Junge Leser / Titelgeschichte

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Hyde

"Weglaufen funktioniert nicht"

Nach einem tragischen Ereignis in ihrer Vergangenheit kämpft ­Katrina allein ums Überleben und findet Unterschlupf ­in einem verfallenen Haus. Wir sprachen mit Antje Wagner über ihren ­geheimnisvollen psychologischen Spannungsroman „Hyde“.

Beim Lesen fragt man sich die ganze Zeit, was genau Katrina zugestoßen ist und welche Pläne sie verfolgt. Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem ungewöhnlichen Roman?
Ich brenne für Survivalromane. Bücher, in denen Menschen in heftiger Natur, mit krassem Wetter, mit Tieren und Pflanzen leben. Doch ich mag auch Mystery: Geschichten, die mit unseren Ängsten spielen, mit Dunkelheit, Wäldern, unheimlichen Häusern ... In „Hyde“ bricht Katrina in ein altes, verrammeltes Gebäude ein. Alles scheint normal, bis sie bemerkt, dass sie nicht allein ist.

Über viele Zickzackwendungen, Vor- und Rückblenden fügt sich Katrinas unglaubliche Geschichte nach und nach zusammen. Wie verweben Sie Ihre Erzählstränge?
Seit jeher faszinieren mich sogenannte Mindfuck-Geschichten, bei denen ein Plot-Twist das Gelesene in eine völlig neue Bedeutung kippt. Als würde man jäh durch eine Brille sehen, die das vorher Unsichtbare sichtbar macht. Mit „Hyde“ versuche ich so eine Mindfuck-Dramaturgie. Das war eine handwerkliche Herausforderung, an der ich fast drei Jahre lang ohne Verlagsvertrag geschrieben habe. Ein irrwitziges Risiko. Die Idee wirkte so schräg, so anders und vielleicht auch schwer umsetzbar. Aber diese Zeit erlaubte mir, alles intensiv zu durchdenken und es zu „komponieren“. Außerdem wollte ich eine neue Figur entwickeln, keine „typische“ Identifikationsfigur: eine junge Frau wie Katrina, versehrt, nach Rache dürstend und mit einer Vergangenheit, die sich von jeder anderen unterscheidet.

Sie schreiben sehr detailreich und sinnlich, scheinen ihren Figuren direkt unter die Haut zu schlüpfen ...
Man muss sich beim Schreiben ernsthaft auf die Konflikte der Figur einlassen: Wenn Katrina in Sommerkleidung extremer Kälte ausgesetzt ist, dann ist das eine lebensgefährliche Situation. Es ist also glaubhaft, die Figur die Gefahr der Kälte wirklich durchleben zu lassen, und zwar ohne Gnade. Wenn man sich schreibend auf die Konflikte einlässt und sie nicht nur behauptet, schaut man, glaube ich, zwangsläufig genauer hin. Man sieht Details, spürt Atmosphären, leidet mit.

Katrina ist völlig abgeschottet in der Wildnis aufgewachsen: Das Wissen um Naturgesetze, Tiersprachen und -spuren sowie Heilkräuter ist für sie überlebenswichtig. Wie gut kennen Sie selbst sich in der Natur aus?

Ich bin selbst auf dem Land groß geworden, habe Naturerfahrungen intensiv wahrgenommen; sie brennen noch in meinem Hirn und Herzen. Ich glaube, das ist ein großes Glück, es bildet quasi den „Nährboden“ für dieses Buch. Ich bin während des Schreibens jedoch auf viel eigenes Unwissen gestoßen, weil ich selbst kein Wildnis-Typ bin, ich campe nicht mal. Also habe ich recherchiert – in Büchern, Dokus und Interviews mit Menschen, die autark leben.

„Es gibt nur einen Weg aus der Angst. Der führt mittendurch“, sagt Katrinas Vater. Ist das auch Ihre Erfahrung?
Ja, tatsächlich. Es gab Situationen in meinem Leben, die waren „an der Grenze“. Weglaufen funktioniert nicht, das weiß ich nun. Das macht die Angst nur zu deinem Verfolger. Mit der Trauer ist es, glaube ich, auch so: Du kannst sie nur überleben, wenn du sie nicht verdrängst, sondern ernsthaft zulässt. Bis sie sich die Zähne stumpf genagt hat an dir. Dann lässt sie dich los.

„Haus Waldkauz“ hat ein Eigenleben, dem nicht wenige seiner Bewohner bereits zum Opfer fielen. Auch Katrina hat hier bizarre Erlebnisse. Glauben Sie an Übersinnliches?
Es gibt einen „übersinnlichen“ Strang in meinen Büchern, ja – aber im Grunde versuche ich damit, etwas von meiner Figur zu zeigen, was ich auf der realistischen Ebene nicht kann: eine innere Wahrheit. Ich selbst glaube übrigens nicht an das Übersinn­liche, aber daran, dass wir in vielen Bereichen noch blind sind. Das Übersinnliche ist vielleicht das, was wir einfach noch nicht einordnen können in unsere Systeme. Wunderbarerweise, möchte ich sagen. Nur so kann uns eben auch die Liebe als etwas Magisches erscheinen.

Marion Klötzer

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