Belletristik / Titelgeschichte

Die Frau im Musée d'Orsay
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Aufbruch in ein neues Leben

Seine Bücher sind Bestseller, weil sie vom wahren Leben authentisch und berührend erzählen. David Foenkinos’ neuer Roman handelt von einem Professor in der Krise, dem jegliches Talent zur Bewältigung des Alltags abhandengekommen ist.

Von einem Tag auf den anderen gibt Antoine Duris sein ganzes bisheriges Leben auf. Er kündigt Wohnung und Job, kappt sämtliche sozialen Kontakte und ist für niemanden mehr zu erreichen. Mit einem Koffer und dem festen Plan, in der Anonymität der Großstadt unterzutauchen, steigt er in den Zug nach Paris. Dort sucht er sich eine Arbeit, bei der er niemandem auffällt: ­Museumswärter im Musée d’Orsay. 

Dass er, der bis vor Kurzem Professor an der Kunsthochschule in Lyon war, nun Bilder von Modigliani und Monet ­bewachen will, kommt auch der Personalchefin des Kunstmuseums verdächtig vor. Flieht Duris vor ­einem Skandal? Hat er sich ­etwas zuschulden kommen lassen? Plagen ihn ­Depressionen? Und was hat seine ehemalige Studentin, die hoch talentierte, aber psychisch angeschlagene Camille, mit seinem Absturz zu tun?

David Foenkinos© Catherine Hélie / Editions Gallimard

Der französische Bestsellerautor David Foenkinos erzählt mit Sehnsucht und Selbstironie von zwischenmenschlichen Verwirrungen, den Mechanismen der Liebe und von der Schönheit wahrer Kunstwerke. Weil er die Gründe für den Lebens- und Sinneswandel seines Protagonisten erst nach und nach offenbart, bleibt die Lektüre bis zum bittersüßen Ende geheimnisvoll. Ein elegant geschriebener Roman mit radikalen Brüchen und zarten Wendungen. Zugleich eine Geschichte, die Mut macht und zum Träumen anregt – das ist es, was Leserinnen und ­Leser an Foenkinos’ Büchern so lieben. 

aw

Antoine Duris, Kunst­professor aus Lyon, hat einen Termin für ein Vorstellungsgespräch im Pariser Musée d’Orsay – als Aufseher in der berühmten Kunsthalle. Sein Leben ist aus dem Gleichgewicht geraten, doch diesen Job will er unbedingt haben.

Leseprobe aus "Die Frau im Musée d'Orsay" von David Foenkinos

In der Mitte des Flurs angelangt, wusste er schon nicht mehr, wohin. Hinter einer Glasfront entdeckte er ein Gemälde von Gustave Courbet. Die Schönheit war immer noch das beste Mittel gegen den Zweifel. Seit Wochen kämpfte er dagegen an, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er spürte, dass er mit seinen Kräften am Ende war, die beiden kurzen Gespräche, die er hinter sich hatte, hatten ihn schon erhebliche Anstrengungen gekostet. Dabei war es nur darum gegangen, ein paar Worte zu sagen, völlig harmlose Fragen zu beantworten. Sein Weltverständnis war in ein Primärstadium zurückgefallen, er hatte oft irrationale Angstzustände. Er merkte, dass das, was er erlebt hatte, Spuren hinterlassen hatte. Würde er es wenigstens schaffen, mit der Personalchefin des Musée d’Orsay, Madame Mattel, ein Vorstellungsgespräch zu führen?

Als er mit dem Aufzug in den zweiten Stock fuhr, stellte er bei einem flüchtigen Blick in den Spiegel fest, dass er Gewicht verloren hatte. Es wunderte ihn nicht, er nahm zurzeit nicht viel zu sich, vergaß manchmal schlicht das Mittag- oder Abendessen. Sein Magen nahm es ohne Knurren hin, sein ganzer Körper war so etwas wie eine betäubte Stelle. Nur der Kopf sagte: „Antoine, du musst was essen.“ Es gibt zwei Arten von menschlichem Leid. Leid, gegen das der Körper sich wehrt, und Leid, gegen das der Geist sich wehrt. Dass beide sich wehren, ist selten.

Im zweiten Stock wurde er von einer Frau empfangen. Normalerweise erwartete Mathilde Mattel ihre Gäste in ihrem Büro, doch für Antoine Duris setzte sie sich in Bewegung. Sie hatte es furchtbar eilig, die Gründe seiner Bewerbung zu erfahren.

„Sind Sie Antoine Duris?“, fragte sie dennoch, um sicherzugehen.

„Ja. Wollen Sie meinen Ausweis sehen?“

„Nein, wieso?“

„Unten hat man ihn sehen wollen.“

„Das ist wegen des Ausnahmezustands. Tut mir leid.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, wer auf die Personalchefin des Musée d’Orsay einen terroristischen Anschlag verüben sollte.“

„Man kann nie wissen“, antwortete sie lächelnd.

Was sich als geistreicher oder scherzhafter Kommentar verstehen ließ, war eigentlich eher eine kühle Bemerkung. Mathilde wies ihm mit einer Handbewegung den Weg zu ihrem Büro. Sie liefen einen langen, engen, leeren Flur entlang. Während er hinter ihr herging, dachte Antoine, dass diese Frau, die zu einer Zeit, zu der das übrige Personal noch gar nicht da war, potenzielle künftige Angestellte begrüßte, ein ziemlich langweiliges Leben haben musste. Er dachte recht ungeordnet und nicht allzu logisch.

In ihrem Büro bot ihm Mathilde alles Mögliche zu trinken an, Tee, Kaffee, Wasser, aber Antoine sagte Nein, Nein, Nein, danke. Also begann sie mit dem Vorstellungsgespräch: 

„Ich muss sagen, ich war sehr überrascht, als ich Ihren Lebenslauf bekommen habe.“

„Warum?“

„Warum? Sie fragen, warum? Sie sind Hochschulprofessor …“

„…“

„Sie haben einen gewissen Ruf. Ich glaube, ich bin sogar schon einmal auf einen Artikel von Ihnen gestoßen. Und Sie bewerben sich als … Saalaufsicht.“

„Genau.“

„Kommt Ihnen das nicht komisch vor?“

„Nicht sonderlich.“

„Ich habe mir erlaubt, bei der Kunsthochschule in Lyon anzurufen“, sagte Mathilde nach einer Weile.

„…“

„Man hat mir bestätigt, dass Sie Ihre Stelle dort aufgegeben haben. Einfach so, von heute auf morgen, ohne irgendeine Erklärung.“

„…“

„Haben Sie keine Lust mehr zu unterrichten?“

„…“

„Haben Sie … Depressionen? Ich habe für so etwas Verständnis. Burn-outs sind weitverbreitet.“

„Nein. Nein. Ich brauche einfach mal eine Pause. Bestimmt werde ich irgendwann wieder anfangen zu unterrichten, aber …“

„Aber was?“

„Hören Sie, Madame, ich habe mich hier um eine Stelle beworben und würde gerne wissen, ob ich Aussicht darauf habe, sie zu bekommen.“

„Finden Sie nicht, dass Sie ein bisschen überqualifiziert sind?“

„Ich mag Kunst. Ich habe sie auch studiert, ich habe sie gelehrt, in Ordnung, aber im Augenblick möchte ich eben nur dasitzen und von schönen Bildern umgeben sein.“

„Saalaufsicht ist aber nicht unbedingt eine geruhsame Arbeit. Man wird ständig mit Fragen gelöchert. Und es kommen auch viele Touristen hierher. Man muss die ganze Zeit aufpassen.“

„Vielleicht können Sie mich ja zur Probe einstellen, wenn Sie an mir zweifeln.“

„Wir brauchen Leute, nächste Woche wird die große Modigliani-Ausstellung eröffnet. Da werden die Massen strömen. Das wird ein Riesenereignis.“

„Das trifft sich gut.“ – „Wieso?“

„Modigliani war das Thema meiner Doktorarbeit.“

Mathilde erwiderte nichts. Antoine hatte gedacht, diese Auskunft könnte sich zu seinen Gunsten auswirken. Doch sie schien der Personalchefin vielmehr noch einmal vor Augen zu führen, wie merkwürdig sein Vorhaben doch war. Was wollte ein Gelehrter wie er hier? Stimmte es, was er sagte? Er wirkte wie ein verängstigtes Tier, das sich offenbar nur durch die Flucht in ein Museum retten konnte. 

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