Belletristik / Vorgestellt

Prügel statt Güte

Mit ihrem Roman „Grenzgänger“ greift Bestsellerautorin Mechtild Borrmann erneut auf Geschehnisse unmittelbar nach Kriegsende zurück. Feinfühlig beschreibt sie die unbarmherzige Erziehung in deutschen Kinderheimen in den 1950er Jahren.

Grenzgänger
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© George MArks / iStock

Henni ist zwölf, als der Krieg vorbei ist. Trotz der schwierigen Umstände strotzt das aufgeweckte Mädchen vor Lebensfreude. Doch als ihre Mutter überraschend stirbt und der kriegsversehrte Vater die vier Kinder nicht mehr versorgen kann, muss sie zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Als Kaffee-Schmugglerin verdient sie sich etwas dazu – wie so viele Schulkinder aus ihrem Dorf an der deutsch-belgischen Grenze. Dank ihrer Unerschrockenheit steigt sie schnell zur Kolonnenführerin auf.

Die Arbeit ist anstrengend und gefährlich, weil die ­Zöllner mit scharfen Hunden und Waffen gegen die Schmuggler vorgehen. ­Eines Nachts trifft Hennis Schwester ein tödlicher Schuss. Während Henni in eine B­esserungsanstalt eingewiesen wird, kommen ihre jüngeren Geschwister ­Matthias und Fried in ein katholisches Kinderheim. Doch statt Güte erfahren die Kinder nur Prügel und schwarze Pädagogik. 

Voller Empathie für ihre Figuren und mit enormer erzählerischer Kraft ent­faltet Bestsellerautorin Mechtild Borrmann in ihrem neuen Roman das Porträt einer von Krieg, Schicksalsschlägen und Unrecht verfolgten Familie und beschreibt eindringlich, welch großes Leid viele Heimkinder in konfessionellen Einrichtungen erdulden mussten.

Im Gespräch: Vera Teltz (Hörbuchsprecherin)

Vera Teltz© Alexander Hörbe

Wie haben Sie sich auf das Einsprechen von „Grenzgänger“ vorbereitet? 
Ich habe mich nicht speziell vorbereitet. Viel entscheidender ist der Moment, in dem die Geschichte beim Lautlesen lebendig wird. Oft entsteht dann noch mal etwas anderes als in der Vorbereitung – ich lasse mich gern überraschen.

Mit welcher Figur konnten Sie sich persönlich am meisten identifizieren? 
Mit Thomas, dem engsten Vertrauten von Matthias im Kinderheim. Er hat mich am meisten berührt. Wie sich diese gequälte Seele nach langen Jahren des Leidens eine Künstlerexistenz aufbaut und eine eigene Welt erschafft, in der sie sich ausdrücken und lebendig sein kann, das hat mich beeindruckt.  

Der Roman schildert einige dramatische Schicksalsschläge. Welche Episode im Buch hat Sie am stärksten bewegt? 
Als Thomas bei Gericht als Zeuge aussagt, um den frühen Tod seines Freundes Matthias aufzuklären, der im Kinderheim angeblich an Lungenentzündung starb. Ich finde seine Innenwelt, dieses klaustrophobische, panische ­Chaos, sehr gut beschrieben. 

Mechtild Borrmann: Grenzgänger. Gelesen von Vera Teltz. Argon, 6 CDs, 19,95 € (D/A)

Warum können Sie „Grenzgänger“ weiterempfehlen? 
Der Roman ist wunderbar geschrieben, die Figuren und Orte wirken so ­lebendig, dass man in die Szenen regelrecht reingesogen wird. Und obwohl ein grausamer Teil deutscher Geschichte erzählt wird, ist der Roman nie ­ausschweifend gefühlig oder vordergründig moralisch.

Text und Interview: Alice Werner

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