Spannung / Premium

Der Gesang der Flusskrebse
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© rogkov/iStockphoto

Ein Toter in der Marsch

In den USA bereits ein gefeierter ­Bestseller: „Der Gesang der ­Flusskrebse“. Jetzt ­erscheint Delia Owens’ ­ungeheuer ­intensiver, atmosphärisch ­dichter ­Spannungsroman auch auf Deutsch. Hier können Sie in das Buch reinlesen! Außerdem finden Sie eine Vorstellung des Hörbuchs mit Sprecherin Luise Helm.

Als Zoologin lebte Delia Owens 23 Jahre in entlegenen afrikanischen Naturparks, fast allein unter Pavianen, Elefanten und Hyänen. Jetzt hat sie ein genauso packendes wie ­poetisches Romandebüt über eine Einsiedlerin in der Marsch von North Carolina geschrieben. Das Buch – in den USA mit der enormen Auflage von 2,5 Millionen bereits ein Bestseller der Superlative – verbindet Elemente von Liebesgeschichte, Krimi und Gerichtsdrama. Dabei geht es aber auch, wie Owens erklärt, „um Eigenständigkeit, ums Überleben“ in einer feindlichen Umgebung: Verstoßen und verhöhnt, sucht sich ihre Heldin unbeirrt ­ihren Weg. 

Delia Owens© Dawn Marie Tucker

Als Kya sechs ist, geht ihre Mutter auf ihren hochhackigen Krokolederschuhen für immer fort. Weil sich auch der jähzornige Pa bald in die Büsche schlägt, muss sie schon mit zehn Jahren allein in der Wildnis zurechtkommen: jagen, fischen, Feuer machen, sich verstecken. Im nahe gelegenen Barkley Cove hat man nur Hohn und Verachtung für das wilde Mädchen übrig. Aber die Marsch, das Rückzugsland der Schiffbrüchigen, Piraten und entlaufenen Sklaven, wird für Kya zur Lehrmeis­terin im Überleben: Die Natur nährt, unterrichtet und schützt sie. Weil der Mensch aber auch ein ­soziales Säugetier ist, gerät Kya ins Visier von verständnislosen Bürokraten und zwielichtigen Männern – bis schließlich ein Mord geschieht.

„Der Gesang der Flusskrebse“ ist eine fesselnde Mischung aus Krimi und weiblicher Robinsonade. In der Marsch, wo Land und Meer ineinander übergehen, verschwimmen so auch die Unterschiede von Nature Writing und Schicksalsroman. TRA

Leseprobe

Kya kauerte sich hinter einen Dornenbusch, zwängte sich dann im Zickzack durch ein Gestrüpp, so dicht wie eine Festungsmauer. Noch immer gebückt, hastete sie weiter, zerkratzte sich die Arme an den stacheligen Büschen. Blieb wieder stehen, lauschte. Versteckte sich dort in der sengenden Hitze, die Kehle wie ausgedörrt. Als sich nach zehn Minuten noch immer niemand blicken ließ, schlich sie zu einer kleinen Quelle im Moos und trank wie ein Tier. Sie fragte sich, wer der Junge war und was er hier wollte. Das war der Nachteil ihrer Besuche bei Jumpin’ – sie wurde dort von anderen gesehen. Schutzlos wie der Bauch eines Stachelschweins.

Endlich dann, als die Dämmerung in Dunkelheit überging und die Schatten undeutlich wurden, machte sie sich über die Eichenlichtung auf den Rückweg zur Hütte.

„Bloß weil der sich hier rumtreibt, hab ich keine Fische zum Räuchern gefangen.“

In der Mitte der Lichtung stand ein halb verrotteter Baumstumpf, der so dicht mit Moos überwuchert war, dass er aussah, als würde sich ein alter Mann unter einem Umhang verbergen. Als Kya schon fast daran vorbei war, blieb sie stehen. Eine dünne schwarze Feder, gut zwölf Zentimeter lang, steckte aufrecht darin. Die meisten hätten sie für nichts Besonderes gehalten, vielleicht für die Schwungfeder einer Krähe. Aber Kya wusste, dass sie etwas ganz Außergewöhnliches war, nämlich die „Augenbraue“ eines Kanadareihers, die Feder, die sich anmutig von oberhalb des Auges bis hinter den eleganten Kopf wölbt. Eines der erlesensten Fundstücke der Küstenmarsch und dann hier auf ihrer Lichtung. Sie hatte noch nie eine gefunden, wusste aber sofort, was es war, weil sie schon ihr ganzes ­Leben lang Reiher beobachtete.

Ein Kanadareiher hat die Farbe von grauem Nebel, der sich in blauem Wasser spiegelt. Und genau wie Nebel kann er mit dem Hintergrund verschmelzen, sodass nichts mehr von ihm zu sehen ist außer den konzentrischen Kreisen seiner starren Augen. Er ist ein geduldiger, einsamer Jäger, der allein und still dasteht, bis er sein Opfer packt. Oder aber er bewegt sich, wenn er seine Beute erspäht hat, mit extrem langsamen Schritten darauf zu wie eine räuberische Braut zum Altar. Und doch jagt er gelegentlich auch im Fliegen, schießt durch die Luft und taucht jäh herab, den schwertspitzen Schnabel voraus.

„Wieso steckt die denn so kerzengerade da drin?“, flüsterte Kya und blickte sich um. „Die muss der Junge da hingetan haben. Vielleicht beobachtet der mich jetzt.“ Sie stand reglos da, und wieder raste ihr Herz. Dann wich sie zurück, ließ die Feder, wo sie war, und rannte zur Hütte. Sie verriegelte die Fliegengittertür, was sie praktisch nie tat, weil sie ohnehin nur wenig Schutz bot.

Doch sobald das erste Morgenlicht zwischen die Bäume kroch, spürte sie den starken Drang, zu der Feder zurückzukehren, um sie sich wenigstens noch einmal anzusehen. Bei Sonnenaufgang lief sie zur Lichtung. Sie sah sich vorsichtig um, ging dann zu dem Baumstumpf und zog die Feder heraus.

Sie war glatt, fast seidig. Wieder zurück in der Hütte, gab sie ihr einen Ehrenplatz in der Mitte ihrer Sammlung – von winzigen Kolibrifederchen bis zu den großen Schwanzfedern von Adlern –, die sich über die Wand schwang. Sie fragte sich, warum ein Junge ihr eine ­Feder bringen sollte.

Am nächsten Morgen wollte Kya zu dem Baumstumpf rennen, um nachzusehen, ob wieder eine Feder dort steckte, aber sie zwang sich zu warten. Sie durfte dem Jungen nicht über den Weg laufen. Schließlich, kurz vor Mittag, ging sie zur Lichtung, näherte sich ihr langsam, lauschte. Sie hörte und sah niemanden, also trat sie aus der Deckung, und ein seltenes kurzes Lächeln erhellte ihr Gesicht, als sie eine dünne weiße Feder in dem Stumpf stecken sah. Sie reichte ihr von den Fingerspitzen bis zum Ellbogen, war elegant geschwungen und lief in einer schlanken Spitze aus. Kya nahm sie und lachte laut auf. Die prächtige Schwanzfeder eines Tropikvogels. Sie hatte diese Seevögel noch nie gesehen, weil sie in ihrer Gegend nicht vorkamen, aber hin und wieder wurden sie auf Hurrikanflügeln übers Festland geweht.

Kyas Herz füllte sich mit Staunen, weil jemand offenbar eine so große Sammlung von seltenen Federn besaß, dass er diese hier erübrigen konnte.

Da sie Mas altes Handbuch nicht lesen konnte, wusste sie nicht, wie die meisten Vögel oder Insekten hießen, deshalb ­dachte sie sich eigene Namen für sie aus. Und obwohl Kya nicht schreiben konnte, hatte sie eine Möglichkeit gefunden, ihre ­gesammelten Exemplare zu kennzeichnen. Ihr Talent war heran­gereift, und sie konnte jetzt alles zeichnen, malen und skizzieren. Mit Kreide- oder Wasserfarben aus dem Five and Dime zeichnete sie Vögel, Insekten oder Muscheln auf Einkaufstüten und befestigte sie an ihren Fundstücken. An diesem Abend war sie verschwenderisch und zündete zwei Kerzen an, die sie in Untertassen auf den Küchentisch stellte, damit sie alle Schattierungen des Weiß sehen und die Feder des Tropikvogels malen konnte. Über eine Woche lang fand sie keine Feder mehr auf dem Baumstumpf. Sie ging jeden Tag mehrmals hin, spähte vorsichtig zwischen den Farnen hindurch, sah aber nichts. Dann saß sie am helllichten Tag in der Hütte, was so gut wie nie vorkam.

„Hätte Bohnen fürs Abendessen einweichen sollen. Jetzt isses zu spät.“ Sie ging in die Küche, durchstöberte den Schrank, trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. Überlegte zu malen, tat es aber nicht. Lief wieder zu dem Baumstumpf. Schon aus der Ferne konnte sie die lange gestreifte Schwanzfeder eines Truthuhns sehen. ←

Luise Helm, 1983 in Berlin geboren, ist eine erfolgreiche Schauspielerin, Synchron- und Hörbuch­sprecherin© Niklas Vogt

Luise Helm liest

Eine Stimme für ein starkes Mädchen

Ihr Vater war Synchronsprecher; so stand die Berlinerin ­Luise Helm bereits mit fünf Jahren hinter dem Mikrofon und mit zehn Jahren vor der Kamera. Seither hat sie in vielen ­Filmen („Harte Jungs“), Fernsehkrimis und -serien mitgespielt. Bekannter ist sie aber vielleicht sogar noch für ihre Stimme. Denn Helm liest mit großem Erfolg Hörbücher ein und synchronisiert Hollywoodstars von Megan Fox bis Scarlett ­Johansson. Dabei beweist sie immer wieder eindrucksvoll ihre stimm­liche Bandbreite.

Jetzt hat die „deutsche Cousine von ­Scarlett ­Johansson“ („Cicero“) das Hörbuch von Delia Owens’ „Der Gesang der Flusskrebse“ eingelesen. Im Interview verrät Helm, warum sie sich so gut in das Marschmädchen Kya einfühlen konnte: Als Kind sei sie ebenfalls „unängstlich“ und selbstständig gewesen, eine Einzelgängerin in ihrer Fantasiewelt. So lässt Helm jetzt das starke Mädchen aus dem Marschland lebendig werden. Und schafft es zugleich, den vielen Ebenen des Romans – Liebesgeschichte, Krimi, Gerichtsdrama – eine jeweils eigene Stimmung zu verleihen. 

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse. Gelesen von Luise Helm. Hörbuch Hamburg, 2 MP3-CDs, 22,– €

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