Literatur-Nachrichten

Avantgardekunst gegen Gebrauchsbücher?

Nachdem Design-Professoren in einem Offenen Brief beklagt hatten, im Wettbewerb "Deutschlands schönste Bücher" fehle "der Aspekt kritisch-ästhetischen Kulturschaffens", lud Professor Christian Ide in Frankfurt zur Podiumsdiskussion.

Stand der Stiftung Buchkunst auf der Frankfurter Buchmesse© Tobias Bohm

Die einen sehen in der Buchgestaltung einen entscheidenden Impuls für die Kaufentscheidung in der Buchhandlung, die anderen erachten sie als notwendiges Beiwerk, das aber nur geringe Kosten verursachen darf. Und für eine größere Gruppe an Hochschullehrern geht es um kritisch-ästhetisches Kulturschaffen und einen Diskurs, den sie beim Wettbewerb "Deutschlands schönste Bücher" vermissen: So umriss Christian Ide, Professor für Verlagsproduktion an der HTWK Leipzig, die Positionen zu Beginn der Diskussion. Und hinterfragte die Rolle der 25 unterzeichnenden Hochschullehrer: Er sei als Professor für Herstellung gar nicht gefragt worden, ob er unterschreibt, "so dass sich die Frage stellt, wer zum Unterschreiben aufgefordert worden ist".

Das Kind nicht mit dem Bade ausschütten

Es sei verdienstvoll, gerade im Zeitalter der Digitalisierung den Blick auf das gedruckte Buch im Auge zu behalten - "aber wenn wir mit anderen Ländern wie Großbritannien oder den Niederlanden vergleichen, sehe ich die Bandbreite der besonderen Bücher in Deutschland in dem Wettbewerb nicht abgebildet", meinte Markus Weisbeck, Professor für Grafikdesign an der Bauhaus Universität Weimar. "Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, muss dann vielleicht die Satzung der Stiftung Buchkunst geändert werden", schob sein Kollege Ingo Offermanns, Professor für Grafik an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, nach.

Ralf de Jong, Professor für Typografie an der Folkwang-Hochschule Essen, Buchgestalter und Juror im Wettbewerb, gab zu denken, "dass eine Gruppe von Hochschulprofessoren eine Breitseite abschießt und glaubt, damit etwas ändern zu können, und zweitens fehlt mir die Begründung für dieses Vorgehen - wenn, dann möchte ich auch wissen warum ich zu blöd bin, 'richtig' zu jurieren. Dass man einem Wettbewerb vorwirft, dass er nicht der Wettbewerb ist, den man gerne hätte - das kann ich nicht nachvollziehen." Über die Preisträger könne man immer streiten, "aber das muss man trennen vom Preis selbst", ergänzte Hanser-Herstellungsleiterin Stefanie Schelleis. "Mich irritiert, ob das, was die Gruppe von Hochschullehrern will, überhaupt in einem Wettbewerb abgebildet werden kann." Sie schätze die Stiftung Buchhkunst als Institution, die sich mit Buchästhetik beschäftige - es gebe nur wenige Foren, wo solch eine Auseinandersetzung stattfinde. 

Bandbreite der aktuellen Produktion

Gerade deshalb wollen die Unterzeichner hier ansetzen: "Das ist ja nicht irgendein Preis, sondern das Nadelöhr, durch den alle Bücher hindurchgehen, um international wahrgenommen zu werden", sagte Offermanns. Es sei klar, dass man nicht in jedem Jahr alles abbilden könne, "aber die Beschränkung auf 25 Titel kann ja doch nur einen Bruchteil des Panoramas der aktuellen Produktion abbilden. Da haben andere Länder viel mehr Titel im Wettbewerb." In den Niederlanden finde man keine Belletristik, kaum Kinderbücher, entgegnete Katharina Hesse, Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst, "in Portugal werden fast nur Kinderbuchproduktionen eingereicht, also da kann man die Einreichungen der Länder nur schwer vergleichen." Den Vorwurf der 25 Professoren, die Stiftung agiere wie eine Institution der Druckindustrie, sah Hesse als fernab der Realität: "Mit der Plakette werden ja nicht von einem prämierten Titel plötzlich 25.000 Bücher mehr verkauft."

Avantgardekunst gegen Gebrauchsbücher?

Ide wollte die Diskussion noch einmal grundsätzlicher angehen: "Wer entscheidet denn? Ist es wirklich so, dass nur die Hochschultheoretiker darüber entscheiden, wer die schönsten deutschen Bücher sind, und warum sollen die Hochschulpraktiker keine Ahnung haben?" Auf die Frage, was denn der Begriff "schön" meine, erklärte Offermanns, dass es "in der angewandten Gestaltung ein ungewöhnlich heterogenes Bild gibt - was ich gut finde. Aber nach den Maßstäben, nach denen jetzt juriert wird, sehe ich keine Bücher dabei, die der Avantgarde zuzurechnen wären, kein 'Design made in Germany'." Stefanie Schelleis befand, "dass wir in unserer Auswahl schon beispielgebend sind", und Ide wunderte sich: "Sollen das denn Avantgardekunstbücher sein und nicht Gebrauchsbücher? Ist es die Aufgabe der Stiftung Buchkunst, die Bandbreite deutscher Avantgarde zu prämieren?" Die Publikumsverlage klagten ja, dass ihre Titel schon zu "normal" seien, als dass sie Chancen hätten auf eine Prämierung.

"Schnitzel mit Soße schmeckt auch gut, aber nicht 30 Jahre lang", entgegnete Weisbeck, "wir müssen der jungen Generation, den Digital Natives erklären, was ein Buch alles kann und was eine App etc. nicht kann. Diese Generation müssen wir durch experimentelle Bücher wieder an das Buch heranführen, so dass sie Lust darauf kriegen." Im Publikum erläuterte daraufhin Sabine Golde, Professorin für Buchkunst an der Kunsthochschule Halle, dass Studenten oft nicht beim Preis für junge Buchgestaltung einreichten, weil sie sich wegen ders experimentellen Charakters ihrer Bücher wenig Chancen ausrechneten; "bei uns in der Hochschule kommt es ja nicht auf die Lesbarkeit der Bücher an", was zu Erstaunen bei den Zuhörern führte. Gute Bücher könnten ebensogut experimentelle Bücher wie konventionelle Bücher sein, urteilte de Jonge, "so wie wir auch nicht den Lesern vorschreiben können, welche Bücher sie gut zu finden haben und welche nicht."

Als Folge des Offenen Briefes will Offermanns mit Kollegen eine Reige von Symposien veranstalten, um "einen engagierten Diskurs" in der Öffentlichkeit herzustellen.

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