Belletristik

Spiel des Lebens
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© Target Presse Agentur GmbH / Getty Images

Die Magie des Augenblicks

Der große Entertainer, Musiker und Komponist war ein begnadeter Geschichtenerzähler. Udo Jürgens fesselte sein Publikum nicht nur mit seinen Liedern, sondern gemeinsam mit der Autorin Michaela Moritz auch als Schriftsteller. Nun erscheint mit „Spiel des Lebens“ sein literarisches Vermächtnis. 

Noch einmal das große Konzertfinale im weißen Bademantel, noch einmal Standing Ovations, noch eine letzte Zugabe, dann fällt der Vorhang. Niemand ahnt, dass der Auftritt am 7. Dezember 2014 in Zürich sein letzter ist. Zwei Wochen später stirbt Udo Jürgens bei einem Spaziergang. Sein Tod ist nicht nur für die Fans ein Schock. Für Millionen waren seine Lieder der Soundtrack ihres Lebens, der sie über Jahrzehnte begleitet hat. 

Udo Jürgens war ein begnadeter Komponist und Geschichten­erzähler. Er sang von Sehnsucht, Hoffnung und der Liebe, von Fernweh und vom Älterwerden, von Umweltzerstörung, sozialem Absturz und von der Ehe ohne Trauschein. Er kannte die Wünsche, Sehnsüchte und Gefühle seines Publikums genau und besaß zugleich ein virtuoses Gespür für Ehrlichkeit und das richtige Maß an Emotionen – einer der Gründe, warum sich seine Lieder, neben der musikalischen Qualität, wohltuend von den üblichen Schlagern ab­heben. Dieses Gespür, sein Können und sein Charisma haben Udo Jürgens über die Jahrzehnte zum Weltstar gemacht.

„Mitten im Leben“ lautet der Titel seines letzten Albums, das er Anfang 2014 voller Elan und Energie präsentierte: „Ich fühle mich mit fast 80 Jahren erstaunlicherweise so kreativ wie nie zuvor.“ Die wachsende Zahl an Lebensjahren beflügelte auch seine literarische Schaffenskraft: Auf seinen vielen Reisen hatte Udo Jürgens wieder zu schreiben begonnen: Geschichten, die er zusammen mit der Schriftstellerin Michaela Moritz ausformte. Mit ihr hatte er auch bereits den autobiografischen Romanbestseller „Der Mann mit dem Fagott“ verfasst.

„Spiel des Lebens“ heißt das neue Buch. Und wie viele seiner besten Lieder durchzieht auch diese Erzählungen neben Optimismus und Humor ein Hauch von Sehnsucht und Melancholie – hier blickt ­einer auf das Leben, der viel erlebt hat. Ein Mann, der Ruhm und Reichtum kennt und der weiß, dass es Wichtigeres im Leben gibt. Udo Jürgens erzählt vom erbarmungslosen Verstreichen der Zeit, von ehrgeizigen Plänen und geplatzten Träumen, von wunderbaren Begegnungen und von der Magie des Augenblicks. „Spiel des Lebens“ erscheint im Jahr von Udo Jürgens’ 85. Geburtstag und seinem fünften Todestag und wird so zum literarischen Vermächtnis. 

Die Geschichten sind inspiriert von persönlichen Erlebnissen und von Fundstücken aus Zeitungen und dem Internet. So wie die Notiz aus einer Berliner Tageszeitung über einen Kellner, der nach 63 Dienstjahren in einer berühmten Bar seinen Abschied nimmt. Udo Jürgens macht daraus in „Das Lokal in der Kantstraße“ eine berührende Künstlergeschichte über einen jungen Mann, der aus der österreichischen Provinz 1957 nach Berlin kommt, um seine Bilder vorzustellen. Er strandet in einer Bar und trifft dort einen Kellner, der sich seiner annimmt und sein großes Talent sofort erkennt. Mehr als ein halbes Jahrhundert später kehrt der inzwischen weltberühmte Künstler in die Berliner Bar zurück, wo zu seiner Überraschung der Kellner von damals immer noch die Gäste bedient. Ohne zu zögern, bietet ihm dieser das gleiche einfache Gericht wie einst an: Steak minute, Pommes, Salat, dazu ein Glas Wein. „Der alte Maler hat keine Worte. Fassungslos steht er auf und umarmt ihn wie ein Geschenk des Lebens.“ Die beiden Männer schließen Freundschaft und „für Augenblicke hat die Zeit ihr Gewicht verloren“.

Wie seine Lieder treffen auch Udo Jürgens’ Geschichten mitten ins Herz. Auch, wenn er etwa von einem kleinen Jungen erzählt, der auf einem Balkon zu tanzen beginnt und damit einem alten Bar­pianisten neues Lebensglück spendet. Oder wenn wir einen armen bulgarischen Vater kennenlernen, der mit seinem behinderten Sohn jeden Tag Bus fährt, damit dieser wenigstens ein paar Stunden im Warmen und Geborgenen sitzen kann.

In der ersten, namengebenden Erzählung des neuen Buchs erzählt Udo Jürgens seine eigene Geschichte: wie er als junger Mann durch Bars und Kneipen tingelt und mit amerikanischem Swing ein wenig Geld verdient. Ende der 1950er Jahre ist er mit ein paar Freunden in einem alten Ford auf der legendären Route 66 unterwegs und träumt in Las Vegas davon, dass die Slot Machine in einer Spielhalle ein paar Dollars ausspuckt, damit es für den Eintritt in ein Konzert mit Sammy Davis Jr. reicht. 20 Jahre später ist es so weit: Udo Jürgens, inzwischen ein namhafter Künstler, erlebt in München endlich den Auftritt des legendären Entertainers. Am Ende dann ein magischer Moment: Der große Sammy Davis Jr. singt eine letzte Zugabe – ein Lied von Udo Jürgens.

Daniel Seitz

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