Romane
05.09.2007
Was sich nicht verhüten ließ
Nicht in jedem Fall hat die von den Nationalsozialisten betriebene Verfolgung der Juden in einem Todeslager enden müssen. Vernichten kann man einen Menschen auch, indem man ihm sein Lebenswerk raubt. Exemplarisch für viele ist das einem Mann widerfahren, dessen Name in Deutschland damals fast jeder Erwachsene kannte. Auch wenn dieser Name meist nur mit gesenkter Stimme ausgesprochen wurde.
Am 4. März 1883 im russischen Konin geboren und 1893 mit seinen Eltern nach Berlin ausgewandert, hatte es der jüdische Unternehmer Julius Fromm mit Gummiwaren zum Millionär gebracht. Und das, obwohl seine Markenartikel, die Präservative Fromms-Act, nur sehr taktvoll gehandelt und beworben wurden. „Bitte händigen Sie mir diskret aus 3 Stück Fromms-Gummi“, stand auf einem Zettel, den verschämte Kunden seinerzeit wortlos über den Apothekentresen schieben konnten. Fromms Gegner kannten solch vornehme Art der Zurückhaltung nicht.
Der Pionier der Verhütung ungewollter Schwangerschaften und epidemischer Geschlechtskrankheiten hatte schon vor 1933 mit Anfeindungen zu kämpfen. Der „Verlust an edelster Volkskraft“ wurde ihm vorgeworfen. Seine Kondom-Automaten galten als teuflischer Angriff auf die Moral der deutschen Jugend.
Verbrechen mit System
Doch erst das rassistische NS-Regime machte ernsthaft Front gegen Fromm. 1936 glaubte ein christlicher Sittenwächter sich als guter Nazi zu zeigen, indem er auf seine Attacken gegen die Gummiwaren hinwies: „Die Akten über meinen jahrelangen Kampf gegen die jüdisch-galizischen Schweinefirmen Fromms Act und Primeros, die Millionen von Gratismustern unter die jüngste Jugend verbreiteten, liegen beim Herrn Innenminister.“
Der eifrige Denunziant hatte freilich falsch kalkuliert. Auf höchster politischer Ebene wollte man Fromms Firma nämlich keineswegs liquidieren. Dafür war das modern geführte, international erfolgreiche Unternehmen viel zu lukrativ. In ihrem Buch „Fromms“ zeigen der renommierte Holocaust-Forscher Götz Aly und der Journalist Michael Sontheimer, wie Hermann Göring persönlich zugunsten seiner Patentante intervenierte und sich so das Fromm’sche Vermögen sicherte.
Bis 1938 hoffte Fromm noch, sich mit den braunen Machthabern arrangieren zu können. Ganz im Stil der neuen Zeit firmierten seine Kondome jetzt als „Deutsche Edelerzeugnisse“, hergestellt „von deutschen Arbeitern“. Am 21. Juli 1938 musste er allerdings schweren Herzens einem Vertrag zustimmen, mit dem seine Firma an Elisabeth von Epenstein-Mauternburg übertragen wurde, die der Familie Göring freundschaftlich verbunden war. Fromm und die Seinen durften ausreisen; von seinem Besitz blieb ihm nur ein Bruchteil. Seine Hoffnungen, im englischen Exil an die unternehmerischen Erfolge anzuknüpfen, zerschlugen sich.
An Julius Fromms Fall wird deutlich, was sich hinter dem Begriff der „Arisierung“ verbirgt – ein System, mit dem die Nazis Ängste und Ressentiments kanalisierten, Juden enteigneten und deren Eigentum unter sich aufteilten. Neben Görings Tante und diversen anderen Arisierungsgewinnlern zählten auch zwei hohe Wehrmachtsoffiziere zu den Profiteuren. Darüber hinaus flossen rund drei Millionen Mark an den deutschen Staat und wurden in „Volkseigentum“ verwandelt.
Trotz allem wollte Julius Fromm nach dem Krieg in Deutschland noch einmal von vorne anfangen. Aber nur drei Tage, nachdem in London der Sieg gefeiert wurde, war er am 12. Mai 1945 in seiner Wohnung tot zusammengebrochen: „Julius Fromms Herz versagte“, so geben Aly und Sontheimer die Meinung der Fromm-Familie wieder, „weil er sich über den Untergang der Nazis und auf die Rückkehr nach Deutschland so sehr gefreut hatte.“
Ulrich Baron
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Götz Aly / Michael Sontheimer Fromms S. Fischer - 19,90 € (D) / 20,50 € (A) / 34,90 sFr Format: 224 ISBN: 978-3-10-000422-2 Bestellen |
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