Belletristik / Aufgeblättert

Mittagsstunde
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Ohne Pathos, voller Leben

Nach ihrem Debüt „Altes Land“ ist nun Dörte Hansens neuer Bestseller "Mittagsstunde" erschienen – ein bewegender Roman über das Verschwinden des dörflichen Lebens, reich an Humor und Melancholie. 

Mit wenigen Worten den Himmel, den Wind, die Weite und die Geschichten der norddeutschen Tiefebene einfangen – das versteht kaum jemand so gut wie Dörte Hansen. Sie ist selbst hier aufgewachsen, in Nordfriesland, wo in ihrer Jugend, in den 60er und 70er Jahren, nichts als Plattdeutsch gesprochen wurde und die Menschen auf dem Dorf eine enge Gemeinschaft bildeten. Ein Idyll sei das nicht gewesen, sagt die Autorin, aber wer im Dorf geboren wurde, getauft und konfirmiert, wer im Tante-Emma-­Laden einkaufte und im Dorfkrug feierte, der gehörte dazu.

Der Roman „Mittagsstunde“ handelt von diesem dörflichen ­Leben, schrullig, liebenswert und tragisch: dem fiktiven friesischen Ort Brinkebüll und seinen Menschen, den letzten Zeugen eines sich auflösenden Zeitalters. Protagonist Ingwer Feddersen, ein echter Brinkebüller, ist einer, der das Dorf verlassen hat und als Archäologe und Prähistoriker an der Uni in Kiel lehrt. Als seine Großeltern pflegebedürftig werden, kehrt er als fast 50-Jähriger für ein Sabbatjahr nach Hause zurück, in den alten Dorfkrug, wo Sönke und Ella noch immer die Stellung halten. Ingwer kann diese Auszeit gut gebrauchen, denn zufrieden ist er mit seinem Kieler Leben und seiner seit 25 Jahren währenden Lebensgemeinschaft mit Ragnhild und Claudius nicht. Er taucht in die alten Geschichten seiner Familie ein und lässt die Gedanken schweifen, während er Sönke unter der Dusche mit warmem Wasser den Rücken wäscht oder mit der unter Demenz leidenden Ella die vertrauten Feldwege entlangläuft, so lange, bis sie zur Ruhe kommt. 

Was also bleibt, wenn das Alte geht? Es sind ganz wunderbare Geschichten, tiefgründig, ohne Pathos und voller Leben, es sind Land, Himmel, Wind und Weite. Und für die, die noch Zeit haben und Mut, gibt es auch die Chance für einen Neuanfang.

Christiane Petersen

Leseprobe

Old man, look at my life 

Im November stand das Wasser auf den Feldern, und der Himmel legte Steine auf das Land, Schleifsteine und Schieferplatten, Beton, Granit, Zement, Kies, Schotter. Dicke Stapel schweres Grau, als müsste dieses Land noch flacher werden.

Wolken wie Mühlsteine auf durchgeweichten Feldern, auf Häusern, Ställen, Scheunen, Carports, auf geduckten Feldsteinkirchen, die diesem Himmel auch nicht ganz zu trauen schienen. Auf einem dünnen Pferd, das mit gesenktem Kopf am Gatter seiner nassen Koppel stand, die Hinterhand geknickt. Ein Kiesel noch, dann würde es wahrscheinlich fallen. Es stand sehr still, den Kopf nach Osten, weg vom Westwind, der in den kahlen Bäumen randalierte wie ein durchgedrehter Feldherr, an Zweigen riss und Eichenstämme rempelte, ein alter Wind, der viel gesehen hatte, Findlinge geschliffen. Jetzt peitschte er den Regen und ließ die Fahnen stramm an ihren Masten stehen, drei Tage ohne Pause, wenn ihm danach war.

Man machte es am besten wie das dünne Pferd, man duckte sich und blieb ganz still, den Rücken in den Wind, den Kopf gesenkt, norddeutsche Schonhaltung. Dem großen Mahlwerk möglichst wenig Angriffsfläche bieten, man gewöhnte sich das an, wenn man hier aufgewachsen war. So sehr, dass man im Auto noch die Schultern hochgezogen hielt, wenn man durch diese Landschaft fuhr. Er merkte es und ließ sie sinken, stellte den Scheibenwischer auf die höchste Stufe.

Er fuhr die Strecke jetzt so oft. Windböen, die ihm ins Lenkrad griffen, das große Heulen an der Seitenscheibe, ein toter Fuchs am Straßenrand. Don’t let it bring you down, er sang das Lied seit über dreißig Jahren mit. Neil Young im Auto, immer schon. Wenn jemand mitfuhr, ließ er die CD im Handschuhfach verschwinden, er hatte keine Lust mehr auf die Kommentare, er lebte seine Liebe zu Neil Young seit vielen Jahren heimlich aus. Andere fälschten Geld im Keller oder teilten Tisch und Bett mit einer Latexpuppe. Er fühlte sich seit dreieinhalb Jahrzehnten von einem Kerl getröstet, der Karohemden trug und mit wimmernder Stimme von goldenen Herzen und alten Männern sang.

Und wenn er im November über die menschenleeren Straßen der schleswigschen Geest fahren musste, dann war ihm das Gewimmer dieses Mannes eine große Stütze.

Man hatte hier als Mensch nicht viel zu melden. Man konnte gern rechts ranfahren, aussteigen, gegen den Wind anbrüllen und Flüche in den Regen schreien, es brachte nichts. Es ging hier gar nicht um das bisschen Mensch.

Das hier war Altmoränenland, es hatte ewig unter Gletschereis gelegen, es war geschliffen und verschrammt, das bisschen Wind und Regen machte ihm nichts aus.

Er war nicht blind, er sah das alles: die zerrupften Krähen, die in den Furchen eines nassen Stoppelfeldes wateten, die Silagehügel unter weißen Plastikhäuten, beschwert mit alten Reifen, verpackte Ballen Heu auf den verwaisten Feldern, die großen Tanks der Biogasanlagen, ihre grünen Kuppeln wie die Wahrzeichen des Maiszeitalters. Bauernhäuser, die irgendwann mit weißem Klinkerstein verkleidet worden waren, jetzt standen sie an ihren vollverzinkten Gartenzäunen wie unglückliche Bräute, die keiner haben wollte. Die Felder, auf denen außer Mais nur noch Solaranlagen oder Windturbinen wuchsen. Die Wartehäuschen an den Haltestellen, Fahrpläne hinter Plexiglas für Busse, die dann doch nie kamen. Die hohen Straßenlampen mit dem bleichen Licht, die in den starken Böen schwankten.

Keine Schönheit weit und breit. Nur nacktes Land, es sah verwüstet und geschunden aus. Ein Land, das man mit einer frommen Lüge trösten wollte, die Hand auf diese Erde legen: Wird schon wieder. Wird alles wieder gut. Es vertrösten auf die guten Tage, wenn der Himmel steinfrei war, windstille Tage, manchmal gab es das. Singvögel, Feldlerchen, Schwalben, blühende Kastanien und Silberpappeln, Kiefern, die in der Sonne dufteten. Tage mit Farben: Raps und Löwenzahn, Sommergras, Heidekraut, schwarzbunte Rinder, Sonnenauf- und -untergänge. Bei klarer Sicht ein bisschen Glanz vom Wattenmeer.

Er hing an diesem rohen, abgewetzten Land, wie man an einem abgeliebten Stofftier hing, dem schon ein Auge fehlte, das am Bauch kein Fell mehr hatte.

Auch das ein Fall fürs Handschuhfach, Klappe zu und keine Kommentare, besten Dank.

Er war, was das anging, kuriert, seit Ragnhild ihn das erste Mal hierher begleitet hatte, die Füße auf dem Armaturenbrett, die Tabakkrümel ihrer Selbstgedrehten auf dem Sitz, Lakritzstangentüte und Handcremetube im Schoß, die Taschentücher überall verteilt. Das alles war ihm damals ganz egal gewesen, aber ihr Feixen aus dem Autofenster nicht, ihr „O Gott“ bei jedem Blumenkübel aus Waschbeton und jeder Plastikhaustür aus dem Baumarkt. Besonders nicht ihr „Ach du Scheiße“, als sie beim Brinkebüller Ortsschild waren, und dann noch einmal, grinsend, auf dem Parkplatz vor dem Gasthof Feddersen. Er, schafstreu und schwer getroffen, hatte ihr das lange nicht verziehen. Vor allem nicht sich selbst verzeihen können, dass sie ihn so gesehen ­hatte. Den Jungen aus dem Dorf, am Bauch kein Fell, so tölpelhaft verletzt.

Don’t let it bring you down, it’s only castles burning.

Er sah sich manchmal selbst im Bauerngang über den Kieler Campus stiefeln, mit langen, tiefen Schritten, als hätte er die Schubkarre noch immer vor dem Bauch. Oder die Sackkarre mit Bierfässern und Brausekisten, die in den Kühlraum mussten. Den Bohnerbesen für das Parkett im großen Saal. Er sah sich in den hohen Fensterscheiben der philosophischen Fakultät, ein Landmann auf dem Weg zur Arbeit, kein Anzug konnte das verbergen und kein weißes Hemd. An manchen Tagen roch es in der ­Seminarbibliothek nach Bohnerwachs. Der Boden war aus Eichenholz, ein breites Fischgrätmuster, bernsteinfarben, wie im Brinkebüller Saal.

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