nacht“. „Gottes Sohn, o wie lacht …“, heißt es da. Doch die Verhörenden hören „Gottes Sohn Owi lacht“. Woraus sich theologische Fragestellungen ergeben: Wer ist Owi? Ein Bruder Jesu? Ungeliebt? Unbekannt? Verschollen? Gelächter durchströmt jetzt so die Halle, dass der fröhliche zweite Gottessohn seine Freude daran gehabt hätte. Als Hacke erzählt, wie jemand unter der Dusche den Song (ver-)hört: „Nimm mich mit auf die Reise, kleine Fehlgeburt“, ist das zu viel für eine Frau im Publikum. Sie bricht in einen Lachkrampf aus. Hacke will weiterlesen, sie lacht immer noch. Jetzt fangen die anderen auch wieder an. Hacke fragt: „Soll ich den Arzt rufen?“ Noch mehr Gelächter. „Äh ... ich les’ jetzt was Ernstes.“ Aber natürlich tut er das nicht, und Lüneburg lacht und lauscht wie im Rausch. Nach der Lesung signiert der erschöpfte Autor Bücher. Munteres in Münster Der nächste Tag: Münster. Ich spreche vor Vorstellungsbeginn mit Axel Hacke in einem kleinen Verschlag über der Bühne. „Was ich schrecklich finde in Deutschland: Wenn Leute über Sprache reden, geht es immer um richtig oder falsch. Ich versuche es umzudrehen. Aus dem Falschen heraus erwächst nämlich etwas Neues, Poetisches. Die Leute haben ein unglaubliches Gespür für Sprache und Lust, damit zu spielen. Das wird völlig unterschätzt. Mein damals sechsjähriger Sohn hat mal ein Blatt in die Schreibmaschine eingespannt und alles aufgeschrieben, was ihm durch den Kopf ging. Das war wie ein dadaistisches Gedicht. Das habe ich in einer Kolumne direkt einem echten Dada-Gedicht gegenübergestellt.“ Allmählich strömen die Zuschauer herein. Der Lärmpegel steigt. Gibt es eine Botschaft hinter den absurden Alltagsgeschichten, frage ich Hacke. „Keine, die ich anders formulieren könnte, als sie sich da ausdrückt“, meint er. „Was ich aber bei Lesungen, im Kontakt mit dem Publikum oder durch meine Kolumne gemerkt habe, ist, dass man mit den meisten Problemen, die man hat, nicht allein ist. Als ich mit meinen Kolumnen anfing, dachte ich, wir sind eine besonders chaotische Familie. Dann habe ich gemerkt: Alle sind so.“ Das Problem, sinniert Hacke, sei nicht, dass etwas schiefgehe, sondern dass man es überall mit dem Anspruch zu tun bekomme, wie es sein sollte. „Wir bleiben immer unter dieser Messlatte für das eigene Leben, bei Kindern, beim Sex, in der Liebe und so weiter. Ich meine aber: Das kann auch anders sein. Die Leute sollen ein Gefühl von Leichtigkeit haben, wenn sie aus so einer Lesung kommen, etwas Schwebendes.“ Es ist eine Minute vor 20 Uhr. Hacke geht nach unten. Ich denke daran, dass Frau S. beim Refrain von „Skandal im Sperrbezirk“ immer verstand: „Und draußen vor der großen Stadt, stehn Minuten sich die Füße platt.“ Es läuft jetzt keine Musik mehr im Zuschauerraum. Aber vielleicht hören ein paar im Publikum im Kopf den Song der Gruppe Esmeralda: „Oh Lord, don’t let me be mis-understood“. Eigentlich ein Gebet: Bitte, lieber Gott, lass mich nicht „Fräulein Verstanden“ sein. Axel Hacke, Mister Misunderstood, betritt die Bühne. Vita Axel Hacke, geboren am 20. Januar 1956 in Braunschweig, absolviert die Deutsche Journalistenschule und ein Politikstudium und arbeitet von 1981 an in verschiedenen Ressorts bei der „Süddeutschen Zeitung“. Seit 2000 ist Hacke als freier Autor tätig. Seine Kolumne „Das Beste aus meinem Leben“ erscheint wöchentlich im „SZ“-Magazin, ist im Bayerischen Rundfunk zu hören und hat als Vorlage für eine TV-Serie gedient. Hackes journalistische Arbeit ist u. a. mit dem Joseph-Roth-Preis (1987), dem Theodor-Wolff-Preis (1990) und dem Egon-Erwin-Kisch-Preis (1987 und 1990) ausgezeichnet worden. Hacke lebt mit seiner Familie in München und im Chiemgau.

Bert Bresgen

Titel

  1. Der weiße Neger Wumbaba kehrt zurück
    • VerlagKunstmann
    • ISBN 978-3-88897-467-0

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  2. Der weiße Neger Wumbaba kehrt zurück
    • VerlagKunstmann
    • ISBN 978-3-88897-473-1

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  3. Der kleine Erziehungsberater
    • VerlagKunstmann
    • ISBN 978-3-88897-448-9

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