Junge Leser / Leseprobe

Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe
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Knirps' großes Abenteuer

In Michael Endes Nachlass fanden sich die ersten drei Kapitel eines ­wunderbaren Romans. Nun hat Wieland Freund die schelmisch-schöne ­Rittergeschichte nahtlos weitergeschrieben.

Mitten in der Nacht und während eines schrecklichen Gewitters türmt Knirps alias Hastrubel Anaximander Chrysostomos heimlich aus dem fahrenden Puppentheater­wagen seiner Eltern. Wenig später stapft er mutterseelenallein in seinem Harlekinkostüm durch den Bangewald, schnurstracks auf dem Weg zu Raubritter Rodrigo Raubeins Schauderburg. Was er da will? In die Lehre gehen und auch ein berühmter Raubritter werden selbstverständlich! 

„Onkel Roddi“ ist dann allerdings längst nicht so abgebrüht und raubeinig, wie die Geschichten über ihn vermuten lassen. Fast scheint es sogar, als wäre er gar nicht besonders wild auf Abenteuer, sondern würde lieber in ­aller Ruhe Kakteen züchten. Knirps jedoch bleibt nicht viel Zeit, sich über diesen sonderbaren Widerspruch Gedanken zu machen. Stattdessen zieht er gleich wieder los, um als Knappenprüfung eine besonders fiese Gräueltat zu begehen. Ein riesiger Schlamassel, der immer verrückter wird. Ausgerechnet Prinzessin Flip lässt sich nämlich von Knirps entführen; auf den Fersen sind den beiden bald nicht nur der fiese ­Zauberer Rabanus Rochus und seine Drachen, sondern auch die Soldaten des Königs und „Papa Dicks Puppentheater“ samt Raubritter Rodrigo. Zum Glück hat der weise Papagei Sokrates ein paar sehr kluge Ideen … 

Eine fantastische, turbulente und lustige Geschichte um Wahrheit und Lüge, Mut und Freundschaft. Ihren Anfang hat vor mehr als 30 Jahren ­Michael Ende geschrieben. Wieland Freund, der mit Endes Romanen aufgewachsen ist, hat die Geschichte jetzt nahtlos und mitreißend weitergesponnen. Dazu gibt es viele tolle Bilder. 

Marion Klötzer


LESEPROBE

Während weit, weit vorn auf der Landstraße Papa und Mama Dick in ihrem Wagen saßen, Tee tranken und sich um ihr Kind sorgten, bahnte sich Knirps einen Weg durch das dickste Dickicht eines Waldes. Zu jener Zeit gab es auch bei uns zu Lande noch richtige Urwälder mit tausendjährigen Baumriesen, mit Schluchten, die noch keines Menschen Fuß je betreten hatte, mit Schlingpflanzen und Sümpfen, in denen Irrlichter auf und nieder tanzten. Und der riesige Wald, um den es sich in dieser Geschichte handelt, hieß der Bangewald, denn er war ganz besonders unheimlich. 

Es hieß, dass es dort nicht nur Bären und Riesenschlangen gäbe, sondern auch Waldgeister, schlimme Kobolde und alle möglichen anderen Ungeheuer. Vor allem aber lebte hier, irgendwo in seiner unnahbaren Burg versteckt, jener gefürchtetste aller Raubritter, den Mama Dick schon mit solcher Ängstlichkeit erwähnt hatte: Rodrigo Raubein. 

Niemand im ganzen Land wagte seinen Namen anders auszusprechen als hinter vorgehaltener Hand und in flüsterndem Ton, denn schon allein seine Erwähnung galt als gefährlich. Über die Wildheit und Bosheit dieses Unmenschen gab es zahllose Geschichten. Vor allem aber erzählte man sich geradezu unglaubliche Dinge über seine gewal­tige Kraft im Kampf, die ihn ganz und gar unbezwinglich machte. Selbst die tapfersten Recken und kühnsten Draufgänger zogen es vor, sich erfolgversprechenderen Abenteuern zuzuwenden und um den Bangewald einen möglichst großen Bogen zu machen. 

Trotzdem – oder vielmehr gerade deshalb – hatte Knirps beschlossen, diesen Mann aufzusuchen. Diese erstaunliche Absicht soll auf der Stelle erklärt werden, denn sonst könnte sich möglicherweise jemand ein ganz falsches Bild von Knirps machen und ihn für ungeheuer mutig oder gar für einen Helden halten. 

Aber das war er nicht. Denn mutig ist jemand, der Angst hat und seine Angst überwindet. Aber Knirps wusste überhaupt nicht, was Angst ist, und deswegen brauchte er auch nichts zu überwinden. 

Angst hat nämlich nur einer, der das Böse kennt, das in ihm steckt, und es deshalb nicht sucht. Und auch davon wusste Knirps nichts. Er konnte sich einfach nichts Richtiges darunter vorstellen. Deshalb war das keine Tugend, sondern ein Fehler. Er hatte keine Ahnung, was man gegen einen solchen Fehler tun konnte. Er hatte gehört: Wer nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden kann, der bleibt ewig ein Kind. Aber das wollte Knirps nicht, er wollte gerne erwachsen werden, und deshalb war er ausgerissen und nun auf dem Wege zu Rodrigo Raubein, der ja zweifellos ein Fachmann auf dem Gebiet des Bösen war. 

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