Hörbuch

karl maykarl may

26.09.2007

Wild und wüst

Abenteuerreise in die Fantasiewelt unserer Jugend:
Karl Mays Orientzyklus ist ganz großes Hörkino.

Schlagworte:

Wie wunderbar kompliziert und klangvoll ist doch dieser Name: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. Ganze Generationen von Jungs (und Mädchen sicher auch) konnten ihn im Schlaf aufsagen, weil er so verheißungsvoll zu ihnen sprach wie die Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“.
Mit diesem Namen stellt sich auch nach Jahren der Zauber der Orientgeschichten Karl Mays wieder ein: die Lust an den Abenteuern Kara Ben Nemsis und seines treuen Dieners Halef, das Vergnügen an der Sprache des sächsischen Lautmalers. Aus Worten wie Giaur, Sihdi, Effendi, Derwisch, Blutrache und Bastonade webt er einen Klangteppich, auf dem man über Arabien hinwegschwebt, in dem Gefühl, so könnte es dort wirklich aussehen, so könnte sich alles zugetragen haben.
Deswegen eignet sich der Zyklus auch so vortrefflich als Hörspiel. Die orientalische Akustik wohnt den Romanen „Durch die Wüste“, „Durchs wilde Kurdistan“, „Von Bagdad nach Stambul“, „In den Schluchten des Balkan“, „Durch das Land der Skipetaren“ und „Der Schut“ bereits inne. Man muss sie nur umsetzen.

Kongeniale Aufbereitung
Da allerdings ist Fingerspitzengefühl gefragt, denn die Geschichte der May-Bearbeitungen ist eine der Verschlimmbesserungen. Arno Schmidt hat deshalb einst in einem Radio-Essay („Der vorletzte Großmystiker“) sogar behauptet, eine ausgewogene Auseinandersetzung mit Karl May sei nur von einem ehrlichen Gegner zu erwarten. Er irrte. Auch Karl-May-Verehrer bestehen diese Nagelprobe. Im Fall des renommierten Hörspielregisseurs Walter Adler sogar mit Bravour.
Der vielfach ausgezeichnete Dramaturg hat schon manches Opus kongenial aufbereitet, zuletzt die Tetralogie „Otherland“ von Tad Williams mit 220 (!) Sprechern. Diesmal waren es „nur“ 71, mit denen er in acht Monaten „Höllenarbeit“, wie er sagt, den Orientzyklus von May inszenierte.
Natürlich ist es unmöglich, die sechs Bände vollständig auf zwölf CDs einzuspielen. Es gilt, sinnvoll zu verdichten – was bei May gut machbar ist, dienen ihm doch viele Szenen nur dazu, das Orientalische zu illustrieren. Mittels aufwendiger Orchestrierung und differenzierter Geräusche entsteht auch mit weniger Worten ein atmosphärisch dichter Soundtrack.
Das Hörspiel konzentriert sich auf die Hauptgeschichte, vom ersten Mord an einem Franzosen im Tal Wadi Tarfaui und der rasanten Verfolgungsjagd über die tückischen Salzseen des Schott el Dscherid bis hin zum Sieg über den Erzschurken Schut. Adlers Auswahlkriterium leuchtet ein. Er setzt Passagen in Szene, die Mays Traum von einem besseren Leben zeigen.

Gefängnis als Sprungbrett
„Für mich ist die gesamte Literatur von Karl May Wunschliteratur“, erklärt er. Die Gründe sind in der Biografie des Sachsen zu finden. Bevor Karl May zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller aller Zeiten wurde (Weltauflage: 200 Millionen), musste er nach einer Kindheit in Armut eine lange, selbst verschuldete Leidensstrecke überstehen. Dem angehenden Volksschullehrer attestierte man eine „Neigung zur Lüge“, und bald hatte der notorische Hochstapler die Delikte Betrug, Diebstahl und Amtsanmaßung auf dem Kerbholz.
Von 1870 bis 1874 verbüßte er eine Zuchthausstrafe. Im Gefängnis begann er zu schreiben, verlieh viele seiner Züge dem liebenswerten Aufschneider Halef und erträumte sich sein besseres Ich in Gestalt von Kara Ben Nemsi, der besessen an die Unfehlbarkeit der Gerichte glaubt, sich aber nie zum Richter über andere erhebt.
Adler stellt jeder CD einen inszenierten Prozess gegen den Schriftsteller voran, der zugleich wichtige biografische Stationen erzählt. So steht May, erstmals des Diebstahls angeklagt, demütig vor einem Richter – und dann geht die Verhandlung nahtlos in eine Gerichtsszene über, in der Kara Ben Nemsi sich wortgewaltig vom Angeklagten zum Ankläger aufschwingt.
Sylvester Groth, der die Hauptrolle spricht, gibt den Ich-Erzähler mit viel Verve, dramatisiert temporeich die Action-Momente, in denen sich Schreie mit knallenden Schüssen und Pferdewiehern vermischen. Er transportiert aber zugleich die edle Empfindsamkeit Kara Ben Nemsis und dessen religiöse Liberalität – die Aussöhnung zwischen Moslems und Christen war eine der großen Visionen Mays. Bemerkenswert auch Matthias Koeberlin als Halef, und die schöne Nebenrolle des spleenigen Sir David Lindsay ist mit Rufus Beck grandios besetzt.
Das Hörspiel nimmt die Träume Mays ernst – ohne sie zu verklären. Das, und nicht allein das Wiederhören der Geschichten, verleiht ihm den gleichen Status, den die Romane selbst haben: Kult für alle Altersstufen.

Ronald Dietrich

Titel
Karl May
Unter Geiern
Karl-May-Verlag - 12,99 € (D) / 13,10 € (A) / 24,99 sFr
Format: 1 CD
ISBN: 978-3-7802-0735-7
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Karl May
Der Orientzyklus
Der Hörverlag - 79,95 € (D) / 79,95 € (A) / 127,00 sFr
Format: 12 CDs
ISBN: 978-3-86717-143-4
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