Belletristik / Titelgeschichte

Als das Leben unsere Träume fand
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Hoffnung auf Glück

In „Als das Leben unsere Träume fand“ kämpfen drei junge ­Auswanderer in ihrer neuen Heimat Argentinien ums Überleben. Ein dramatischer historischer Roman, hochemotional und in Breitwandoptik erzählt. 

Buenos Aires, 1913: Auf den überfüllten Straßen tummeln sich Menschen aus aller Herren Ländern. Italiener, Spanier, Iren und Deutsche bevölkern die breiten Avenidas mit ihren klassizistischen Fassaden; Arme treffen auf Reiche, Hutfabrikanten auf Herrenschneider, Köche auf Kuhhirten und Tangotänzer auf ­Tagediebe. Handwerker und Prostituierte bieten ihre Dienste an, und nur die gellenden Rufe von Schuhputzern durchdringen das lautstarke Sprachgewirr. Und täglich landen neue Schiffe im ­Hafen, mit noch mehr Auswanderern aus Europa. 

Unter den Neuankömmlingen sind auch drei junge Waisen, deren Lebenswege Luca Di Fulvio in seinem erzählgewaltigen ­Roman „Als das Leben unsere Träume fand“ verfolgt.

Da ist zunächst der 20-jährige Rocco aus Palermo. In seiner ­sizilianischen Heimatstadt hat sich der selbstbewusste junge Mann den Zorn von Mafiaboss Don Mimi Zappacosta zugezogen, weil er es gewagt hat, ein anderes Leben zu führen als das eigentlich für ihn vorgesehene. In der südamerikanischen Metropole will Rocco nun Arbeit als Mechaniker finden. Doch kaum hat er einen Fuß auf den Boden der Neuen Welt gesetzt, sieht er sich erneut in mafiöse Strukturen verstrickt. Dass er im Gewimmel der Stadt ­außerdem jene Landsmännin aus den Augen verliert, zu der er während der wochenlangen Überfahrt zarte Bande geknüpft hat, dämpft seine Freude über den erhofften Neuanfang zusätzlich. 

Auch für Rosetta, jene von Rocco umschwärmte Landsmännin, rollt Buenos Aires keinen roten Teppich aus. Ihre Heimat musste die dunkeläugige Schönheit verlassen, um nicht vom örtlichen Baron zugrunde gerichtet zu werden. Doch dessen ­Autorität reicht weit, und so erwartet die junge Frau bei der Einreise ein Haftbefehl. Nur dank Roccos Eingreifen gelingt es ­Rosetta, in den Armenvierteln der Stadt unterzutauchen. 

Am schlimmsten aber trifft es Raquel. Die 13-jährige Jüdin wird in ihrem Schtetl im russischen Zarenreich von einem besonders brutalen Zuhälter angeworben und unter falschen Versprechungen nach Argentinien gelockt. Dort angekommen, wird sie Zeugin grausamer Verbrechen an Frauen. Mit sehr viel Glück kann sie aus dem gefängnisartigen Bordell ausbrechen – und wird im Zuge ebenso abenteuerlicher wie schicksalsträchtiger Verwicklungen von Rocco unter die Fittiche genommen. 

Aus Fakten und Fiktion webt der italienische Bestsellerautor Luca Di Fulvio einen tragisch-schönen, atmosphärisch dichten Roman, der zugleich ein packender Führer durch Geschichte, Kultur und Leben von Argentiniens Hauptstadt ist. Die chaotischen, unbarmherzigen Zustände unter den fast sechs Millionen Einwanderern, die zwischen 1880 und 1930 nach Argentinien ­kamen, dienen ihm als Kulisse für große emotionale Konflikte. Anhand der Lebenswege seiner drei starken Hauptfiguren beschreibt er eindringlich den gefährlichen Reiz der Macht, die Verirrungen des Glaubens und die unbändige Kraft der Liebe.

Luca Di Fulvio© Olivier Favre

Im Gespräch: Luca Di Fulvio

Rocco flieht vor der Mafia, Rosetta vor dem tyrannischen Baron ihres Geburtsorts und Raquel muss aufgrund antisemitischer Übergriffe ihre ukrainische Heimat verlassen. Welche Träume verbinden Ihre Figuren?
Die Hoffnung auf ein neues Leben. Oder anders gesagt: die Hoffnung auf Freiheit. Rosetta und Raquel träumen, jede auf ihre Art, von einer Welt, in der Frauen selbstbestimmt und gleichberechtigt leben können. Und Rocco träumt von einem ehrlichen Miteinander in einer Gesellschaft, die statt auf Korruption auf Solidarität baut. Nach und nach erfahren alle drei, dass es sich lohnt, für diese Ziele und eine bessere Welt zu kämpfen.

Ihre Protagonisten erleben traumatisierende Schicksalsschläge und müssen physische und psychische Gewalt ertragen. Mit welchem Charakter haben Sie beim Schreiben besonders mitgefühlt?
Ein Schriftsteller sollte alle seine Figuren lieben, auch die bösen und widerwärtigen. Nur so kann er sie zum Leben erwecken. Aber ich habe tatsächlich eine Schwäche für Rosetta und Rocco – beziehungsweise für die außergewöhnlich starke, schicksalsträchtige Verbindung zwischen ihnen. 

Sie beschreiben Buenos Aires zu Anfang des 20. Jahrhunderts so lebensprall und echt, als wären Sie damals dort gewesen. Wie viel davon ist Fiktion?
Das Buenos Aires, das ich im Buch entwerfe, ist halb real, halb fiktiv. Ich habe viel recherchiert, habe mich in alte Fotos vertieft und versucht, mir die Gerüche und Geräusche der Stadt vorzustellen. Wenn ich morgens mein Arbeitszimmer betreten habe, dann war ich in „meinem“ ­Buenos Aires. Aber ich hoffe, die Leser ent­decken bei der Lektüre ihr jeweils eigenes Buenos Aires. 

Die größte Einwanderergruppe in Buenos Aires bildeten die Italiener. Hätten Sie ein Jahrhundert früher gelebt, wären Sie dann auch an Bord eines Überseedampfers gegangen?
Ich glaube nicht, dass ich den nötigen Mut gehabt ­hätte, um den Ozean zu überqueren. Aber wenn es mich durch Zufall oder Schicksal dorthin verschlagen hätte, hätte ich mich durchgebissen. Und das ist auch meine Botschaft an all die jungen Menschen, die sich in unserer modernen Welt zurechtfinden müssen: Kämpft für eure Lebensträume und gebt niemals auf! 

Text und Interview: Alice Werner

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