Kinder- und Jugendbuch

paul maarpaul maar

13.12.2007

Der wahre Taschenbier

Er ist der Papa vom Sams und ein echter Star unter den Kinderbuchautoren: Am 13. Dezember wurde Paul Maar 70.

Schlagworte:

Als meine Nichte das erste Mal bei mir übernachten durfte, war sie sieben. Unser Tag verging wie im Fluge. Aber abends wurde das sonst eher vorlaute Mädchen plötzlich ganz still. Mama fehlte ihr. Dass wir dann doch noch einen lustigen Abend verbrachten und Laura lächelnd einschlief, verdanke ich Paul Maar.
Ich war mein Leben lang eine Leseratte und hatte daher auch einige seiner Bücher im Regal stehen. Ich machte es mir mit Laura unter einer Decke auf dem Sofa gemütlich und las ihr die Geschichte vom Sams vor. Das freche rothaarige, schweinsnasige Etwas mit den blauen Sommersprossen, die eigentlich Wunschpunkte sind, brachte Laura zum Strahlen. Heimweh war kein Thema mehr. Wortspielereien und das Einlösen von blauen Wunschpunkten wurden zu festen Bestandteilen unserer Tante-Nichte-Beziehung.
Solche oder ähnliche Erlebnisse verdanken zigtausende Kinder – und Erwachsene – Paul Maars wortgewaltigen Fantasien. Dabei will der 1937 in Schweinfurt Geborene zunächst gar kein Schriftsteller werden.
Es zieht ihn zur Kunst, weshalb er sich für Freie Malerei an der Kunstakademie in Stuttgart einschreibt. Bereits als Student merkt er, dass er auch Talent hat, mit Worten zu malen. 1966 wird seine erste Hörfunkerzählung, „Der Turm im See“, vom SDR gesendet. Von diesem Erfolg angespornt, beschließt Maar, sich der Belletristik zu widmen.
Doch erst ein Kind, sein ältester Sohn Michael, sorgt 1967 für den entscheidenden Laufbahnwechsel. Da Maar ihm liebend gerne vorliest, entdeckt er nun als Erwachsener die spannende Welt der Kinderliteratur, die ihm in seiner Jugend vorenthalten wurde. Paul Maars strenger Vater missbilligte nämlich das Lesen als vertane Zeit, besaß nur drei Bücher.
„Pu der Bär“, „Peter Pan“, „Alice im Wunderland“ und vor allem Peter Hacks’ „Das Windloch“ wecken im erwachsenen Paul den Wunsch: „So etwas würde ich auch gerne machen.“ Gesagt, getan: Er verfasst eine Geschichte für seine Kinder: „Der tätowierte Hund“. Maar betrachtet das als „kleinen Ausflug“ in die Welt der Kinderliteratur, denn im Grunde sieht er sich auf dem Weg, ein „ernsthafter“ Schriftsteller zu werden.

Autobiografische Parallelen
Der Hamburger Verleger Friedrich Oetinger, dem der „Tätowierte Hund“ gut gefiel, sah das ganz anders. „Oetinger sagte, ich solle meine arrogante Haltung, Belletrist zu sein, vergessen, sonst könne ich mein Manuskript gleich wieder mitnehmen“, erinnert sich Maar. Und der Verleger stellt eine Bedingung, unter der er das Buch herausbringen würde: Maar müsse ihm versprechen, dass er auch in Zukunft kontinuierlich für Kinder schreiben werde. Oetinger bewies das richtige Gespür: Mehr als 50 Bücher, Gedichtbände, Theaterstücke, Hörspiele und Filmdrehbücher des vielfach preisgekrönten, seit Langem im oberfränkischen Bamberg lebenden Autors begeistern bis heute Kinder, aber auch Erwachsene auf der ganzen Welt. Bereits Maars dritter, 1973 erschienener Kinderroman, „Eine Woche voller Samstage“, brachte ihm Weltruhm ein.
Mit ungemeiner Leichtigkeit, Witz und einem tiefen Verständnis für die Kinderseele entführt Maar seine Leser in eine andere Welt, in der Realität und Fantasie wie selbstverständlich ineinander übergehen. Wie er es schafft, sich seit bald vier Jahrzehnten in Kinder hineinzuversetzen?
„Indem ich nicht vergessen habe, wie ich mich als Kind fühlte, was mir Spaß und was mir Kummer gemacht hat“, verriet der Autor kürzlich in einem Interview.
Gerade dieses Erinnern an die eigene Kindheit spiegelt sich in den meisten seiner Bücher wider. Der kleine Lippel, dem die strenge Kinderfrau das Buch wegnimmt, hat viel vom Jungen Paul Maar, der auch nur heimlich mit einer Taschenlampe unter der Decke schmökern konnte. Der schüchterne Herr Taschenbier, dem das freche Sams hilft, seine Gehemmtheit abzulegen, ähnelt Maar als jungem Erwachsenen. Viele seiner Kinderfiguren wachsen mit nur einem Elternteil auf – auch das eine autobiografische Parallele: Maars Mutter verstarb sehr früh.
Vielleicht weil seine Kindheit so wenig heiter gewesen ist, sind es seine Bücher besonders. Er spielt liebend gern mit Wörtern und ihrer Bedeutung. Und packt die Kinder bei ihrer Lust an der Unvernunft, bringt sie zum Lachen und zum Bangen – und seine Geschichten immer zu einem guten Ende. Er macht seine Leser mit ungewohnten Perspektiven vertraut, spricht Werte wie Toleranz, Freundschaft und Gemeinschaft an und bringt ihnen bei, die Welt mal mit ganz anderen Augen zu sehen.
„Ich hoffe, dass ich, wenn ich über 70 bin, auch noch so schöne Geschichten schreiben kann“, hat Maar einmal geäußert. Dafür würden viele seiner Fans sicher gerne gleich mehrere blaue Wunschpunkte opfern …

Sandra Schulte

Titel
Paul Maar
Der tätowierte Hund
Oetinger - 12,90 € (D) / 13,30 € (A) / 23,50 sFr
Format: 112 S.
ISBN: 978-3-7891-4257-4
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Paul Maar
Lippels Traum
Omnibus - 6,95 € (D) / 7,20 € (A) / 12,90 sFr
Format: 224 S.
ISBN: 978-3-570-21716-0
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Paul Maar
Paulas Reisen
Tulipan - 14,50 € (D) / 15,00 € (A) / 26,00 sFr
Format: 32 S.
ISBN: 978-3-939944-04-1
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Paul Maar
Eine Woche voller Samstage
Oetinger - 16,95 € (D) / 17,10 € (A) / 31,60 sFr
Format: 3 CDs
ISBN: 978-3-7891-0102-1
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Paul Maar
Vom Lesen und Schreiben
Oetinger - 14,90 € (D) / 15,40 € (A) / 26,80 sFr
Format: 208 S.
ISBN: 978-3-7891-4259-8
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