Romane
Große Straßen in deutschen Städten tragen seinen Namen, breite Alleen und Brücken, sogar der Damm, der die Insel Sylt mit dem Festland verbindet. Die damit verknüpfte Ehrung würdigt einen Mann, der 1934 in seinem politischen Testament erklärte, dass nun endlich die Stunde angebrochen sei, die er ersehnt habe. Denn die parlamentarische Staatsform, die Hindenburg neun Jahre lang repräsentiert und auf deren Verfassung er einen Eid geleistet hatte, „entspreche nicht den wahren Bedürfnissen und Eigenschaften unseres Volkes“.
Das „Heil Deutschlands“ sah der damals 86-jährige Reichspräsident beim neuen Reichskanzler Adolf Hitler in guten Händen. Der erreichte endlich das, was Hindenburg schon immer wollte: die Abschaffung der Demokratie, die nationale Einigung in einem Einparteienstaat und eine autoritäre Führung.
So stimmte er dem Ermächtigungsgesetz, das Hitler diktatorische Vollmachten einräumte, genauso zu wie der Liquidierung der SA-Führung: „Ohne Blutvergießen geht es nicht.“ Der „Tag von Potsdam“, an dem sich Hindenburg und Hitler, der Generalfeldmarschall und der Gefreite, die Hand am Sarge Friedrich des Großen reichten, symbolisierte wie keine andere Geste das Bündnis zwischen Konservativen und Nationalsozialisten. Hindenburg ist eine Schlüsselfigur der deutschen Zeitgeschichte. Aber der Mann, der die Politik zwischen 1914 und 1934 maßgeblich mitbestimmte, fand seit Jahrzehnten nicht die nötige Aufmerksamkeit.
Wolfram Pyta, Stuttgarter Geschichtsprofessor, legt nun, gestützt auf zahlreiche neue Quellen, die Biografie vor, die Hindenburgs Bedeutung entspricht.
In dem mehr als 1000-seitigen Werk entwirft Pyta die Lebensgeschichte eines spät berufenen, überaus geschickt taktierenden Politikers, der in körperlicher und geistiger Frische fast bis zu seinem Tod immer wusste, was er tat. Das gängige Klischee einer leutseligen Vaterfigur, die als Berufssoldat und aufgrund ihres Alters den Intrigen der Politik und der Dämonie eines Hitler nicht gewachsen war, dürfte damit ein für allemal erledigt sein.
Karriere zwischen zwei Weltkriegen
Hindenburgs Karriere im Kaiserreich und in der Weimarer Republik zählt zu den ungewöhnlichsten militärisch-politischen Laufbahnen. Ohne den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, konstatiert Pyta, „hätte die Geschichte wohl keinerlei Notiz von ihm genommen“. Denn 1914 befand sich der 1847 geborene Hindenburg bereits seit drei Jahren im Ruhestand und verzehrte in Hannover seine Generalspension.
Dass man ihn überhaupt wieder aktivierte, lag einzig daran, dass man ihn für phlegmatisch und abgeklärt genug hielt, um dem eigentlichen Strategen, Generalmajor Erich Ludendorff, nicht ins militärische Handwerk zu pfuschen. Der durfte aufgrund seines zu niedrigen Ranges nicht offiziell an die Spitze der Truppe treten.
Der undankbare Posten erwies sich für Hindenburg als Fundament seines Feldherrnruhms. Denn Ludendorff, von Hindenburg nicht gestört, schlug die russische Armee bei Tannenberg, rettete dadurch Ostpreußen und machte seinen Vorgesetzten zum bewunderten Kriegshelden. Anders als im Westen, wo sich der Krieg in den Schützengräben festfraß, stand Hindenburg für gewonnene Schlachten und Bewegungskrieg. Ein „symbolisches Kapital“, das er auf höchst geschickte Weise, und darin ein PR-Genie, in Ansehen ummünzte. Am Ende war seine Position so stark, dass er zum Generalfeldmarschall und obersten Chef der Heeresleitung aufstieg und selbst den Kaiser in den Schatten stellte.
Die Hoffnung der Reichsregierung, in Hindenburg denjenigen zu finden, der ihr helfen würde, auch zu enttäuschenden Bedingungen Frieden zu schließen, erfüllte sich nicht. Der mittlerweile 70-Jährige lehnte jeglichen Verständigungsfrieden ab und gab die Parole aus: „Viel Feind, viel Ehr!“ Den uneingeschränkten U-Boot-Krieg und die Rekrutierung von Zwangsarbeitern sanktionierte er ohne Bedenken und glaubte bis zuletzt an den sicheren militärischen Sieg.
Paradoxerweise wurde ihm die Niederlage in der Öffentlichkeit nicht angekreidet. Das vom Untergang der Monarchie geschockte Bürgertum sah nun erst recht in Hindenburg die einzige Autorität. Dessen Rechtfertigung bestand im Erfinden der „Dolchstoßlegende“, wonach die revoltierende Heimat dem „im Felde unbesiegten Heer“ in den Rücken gefallen sei.
Pyta erklärt Hindenburg mit dem Begriff der charismatischen Herrschaft. Jenseits aller Funktionen und Verantwortlichkeiten entfaltete sie ihre Wirkung, weil große Teile der Deutschen in der Person des Generalfeldmarschalls ihr Ideal von nationaler Einheit und Sicherheit verkörpert sahen. Als er 1925 zum Reichspräsidenten gewählt wurde, änderte dieses Amt an seinen Grundüberzeugungen nichts. Hitlers Handeln entsprach seinen ureigensten Wünschen. Dies herausgearbeitet und damit dem Hindenburg-Bild scharfe Konturen verliehen zu haben, ist das große Verdienst dieser Biografie.
Pete R. Wilson
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