Literatur-Nachrichten

Der Lockruf des Verbrechens

Was macht literarischen Mord und Totschlag so reizvoll? Krimi-Experte Tobias Gohlis weiß es.

Sex und Krimis haben etwas gemeinsam: Die meisten Leute erinnern sich an das erste Mal. Schaudernd, verzückt oder erschrocken überquert man eine Grenze, betritt – und erforscht – ein noch fremdes, geheimnisvolles Land. Mein erstes Mal geschah in den Osterferien. Ich durfte Tante Schadow in Rotenburg an der Fulda besuchen. Tante Schadow ging niemals zum Arzt, konnte schlecht gehen und hatte einen verglasten Bücherschrank voller Krimis. Das gab es zu Hause nicht. Ich erinnere mich noch genau an die verführerischen Signale, die sie aus ihrem glitzernden Gewahrsam sendeten. Sie lockten im blutigen Goldmann-Rot oder traten elegant schwarz-rot gestreift im Look des Scherz Verlages auf. Da wusste man gleich, woran man war: auf dem Sprung in die aufregende Welt des Mordens, der Detektive und Verbrecher. Für einen Acht- oder Neunjährigen war mein erster Krimi genau der richtige. Er war von Rex Stout. Die Älteren werden sich erinnern: Sein Held ist der ungeheuer fette, ungeheuer schlaue und ungeheuer faule Nero Wolfe, der auf dem Dach seines New Yorker Hauses Orchideen züchtet, wenn er nicht mit einem Buch im Sessel sitzt und deutsches Bier trinkt. Das schien mir ein erstrebenswertes Leben: die Welt entdecken und sie sich doch vom Leibe halten. Wolfe verlässt nämlich das Haus so gut wie nie – das geeignete Vorbild für einen unsportlichen Jungen mit Lesehunger. Doch bald schon wuchs die Lust aufs Triviale und Bizarre. Aus Gesprächen mit Kollegen weiß ich, dass ich in meiner Generation nicht allein auf weiter Flur war, als ich „Jerry Cotton“ Heft um Heft ver-schlang und verkleidet als „Frosch mit der Maske“ den „Toten Augen von London“ des Edgar Wallace nachstieg. Die Lust an der Angst Als Kritiker von Kriminalliteratur soll ich immer wieder erklären, worin denn der nicht endende Reiz dieser Literatur besteht. Denn eigentlich scheint doch seit den Urzeiten des Arthur Conan Doyle nicht viel Neues unter der Sonne geschehen zu sein: Ein Verbrechen geschieht, ein Detektiv oder Kommissar ermittelt. Verdächtige werden verdächtigt, und am Ende ist der Fall gelöst. Immer wieder. Und doch gibt es viele Millionen auf der ganzen Welt, die nach der Enttarnung des Täters sofort zum nächsten Krimi greifen. Gibt es vielleicht neben dem Geschlechtstrieb auch einen Krimitrieb? Raymond Chandler, der Schöpfer von Detektiv Philip Marlowe, legt eine andere Erklärung nahe: „Zeige mir einen Menschen, der Kriminalromane nicht ausstehen kann, und ich zeige dir einen Narren: einen klugen Narren vielleicht – aber einen Narren gleichwohl.“ Mit Narr ist hier jemand gemeint, der weder vom Leben noch von der Literatur Ahnung hat. Denn das Verbrechen ist der Schlüssel zum Verständnis des modernen Lebens, und der Krimi zeigt in seiner endlosen Wiederholung, dass es nicht aus der Welt geschafft werden kann. In der „Angstlust“ (englisch: Thrill), im schaudernden Schwanken zwischen Geborgenheit und Verunsicherung, erkennt der Kritiker Joachim Kalka ein zentrales Motiv für die Lust am Morden und Rächen. Die französische Krimiautorin Fred Vargas hält den Kriminalroman sogar für eine uralte Form symbolischer Lebensbewältigung. Schon die ersten Menschen hockten ums Feuer und bannten ihre Angst in phantastischen Erzählungen von Dämonen und Helden, die sie besiegten. Vargas sieht im Kommissar einen Heroen, der furchtlos heldenhaftes Verhalten vorführt. Und in der Auflösung des Falles befreit sich der Leser nicht nur von den phantastischen Dämonen der Story, sondern – so hofft Vargas – auch von den Ängsten seines Alltags. In der Tat erleichtert es ungemein, wenn man die Welt von der Dachterrasse eines Nero Wolfe betrachten kann. Aber es sollte schon die Welt sein: In den Rätselkrimis von Agatha Christie oder Dorothy Sayers wird unter den noblen Frackhemden und Diamantcolliers das Pochen eines mordgierigen und habsüchtigen Herzens hörbar. Hammett, Chandler, Glauser & Co. erzählen von der großen Depression und wie man tapfer darin untergeht. Das Verbrechen und seine Enthüllung ist die Würze, die uns den Alltag erträglich macht. In Russland nennt man den Krimi Trolleybus-Literatur: Auf dem Weg von der stupiden Arbeit ins öde Zuhause schenkt sie täglich zweimal eine halbe Stunde Thrill. Wie das die Autoren machen, gehört zu den Geheimnissen der Kunst. Zweierlei ist jedenfalls unabdingbar: Spannung und Wahrscheinlichkeit. Für Jeffery Deaver, millionenschwerer Profi des Angstlust-Geschäfts, ist Krimischreiben ein Big Deal: „Der Leser bekommt von mir den Gegenwert seines Buches in Spannung.“ Ähnlich pragmatisch löst er auch die Begriffsrätsel, an denen sich Literaturwissenschaftler die Zähne ausbeißen. Zum Beispiel, was denn ein Krimi überhaupt sei. Für Deaver gibt es zwei Arten von Literatur. „Der Krimi fragt: Was und wie ist es geschehen? Der Thriller fragt: Was wird geschehen?“ Der Rest ist Lesen. Der Autor ist Sprecher der aus Kritikern bestehenden Jury, die jeden Monat die KrimiWelt-Bestenliste zusammenstellt.

Tobias Gohlis

Titel

  1. Wer lebt, stirbt
    • Verlagdtv
    • ISBN 978-3-423-20988-5

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  2. Die Macht des Mr. Miller
    • VerlagGrafit
    • ISBN 978-3-89425-653-1

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  3. Kaltblütig
    • VerlagKein & Aber
    • ISBN 978-3-0369-5161-4

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  4. Liebesdienste
    • VerlagDroemer Knaur
    • ISBN 978-3-426-19753-0

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  5. Land der Lügen
    • VerlagShayol
    • ISBN 978-3-926126-62-7

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