Belletristik / Titelgeschichte

Marina, Marina
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Eine italienische Geschichte

Sant’Amato, ein kleiner Ort an Liguriens Küste, ist Ausgangspunkt für Grit Landaus bezaubernden Roman „Marina, Marina“. Er handelt von einem Dorf und dessen ­Bewohnern, von einer weitläufigen Familie, der Liebe und dem italienischen Dolce Vita.

Das Leben in Bella Italia hat es Grit Landau angetan. Vor allem die ligurische Steil­küste mit ihren mondänen Strandbädern und den traditionsreichen Dörfern in den umgebenden Bergen fasziniert die Autorin. Die Italien­liebe hat Landau von ihren Eltern geerbt: einem Opernregisseur und Puccini-­Experten und einer leidenschaftlichen Italien­reisenden. Folglich ist es kein Zufall, dass Grit Landau ihren neuen Roman „Marina, Marina“ an der italienischen Riviera spielen lässt. 

Grit Landau© Tom Lanzrath

Es ist ein heißer Sommer Anfang der 1960er Jahre, im Radio laufen italienische Schlager und der 13-jährige Nino verliebt sich unsterblich in die ebenso schöne wie unerreichbare Marina, die Mutter seines Schulfreunds. Auch Marina hat einen geheimen Traum und eine heimliche Liebe. Doch wer das ist, darauf kommt Nino erst Jahre später. 

Natürlich dreht sich Grit Landaus Roman im Kern um die Liebe in all ihren Facetten, aber es geht darin auch um die wechselvolle Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert, um Familienclans, um Freundschaft, Verrat und Sühne – und um die spannungsreichen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien. Ein dramatischer, herrlich nostalgischer und zugleich authentischer Roman. 

Alice Werner

Leseprobe aus "Marina, Marina" von Grit Landau

Es ist für Marina.“ – Jetzt war es raus. Nino hatte zum ersten Mal ihren Vornamen laut ausgesprochen, hatte sie genannt wie in seinen Träumen. Nicht signora Vassallo. Nicht la Romana wie die meisten Alteingesessenen in Sant’Amato. Nein, Marina nannte er sie. Ma-ri-na. Nur drei Silben, und doch steckte in ihnen die ganze Sehnsucht seines dreizehnjährigen Lebens.

Beppe, sein Cousin und zweitbester Freund, zeigte sich unbeeindruckt.

„Häh?“, sagte er und kratzte sich hinter einem seiner abstehenden Ohren. „Welche Marina?“ – „Na, Marina Vassallo.“

„Die vom Frisiersalon da drüben?“ Beppe wollte schon zum anderen Ende der Piazza zeigen, doch Nino fiel ihm in den Arm. – „Ja, Mensch.“ – „Nein.“ – „Doch.“ – »È vero?“ – „Wenn ich es doch sag.“ 

„Was, die Frau von Carlo Vassallo? Matteos Mutter?“– „Ja, verdammt. Nicht so laut.“

„Aber, aber …“, sein Freund rang nach Worten, „die ist ur-alt. Mamma sagt, die ist sogar älter als papà, und der ist fünfunddreißig.“ Beppe schüttelte fassungslos den Kopf. Dann sah er Nino streng ins Gesicht. „Ninù, du verarschst mich.“ – „Tu ich nicht.“

Beppe streckte beide Zeigefinger aus, tippte und rieb sie längs aneinander und schnitt eine ungläubige Grimasse. „Du willst mir also tatsächlich weismachen, du treibst es mit der Mutter deines Pultnachbarn?“ – Gott, wie konnte Beppe nur!

„Was? … Nein!“, rief Nino. „Und hör bloß auf, so über sie zu reden. Ich …“, er zögerte, 

„… ich liebe sie.“ – Ungläubiges Schweigen.

„Du liebst sie?“ Beppes Augen wurden rund wie die Glasmurmeln, mit denen er früher immer die anderen Dorfjungen abgezogen hatte. Dann begann er haltlos zu lachen.

„Schau dir den an, Buffon!“, rief er ihrem vierbeinigen Begleiter zu, der daraufhin höflich wedelte. „Wir reden hier von der Mutter seines Lieblings Matteo, dieses hirnlosen Kickers, ja? Der Mutter, Buffon! Und: Er liebt sie …“ Beppes Stimme troff vor Spott.

Giovanni Lanteri, von aller Welt nur „Nino“ gerufen, fühlte, wie sein ganzer Kopf erglühte. „Pssssst“, zischte er, „nicht so laut.“

Sie hockten an der Ostseite von San Pietro auf einer Bank im Schatten der Pinien, schnippten Steinchen über das Pflaster des Kirchplatzes und warteten darauf, dass sich zia Mafaldas altersschwacher Dackel so weit erholte, dass sie weitergehen konnten. Pure Zeitverschwendung nannte Ninos Mutter Nunziata diese Touren und zog jedes Mal ein Gesicht, wenn er losging, um den Hund von Mafaldas Grundstück zu holen, wo er – ab und an mit Essens­resten versorgt – allein wachte, während die Tante im ospedale lag.

„Was hast du nur immer mit all dem Viehzeugs?“, schimpfte sie dann und forderte, er solle lieber seinem Vater mit der Sense zur Hand gehen, beim Mähen in den Hainen. Wozu sonst seien die Sommerferien da? Helfen solle er und lernen, wie ein Lanteri zu leben: für die Erde, für die Oliven. Nicht für unnütze Viecher, die man längst entsorgen sollte. Nino hörte seiner Mutter zu und nickte, zog dann aber trotzdem los, zum alten Buffon, zu den Hafenkatzen oder zur Delfinbucht – ja, am allerliebsten hinunter zum Meer, wo ihn das türkisblaue Wasser lockte und das silbrig schimmernde Leben darin. Denn was war ein Mensch ohne Herz, ohne Träume? Nino dachte an seine Pläne für die Zukunft und wusste: Die Enttäuschung seiner Mutter würde unendlich sein, wenn er Sant’Amato eines Tages verließe. Den Gedanken an die Reaktion seines Vaters schob er weg.

Nino hockte weiter neben dem kichernden Beppe und bereute längst, dass er ihn überhaupt um Hilfe gebeten hatte, als dieser sich endlich beruhigte.

„Na gut“, sagte Beppe und zeigte sein übliches Komplizen-Gesicht, „ich versteh schon, dass du diesmal nicht deinen heiß geliebten Matteo fragen kannst. Da Juventus Turin also wegfällt, darf jetzt wieder Sampdoria Genua ran, was?“

„Ach, komm schon.“ Nino wunderte sich ein wenig über Beppes Eifersucht. Trotzdem befürchtete er nicht, dass dieser ihn hängen ließ. Sein Cousin mochte ein Schlawiner sein, je¬mand, der aus Kontakten Profit schlug, dazu noch ein eitler Geck und Fan des falschen Fußballvereins – doch wenn es darauf ankam, das wusste Nino, hatte er keinen treueren Freund als ihn.

Ma che cazzo vuoi? Ich kapier’s immer noch nicht!“, rief Beppe jetzt. „Ich soll dir eine Single besorgen?“ – „Ja.“ – „Aber welche? … Ah, die mit ihrem Namen etwa?“ Beppe summte die Melodie, und Nino nickte. „Kriegst du das hin?“

„Keine Chance. Die läuft doch rauf und runter im Moment, ist bestimmt komplett ausverkauft.“

„Deshalb frag ich ja dich …“

„Hmmm“, machte sein Cousin und schnalzte mit der Zunge. „Das wird dich was kosten …“

„Wie viel?“

Nino hatte in den vergangenen Monaten sein Taschengeld so eisern gespart wie noch nie, aber das würde er Beppe nicht verraten, sonst würde sein Geschenk für Marina noch teurer werden.

„Lass mich überlegen“, sagte Beppe. „Ich muss dazu nach Imperia, du weißt schon, zu dem Plattenladen gleich hinterm Dom im Stadtteil Porto Maurizio. Dazu brauch ich den Roller, den bekomm ich nur mittwochs organisiert, wenn der alte Testa ihn nicht braucht. Und ­meine Eltern dürfen das nicht spitzkriegen. Also, das wird schwer. Sehr schwer …“

„Jetzt sag schon. Wie viel?“ – Beppe zog die Nase hoch. „Dreitausend. Und ein halbes Päckchen Chesterfields.“– „Sei pazzo?!“, rief Nino und tippte sich an die Stirn. „Ich geb dir die Hälfte und fünf Zigaretten. Mehr hab ich nicht.“

Beppe prustete los, stieß ihm scherzhaft in die Seite.

„Ein Lanteri ohne Geld? Schon klar, erzähl das Don Benedetto bei der nächsten Kollekte. Zweifünf und sechs.“

„Du ruinierst mich …“, stöhnte Nino, „mehr als zweitausend geht wirklich nicht.“

„Zweifünf und sechs. Letztes Wort.“ 

Stronzo!“ – „Letztes Wort.“ – Beppe erhob sich und streckte Nino die Hand hin. (...) Nino gab sich einen Ruck. Was tut man nicht alles aus Liebe. 

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