Belletristik / Im Porträt

Jetzt bestellen
Der Spielmann

Sagenhafter Scharlatan

Mit Goethes „Faust“ haben sich schon Generationen von Schülern abgemüht. In Oliver Pötzschs historischem Roman „Der Spielmann“ wird der klassische Stoff plötzlich zum spannenden Abenteuer im mittelalterlichen Deutschland.

Die Faust-Legende kennt jeder: die Geschichte vom Gelehrten, der einen Pakt mit dem Teufel schließt und sich und sein Gretchen ins Verderben stürzt. Weniger bekannt ist, dass Doktor Faustus tatsächlich gelebt hat, und diese historische ­Figur stellt Oliver Pötzsch in den Mittelpunkt seines aktuellen Romans. Sein Faust heißt eigentlich Johann, wird aber von seiner Mutter „Faustus“ genannt, was so viel heißt wie „der Glückliche“. 

Oliver Pötzsch© Frank Bauer

Glücklich jedoch ist Johann nicht: Er vergräbt sich am liebsten in Bücher und gilt in seinem Heimatdorf Knittlingen als Sonderling. Nur Margarethe, die Tochter des Pflegverwalters, versteht ihn; doch sie ist einem anderen versprochen. Mephisto tritt in Gestalt des Zauberers Tonio del Moravia auf. Er nimmt Johann unter ­seine Fittiche, als dieser nach einem unheimlichen Vorfall im Wald, bei dem Margarethe beinahe den Verstand verliert und ­Johanns Bruder spurlos verschwindet, aus Knittlingen fliehen muss. Der Zauberer schließt einen Pakt mit Johann: „Ich habe dir das Leben gerettet, dafür wirst du mir ein Jahr lang dienen, ohne Lohn und zur Prüfung.“ Zusammen ziehen die beiden dann als Gaukler durch die Lande. Aber schon bald merkt ­Johann, dass Tonio mehr ist als ein Feld-, Wald- und Wiesenzauberer, dass hier dunkle Mächte am Werk sind, die ihn auf ihre Seite ziehen wollen.

Oliver Pötzsch stieß ganz zufällig auf den historischen Doktor Faustus. Als er wegen eines Lokführerstreiks in Karlsruhe festsaß und die Region erkundete, entdeckte er in Knittlingen das Geburtshaus des Doktors: „Bis dahin hatte ich immer gedacht, dass Faust nur eine Sagengestalt war.“ Im kleinen Faust-Museum lernte Pötzsch dann eine gar nicht sagenhafte Gestalt kennen, „einen Quacksalber, Astrologen, Wahrsager, Alchimisten, Scharlatan, weisen Doktor und listigen Beschwörer“. Kurz: eine wunderbare Romanfigur! 

Die Quellenlage ist spärlich, aber Oliver Pötzsch füllt die weißen Flecken in der Geschichte mühelos auf. Sein Johann Faustus ist ein zerrissener Charakter, ein Suchender, der nie seinen Platz in der Welt findet, ein Egozentriker, der andere manipuliert und damit nicht nur Margarethe ins Unglück stürzt, ein Grenzgänger, über dem ein schwarzer Schatten zu liegen scheint. „Du hast etwas an dir, etwas Dunkles, niemals Ruhendes“, sagt der Fiedler Peter Nachtigall, mit dessen Gauklertruppe Johann die Alpen überquert: „Als hätte dich der Teufel selbst berührt.“ Diesem Teufel sucht Johann zu entkommen, aber das Böse ist ihm auf den Fersen. Johann wird zum Gejagten, und auch viele Jahre später, als der bereits berühmte Doktor Faustus mit seinem Adlatus Karl Wagner durchs Land reist, lässt der Satan ihn nicht los.

© akg-images

Um sich ins 16. Jahrhundert einfühlen zu können, ließ Oliver Pötzsch einen Schäferwagen zu einem mittelalterlichen Gefährt umbauen – bis auf die Heizung: „Beim Ofen habe ich mich für Gas statt Kohle entschieden. Faust hätte es vermutlich genauso gemacht, er war seiner Zeit ja schon damals voraus.“ Im Schäfer­wagen schrieb Pötzsch seinen Roman, eingehüllt in die Vergangenheit: „Auf diese Weise überkam mich gelegentlich das Gefühl, mit Faust und seinem Lehrmeister Tonio in dessen Gauklerwagen über die alten Poststraßen zu rumpeln, immer unterwegs, ohne festes Ziel, begleitet von schrecklichen Kreuzschmerzen.“ 

Die Mühsal hat sich gelohnt: Pötzschs Prosa nimmt die Leser mit auf eine temporeiche, faszinierende Zeitreise, die durch far­bige Schilderungen des mittelalterlichen Lebens ebenso besticht wie durch eine authentische Sprache und eine spannende Handlung, in die Pötzsch immer wieder vertraute Zitate aus Goethes „Faust“ einflicht: „Blut ist ein ganz besonderer Saft“, bemerkt ­Tonio beiläufig, Johann seufzt: „Zwar weiß ich viel, doch möcht ich alles wissen!“, und Margarethe schleudert ihrem Geliebten die berühmte Frage entgegen: „Sag, Johann, wie hast du’s mit der Religion?“ So schlägt Pötzsch eine Brücke zum „Faust“-Drama und erweist Goethe seine Reverenz. Man kann sich durchaus vorstellen, dass auch der Dichterfürst seine Freude an dem Roman gehabt hätte! 

Irene Binal

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld