Romane

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13.11.2007

Radikal modern

Vor 100 Jahren starb Paula Modersohn-Becker. Neue Bücher über das Genie einer kompromisslosen Künstlerin.

Schlagworte:

Mit dieser Frau beginnt die moderne Malerei in Deutschland. Doch zu ihren Lebzeiten verkaufte Paula Modersohn-Becker (1876–1907) gerade mal drei Bilder. Als primitiv taten Kritiker ihre Kunst ab, deren expressive Kraft nicht dem ästhetischen Verständnis der Zeit entsprach. Allein Ehemann Otto Modersohn erkannte ihre Größe: „Sie ist eine Künstlerin, wie es wenige gibt in der Welt.“
Instinktsicher und unbeirrt ging Modersohn-Becker ihren Weg. Knappe zehn Schaffensjahre waren ihr vergönnt, doch diese Spanne nutzte sie mit eisernem Willen, als hätte sie ihren frühen Tod vorausgeahnt. Bis 1907 schuf sie rund 750 Gemälde und doppelt so viele Zeichnungen.
Zwei Bildrevolutionen zettelte sie an: 1906 malt sie sich nackt und schwanger – es ist der erste weibliche Selbstakt. Im selben Jahr entsteht „Liegende Mutter mit Kind“. Die elementar-direkte Darstellung der bloßen Körper erfasst die enge Symbiose von Mutter und Säugling einfühlsam.
Mehrmals machte sich Modersohn-Becker zu Studienzwecken nach Paris auf. Ausgangspunkt und Ort der Rückkehr war stets Worpswede, wohin sie mit 22 Jahren gezogen war. In dem Moordorf bei Bremen hatten sich seit 1889 einige Maler niedergelassen. Einzig die Natur sollte ihre Lehrerin sein. Die Worpsweder wurden zur berühmtesten deutschen Künstlerkolonie. Dass um 1900 der junge Rilke zu ihnen stieß, nährte den Mythos um Modersohn-Becker, der sich 1917 nach der Veröffentlichung ihrer Briefe und Tagebücher zu bilden begann.
Der Dichter fühlte sich von der Malerin stark angezogen. Mit ihr lernte er in der Moorlandschaft das Sehen: „Wie groß hier die Augen werden. Sie wollen immer den ganzen Himmel haben.“ Und er verliebte sich ein wenig in die junge Frau: „Ich werde leise in Dein Schlafen tauchen und Dir von innen Deine Lider küssen“, heißt es in einem Gedicht, zu dem sie ihn inspirierte. Sie ihrerseits hat ihn porträtiert. Was heute noch so fasziniert an dieser tiefen, von Verstimmungen nicht freien Freundschaft, ist das Aufeinandertreffen zweier Solitäre der künstlerischen Avantgarde.
Obwohl Modersohn-Beckers Werk erst seit etwa 30 Jahren die Würdigung erfährt, die seiner Bedeutung entspricht, ist sie die erste Malerin der Welt, die ein eigenes Museum bekam. Seit 1927 existiert es in Bremen. Ludwig Roselius, Erfinder des entkoffeinierten Kaffees, ließ es bauen. „Paula ist die Malerin der Wahrheit“, begründete der Mäzen sein Engagement.
Modersohn-Becker malte vor allem Frauen, Kinder und die Natur. Dabei ging es ihr immer um die Innenräume der Seele. Weder sind ihre Bilder schonungslos realistisch noch sentimental verklärt. Trotz der auf ihre Grundstruktur reduzierten Körper und Gesichter entbehren die Bildnisse nicht der psychologischen Durchdringung. Modersohn-Beckers Mal-Credo lautete: „Bei intimster Beobachtung die größte Einfachheit anstreben.“
Auf diese Art hat sie den Worpsweder Moorsiedlern ein Denkmal gesetzt. Vor allem deren Kinder, darunter manches uneheliche, verwaiste oder vernachlässigte kleine Wesen, berührten die Malerin. In Kindern fand sie die reinste Beziehung zwischen Mensch und Natur.
Modersohn-Becker war eine kühne Einzelgängerin, die den Mut hatte, eine eigene Bildsprache zu entwickeln. Ihr Talent, ihre Bildung, ihr Charakter und ihre Disziplin vereinigten sich zu künstlerischem Genie. Es erscheint tragisch, dass sie, die unter dem Ausbleiben der eigenen Mutterschaft jahrelang gelitten hatte, mit nur 31 an den Folgen der Geburt ihres ersten Kindes am 20. November 1907 starb.


Ausstellungen

Paula Modersohn-Becker und die Kunst in Paris um 1900 – Von Cézanne bis Picasso Kunsthalle Bremen; bis 24. Februar 2008
www.paula-in-paris.de

Paula Modersohn-Becker und die ägyptischen Mumienportraits Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen; bis 24. Februar 2008
www.pmbm.de

„Leben!“ Paula Modersohn-Becker in Worpswede Museum Worpswede; bis 24. Februar 2008
www.paula-in-worpswede.de

Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn. Ein Künstlerpaar um 1900 Niedersächsisches Landesmuseum Hannover; bis 24. Februar 2008
www.landesmuseum-hannover.de

Verena Hoenig

Titel
Kerstin Decker
Paula Modersohn-Becker
Propyläen - 19,90 € (D) / 20,50 € (A) / 35,40 sFr
Format: 304 S.
ISBN: 978-3-549-07323-0
Bestellen
Christa Murken
Paula Modersohn-Becker
DuMont - 24,90 € (D) / 25,60 € (A) / 43,70 sFr
Format: 149 S.
ISBN: 978-3-8321-7768-3
Bestellen
Brigitte Uhde-Stahl
Paula Modersohn-Becker
Schirmer Mosel - 6,95 € (D) / 7,20 € (A) / 13,80 sFr
Format: 120 S.
ISBN: 978-3-88814-413-4
Bestellen
Paula Modersohn-Becker
"Kunst ist doch das Allerschönste"
Insel - 12,80 € (D) / 13,20 € (A) / 23,00 sFr
Format: 118 S.
ISBN: 978-3-458-19299-2
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Günter Busch / Liselotte von Reinken (Hg.)
Paula Modersohn-Becker in Briefen und Tagebüchern
S. Fischer - 34,90 € (D) / 35,90 € (A) / 58,00 sFr
Format: 720 S.
ISBN: 978-3-10-050609-2
Bestellen
Paula Modersohn-Becker und die Kunst in Paris um 1900 - Von Cézanne bis Picasso
Hirmer - 39,90 € (D) / 41,10 € (A) / 63,00 sFr
Format: 360 S.
ISBN: 978-3-7774-3535-0
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