Literatur-Nachrichten

"Wenn man präzise sein möchte, muss man die Dinge benennen"

"Schluss mit dem Gender-Unfug!" fordert der Dortmunder "Verein Deutsche Sprache". 44.240 Personen haben den Aufruf bisher unterzeichnet. Völlig anderer Meinung ist die Schriftstellerin Nina George. Die Beirätin des PEN-Präsidiums und Beauftragte des Womens Writers Commitee des PEN-Zentrum Deuschland sieht im Widerstand gegen gendergerechte Sprache "ein Symptom für gelebte Misogynie". 

Nina George© Helmut Henkensiefken / FinePic

Verwenden Sie gendergerechte Sprache?
Ich schreibe immer alles aus – und ich setze die Damen auch voran, also zum Beispiel Autorinnen und Autoren. Vor allem in Sachtexten muss man präzise sein, denn Sprache macht ja nicht nur sichtbar, sondern für mich ist Sprache auch ein Mittel der Präzision. Und wenn man präzise sein möchte, muss man die Dinge benennen, wie sie tatsächlich heißen.

Leidet in fiktionalen Texten nicht die sprachliche Eleganz darunter?
Gerade in Prosatexten ist es überhaupt nicht schwierig alle zu nennen, selbst wenn man Menschenmengen beschreibt. Wenn man geschickt im Erzählen ist, kann man es auch durchaus vermeiden, dass man in einen behäbigen Sprachkuddelmuddel kommt, sich in Aufzählungen ergeht.

Was ist mit Binnen-I und Gendersternchen?
Das Binnen-I nutze ich in Facebookchats, die Stern*chen vermeide ich. Das ist eine Frage der ganz und gar subjektiven Ästhetik, aber auch der Neurologie. Ich finde Buchstaben einfach zu schön. Lesen animiert im Gehirn Bilder und damit Emotionen. Emotionen sind die Grundlage dessen, wie wir zu etwas oder jemandem stehen, wie wir die Welt überhaupt sehen. Ausgeschriebene Wörter, also etwa Pilotinnen und Piloten, zeichnen ein anderes Bild im Gehirn nach und ebensolche Emotionen, als etwa Pilot*innen. Die neuronale und emotionale Echokammer der Rezipierenden ist nicht zu unterschätzen; und da nutze ich als Autorin doch die große Chance, die Gegebenheiten und Personen so zu benennen, wie ich sie als Bild im Kopf meines Gegenübers auch tatsächlich zeichnen will.

Und wo bleibt das dritte Geschlecht?
In Sachtexten oder Mitteilungen wurde ich bisher bei den von mir favorisierten Ausschreibungen wie Autorinnen und Autoren bisher von keiner Trans/Inter/Queerpersönlichkeit gebeten, eine weitere Form zu finden, wie etwa AutorX. Gerne werde ich dafür aber weiter sensibilisiert und erhalte auch gerne Vorschläge, die über das Sternchen hinaus gehen.

Welchen Umgang in Sachen gendergerechte Sprache wünschen Sie sich von Verlagen?
Dass sie allesamt mal ihre Webseiten überarbeiten und zum Beispiel sagen, unsere Autoren und Autorinnen auf der Frankfurter Buchmesse oder möchten Sie mehr über die Autorinnen und Autoren wissen. Ich wünsche mir, dass die Verlage sich auf ihren öffentlichen Seiten die Mühe machen, so etwas präzise auszuschreiben. Außerdem wünsche ich mir, dass sie auf gar keinen Fall bei dieser seltsamen Erklärung des Vereins Deutsche Sprache (VDS) mitmachen, die gerade überall herumgeistert.  

Extrem dafür oder extrem dagegen: Warum ist das Empörungspotenzial bei diesem Thema so groß?
Das Dagegenhalten gegen eine präzise, inklusive Sprache ist eigentlich nur ein Symptom für gelebte Misogynie. Stellen Sie sich doch einmal andersherum vor, wir würden in einer Welt leben, in der es bisher nur Gärtnerinnen, Autorinnen, Doktorinnen, Pilotinnen gäbe und das würde aufgebrochen werden. Ich glaube, die meisten Männer wären sehr zufrieden, wenn sie dann mitgenannt würden. Und: Der Verein Deutsche Sprache besitzt für mich etwas unangenehm deutsch-tümelndes, zudem mit unscharfer Argumentation, wie es bereits Till Raether im SZ-Magazin gewitzt auf den Punkt brachte.

Welche Möglichkeiten gibt es? Was empfiehlt der Duden? Wie gehen Verlage und der Buchhandel damit um? Was wünschen sich die Autoren?  Gendern ist das Thema der Woche im Börsenblatt Heft 12, das am 21. März erscheint!

Interview: Sabine van Endert

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