Krimi

vanderbekevanderbeke

21.01.2008

Delikater Garaus

Birgit Vanderbeke kreiert in ihrem neuen Roman fantasievolle Rezepte, die nicht allen munden.

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Mit Pilzen ist es wie mit Menschen: Man muss die bösen von den guten zu unterscheiden wissen. Wer diese Kunst beherrscht, lebt entschieden länger – und beseitigt im Extremfall die einen durch die anderen.
Das zumindest ist die Methode der Frau Choi, Titelfigur in Birgit Vanderbekes neuem Roman. Sie macht mit einem koreanischen Restaurant in einem namenlosen Nest in Südfrankreich Karriere. Dort kann sie all das anbauen, was sie für ihre alsbald weithin berühmten Gerichte benötigt. Vor allem aber gedeiht auf dem karstigen Boden der Schöngelbe Klumpfuß – ein tödlicher Pilz. Der hat den Vorteil, dass sein Gift nicht nachweisbar ist. Weshalb die plötzlichen Todesfälle – des derben Bürgermeisters, der Frau Chois Pläne zu durchkreuzen droht, und eines gewalttätigen Stalkers – ungeklärt bleiben.
Damit sind zwei wichtige Themen Vanderbekes angeklungen. Seit ihrer mit dem Bachmann-Preis gekrönten Erzählung „Das Muschelessen“ dient ihr Kulinarisches als Metapher fürs Leben: für Feinsinn, Lust und Liebe, aber auch für Ekel und Zerstörung. Letztgenanntes führt nahtlos zu ihrem bevorzugten Sujet: wie mit patriarchalen Nervensägen abzurechnen ist.
Vanderbeke legt keinen Krimi im engeren Sinne vor. Der würde auch kaum zu der bezaubernden Leichtigkeit ihres Erzählens passen. Aber sie schafft mit ihrer kunstvoll-einfachen Sprache die typische Atmosphäre einer Kriminalgeschichte: Alles wirkt verdächtig, jede Fassade brüchig. Und sie spielt charmant mit Motiven des Genres, wie Gift als Waffe der Frauen.
Eine tiefe Verbeugung gebührt der Verknappungsmeisterin Vanderbeke dafür, wie sie auf 128 Seiten 17 Jahre Zeitgeschichte verdichtet: Den ersten Irakkrieg, die Erfindung von Internet und Handy, Fußball-WM und Wellness-Tourismus, alte Legenden um Werwölfe und reale Personen wie den Architekten Itami Jun – all das verknüpft sie einfallsreich mit dem Aufstieg eines Dorfrestaurants zur Pilgerstätte für Gourmets aus aller Herren Ländern.
Und Frau Choi, die aus der Fremde kommend als moralischer Mastermind gemäß der Devise „Denke global, handele lokal“ die Geschicke des ganzen Dorfes lenkt? Ein Schelm, wer da nicht an Frau Vanderbeke und die Rolle des Schriftstellers denkt. Die 51-Jährige verwandelt gerne Biografisches in Fiktion. Sie, die als Kind die Flucht aus dem brandenburgischen Dahme in den Westen prägte, lebt selbst seit Anfang der 90er-Jahre mit Mann und Sohn in einem Dorf in Südfrankreich – und kocht gerne und gut. Soweit bekannt aber nicht mit dem Schöngelben Klumpfuß.


Birgit Vanderbeke, Jahrgang 1956, gewann 1990 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Seitdem sind mehrere Kurzromane erschienen, darunter „Alberta empfängt einen Liebhaber“. Seit 1993 lebt die im brandenburgischen Dahme Geborene mit ihrer Familie in Südfrankreich.

Ronald Dietrich

Titel
Birgit Vanderbeke
Die sonderbare Karriere der Frau Choi
S. Fischer - 16,90 € (D) / 17,40 € (A) / 30,60 sFr
Format: 128 S.
ISBN: 978-3-10-087086-5
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