Krimi
Spätestens seit Dürrenmatt wissen wir: Vor Physikern sei gewarnt. Zumal vor einem wie Oskar, ebenso arrogant wie brillant. Der Forscher, der nach nichts Geringerem als der Weltformel sucht, ist eher von der ungenießbaren Sorte. Ihn verbindet seit der Studienzeit eine homoerotische Neigung mit dem nicht minder talentierten Sebastian. Doch der heiratet eine Galeristin, liebt seinen Sohn abgöttisch und verficht vehement die absolut gegensätzliche Viele-Welten-Theorie. Da mutiert die Freundschaft der beiden zu Hassliebe – ein psychologischer Kleinkrieg ist die Folge.
Unter den jungen Schriftstellerinnen im deutschsprachigen Raum gibt es eigentlich nur eine, die sich an Quantenmechanik und Relativitätstheorie wagt, klug darüber spekuliert, ob alles, was möglich ist, auch geschehen muss, souverän mit philosophischen Fragestellungen jongliert und daraus eine lebenssatte Kriminalgeschichte zaubert: Juli Zeh.
Schon „Adler und Engel“, der erste Roman der Jura-Überfliegerin, die das beste Staatsexamen in Sachsen machte, schlug in Zeiten der elegant plätschernden Popliteratur ein wie ein Meteorit. Nun hat sie – nach dem Roman „Spieltrieb“ – mit „Schilf“ keinen klassischen Krimi, aber eine Geschichte über die Psychologie von Verbrechen und Strafe geschaffen – ganz in der Tradition von „Schuld und Sühne“.
Wie bei Dostojewski erleben wir den Mord mit, den Sebastian begeht. Und wie beim großen Russen sehen wir, wie die Schuld den Täter zerfrisst. Denn: „Das Schlimmste … geschieht immer danach.“ Doch während Raskolnikow aus Übermenschfantasien heraus eine alte Wucherin erschlägt, verteilt Zeh die Rollen. Geistiger Brandstifter ist Oskar, während Sebastian sich erpresst sieht, einen Zeugen in einem vermeintlichen Medizinskandal zu beseitigen, um so seinen entführten Sohn zu retten.
Wir kennen den Fall, aber nicht die Lösung des tragischen Dilemmas. Deshalb begleiten wir gespannt den alternden Kommissar Schilf: Lakonisch, intuitiv, ist er einer, der sich – nomen est omen – biegt, um nicht zu brechen. Er, dem Zeh die Eigenart des Kommentators im eigenen Kopf einpflanzt, ist durch einen Hirntumor dem Tod geweiht und will deshalb die Ermittlung buchstäblich zu Ende bringen: „Wer sterben will, muss vollständig sein, dachte der Kommissar, denkt der Kommissar.“
„Doublethink“ lautet das Stichwort, und Doppelt- und Dreifachdenken ist die große Kunst Juli Zehs. Sie macht „Schilf“ zum sprachgewaltigen Beweis, dass Welthaltigkeit und Witz, guter Stil und gute Story einander nicht ausschließen müssen.
Juli Zeh, 1974 als Beamtentochter in Bonn geboren, promoviert derzeit in Völkerrecht. Für ihr 2001 erschienenes Debüt „Adler und Engel“ erhielt sie den Deutschen Bücherpreis. Im Herbst wurde ihr Stück „Corpus delicti“ in Essen uraufgeführt. Zeh lebt in Brandenburg.
Ronald Dietrich
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Juli Zeh Schilf Schöffling - 19,90 € (D) / 20,50 € (A) / 35,30 sFr Format: 384 S. ISBN: 978-3-89561-431-6 Bestellen |
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