Belletristik / Im Gespräch

Gott wohnt im Wedding
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Regina Scheer© Julia Pijagin

Stimme für die Vergessenen

Nach ihrem preisgekrönten Debüt „Machandel“ taucht Regina Scheer mit dem Roman „Gott wohnt im Wedding“ erneut in die deutsche Geschichte ein und lässt Verfolgte und Außenseiter von ihrem Leben erzählen.

Das Buchjournal hat mit der Autorin gesprochen.

Wie in „Machandel“ spannen Sie auch in Ihrem neuen Roman den Bogen von der NS-Zeit bis zur Gegenwart. Was reizt Sie an zeitgeschichtlichen Themen?
Das Material für mein Schreiben ist das, was ich sehe und erlebe. Und auch was als privates Schicksal daherkommt, spielt sich vor dem Hintergrund geschichtlicher Zusammenhänge ab. Das, was ist, ist so geworden. Mich interessiert, warum und wodurch.  

Regina Scheer© Julia Pijagin

Ein mehr als 100 Jahre altes Haus im Berliner Wedding wird dabei zum fast allwissenden Erzähler und kommentierenden Beobachter. Was hat Sie zu diesem Kunstgriff bewogen?
Manche Häuser sind für mich mehr als die Hülle menschlichen Daseins; sie leben selbst, prägen das Leben ihrer Bewohner. Ich finde es nicht absonderlich, dass ein Haus spricht. In diesem Buch weiß das Haus oft mehr als die Bewohner, weil es länger da ist, die Wechsel der Zeiten am selben Ort erlebt hat, während die Bewohner nur einen kurzen Zeitraum überblicken. Da lag es für mich nahe, dem Haus eine Stimme zu geben. Das kann Literatur, sie hat unter Umständen magische Kräfte. 

Wir lernen Bewohner verschiedener Generationen in verschiedenen Zeitebenen kennen: Juden, Sinti und Roma oder eine Deutsche, die während des Naziterrors jüdische Freunde versteckte. Was war Ihnen bei dieser Thematik wichtig?
Mir ist es immer wichtig, die Perspektive der jeweils „anderen“ zu zeigen. Und gerade in diesen Berliner Mietshäusern haben Alteingesessene und Zugereiste, Juden und Sinti, Menschen huge­not­­ti­scher oder polnischer Abstammung nebeneinander und teil­weise miteinander gelebt; sie haben das, was man deutsche Geschichte nennt und dessen Teil sie sind, verschieden ­erlebt. Für den Juden Leo oder den Sintojungen Willy hatte das Kriegsende eine andere Bedeutung als etwa für die Nachbars­familie Kaiser. 

Hauptfiguren sind Leo, der als alter Mann aus Israel ins Viertel seiner Jugend zurückkommt, Gertrud, die von dort nie weggezogen ist, die Sintiza Laila, die immer ein Gefühl von Fremdheit begleitet. Gibt es reale Vorbilder?
In jeder Figur des Romans stecken reale Personen, aber bis auf einzelne, historisch verbürgte wie Walter Wagnitz sind sie verfremdet, letztlich neu erschaffen, an andere Orte, in andere Zusammenhänge versetzt. Für fast alles, was ich da erzähle, gibt es Beispiele in der Realität, aber die Romanhandlung ist doch erfunden, die handelnden Personen sind fiktiv.

Das Haus wird zum Anstoß für Erinnerungen, für eine ­Auseinandersetzung mit offenen Fragen und mit Verlust. Was hat Sie motiviert, ­diesen Roman zu schreiben?
Ich wollte diese Geschichten erzählen. Wenn ich monatelang von einem „Horrorhaus“ in Schöneberg in den Zeitungen lese, wo über eine „Roma-Invasion“ voyeuristisch, ratlos, aber auch verständnislos geschrieben wird, dann muss das jeden schmerzen, der um die verzweifelte Lage der Roma aus Südosteuropa weiß, die sich auch noch einmal von jener der deutschen Sinti unterscheidet, von denen inzwischen viele selbstbewusst in die Öffentlichkeit gehen. Ich wollte einfach über Menschen schreiben, deren Stimme selten zu hören ist.  

Schauplatz ist der Berliner Wedding – Quartier für Verlierer, Verfolgte, Verachtete. Könnte der Roman überall in Deutschland spielen?
Der Wedding ist der Wedding, schon in einigen anderen Berliner Bezirken ist die Atmosphäre ganz anders, da ist eine andere ­Geschichte spürbar, die Architektur ist anders. Die Menschen in Zehlendorf oder Heiligensee sind andere als die, die es in den Wedding oder nach Neukölln verschlagen hat. Aber so konkret und wiedererkennbar ich die Örtlichkeiten beschreibe, so sind doch die Fragen, um die es in der Literatur geht, stets dieselben: Wie soll man leben? Wie kann man überleben? Zu welchem Preis? Es geht und ging Menschen immer um dasselbe: um das, was man Glück nennt, um Frieden, um Liebe und Verrat. 

Am Ende fällt das Haus der Gentrifizierung zum Opfer, wieder werden Menschen vertrieben, verlieren ihre Heimat. Spricht daraus Ihre Gesellschaftskritik als Berlinerin? 
Natürlich. Jeder, der in Berlin mit offenen Augen lebt, sieht, wie die Stadt Privateigentum werden soll und wie sich Widerstand dagegen regt. Inzwischen gibt es ja auch Versuche vonseiten der Kommunalpolitiker, da strukturell einzugreifen. Ich wohne im Wedding und gehe jeden Tag an Häusern vorbei, wo Menschen auf Bettlaken verkünden: „Wir bleiben alle“. Aber es ist wie ein Gebet, eine Beschwörung, die allein nicht hilft.

Interview: Anita Strecker

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