Krimi
Drei Autoren, drei Versuche, mittels gekonnt geschürter Spannung die Verhältnisse in Deutschland auszuloten – und drei äußerst effektbewusste Anfänge, die jeweils die Tonlage fürs gesamte Werk setzen.
Friedrich Ani beginnt „Hinter blinden Fenstern“, seinen zweiten Roman um Polonius Fischer, den Exmönch in der Münchner Mordkommission, mit einer Kreuzigung: Der Rentner Cornelius Mora, durch die Rezession zur Aufgabe seines Geschäfts gezwungen, lässt sich von einer Domina quälen. Die Fessel, mit der er an ein Kreuz gebunden ist, löst sich. Die Gerte trifft statt der Schulter die Halsschlagader des alten Mannes, er verblutet. Ein Unfall, aber auch ein Symbol.
Das Motto des Romans stammt von Bob Dylan. „We all wear the same thorny crown“, singt er, und das Versprechen, das der amerikanische Barde im Song gibt, könnte auch Polonius Fischers Maxime sein: „We live and we die, we know not why / But I'll be with you when the deal goes down.“
Es ist vordergründig der Zufall, der Anis Figuren in einer Münchner Vorstadtsiedlung zusammenführt. Doch hätte die Clubbesitzerin ihre Freundin nicht an den Krebs verloren, hätte sie keinen Trost benötigt. Hätte der Tröster nicht geglaubt, er könne bei der Clubbesitzerin die Liebe finden, die er in seiner Beziehung nicht hat – sie wären nicht hier in Milbertshofen zusammengekommen, wo noch weitere verlorene Seelen wohnen.
Polonius sucht den Mörder, der den Mann der Clubbesitzerin abgestochen hat, und ein verschwundenes Mädchen. Er findet in der Siedlung, wovon der optimistische Aufschwungblick sich abwendet: gescheiterte Existenzen, verängstigte Menschen, Lebenskünstler am Rande des Untergangs. Einen Schauspieler, der seine Wohnung nicht mehr verlässt. Und das verschwundene Mädchen überlebt im bizarren Arrangement mit seinem Entführer. Hier erfindet Ani wie nebenbei eine psychologisch einleuchtende Geschichte zur Entführung der Natascha Kampusch.
Der Kriminalroman als Sonde sozialer Zustände: Friedrich Ani entwirft ein Tableau aus alltäglichen Aufbrüchen und Enttäuschungen, aus denen starke Gefühle entstehen. Er beschreibt jene im Elend schwelende Gewalt, die allzu oft kein Objekt findet.
Der verlorene Sohn
Auch Ulrich Ritzel steigt mit einem starken, verstörenden Bild ein. In seinem Krimi „Forellen-Quintett“ flieht ein Musiker durch die polnische Industriestadt Katowice. Bei sich hat er eine Plastiktüte mit einem abgetrennten Frauenkopf.
Ritzel führt seine Leser und seine eigensinnig am äußersten Rand der Dienstvorschrift ermittelnde Kommissarin Tamar Wegenast in eine Enge, die Anis Milbertshofen ähnlich ist. In Friedrichshafen am Bodensee (wo sich 1981 der Lokalreporter Ritzel mit der Aufdeckung einer kommunalen Korruptionsaffäre einen ‚Wächterpreis der Tagespresse‘ erschrieb) ist vor 17 Jahren ein Junge verschwunden. Die Eltern, die Mutter vor allem, haben die Hoffnung nicht aufgegeben. Und als in Berlin der Musiker aus Katowice scheinbar ohne Sprache und Erinnerung auftaucht, erkennen sie nur zu bereitwillig den verlorenen, musikalisch begabten Sohn in ihm und holen ihn zu sich nach Hause.
Dem solcherart adoptierten Polenflüchtling ist es gleich, ob er als angenommener Sohn im Jugendzimmer eines Fremden oder in irgendeiner anderen Gestalt untertauchen kann. Doch als er im Musikschrank des Jungen, der er sein soll, auf eine eigenartig schnulzige Klaviereinspielung von Schuberts „Forellenquintett“ stößt, kommen plötzlich Ermittlungen ins Rollen, die den fürchterlich repressiven Apparat kleinstädtisch-bürgerlicher
(Musik-)Erziehung aufdecken – und dabei jede Menge Nazi- und Korruptionsdreck ans Tageslicht bringen.
Schatten der Vergangenheit
Wie Friedrich Ani und Ulrich Ritzel hat auch Oliver Bottini es mit der Romantik. Bei Ani ist sie tröstlich und von heute, bei Ritzel entstammt sie – Klavierhockerqual gepaart mit heiterem Schubert – aus dem 19. Jahrhundert. Und in Bottinis Roman „Im Auftrag der Väter“ ist die Romantik eine Flucht ins Innere, ein Signal für abgebrochene Kommunikation. Ein Mann, offenbar vom Balkan, steht plötzlich im Garten einer Freiburger Beamtenfamilie und behauptet, deren Haus sei sein Haus. Innerhalb von drei Tagen sollen sie verschwinden. Ein unerklärliches Ultimatum, dem ein brutales Verbrechen folgt. Der Sohn der bedrohten Familie, unmusikalisch, aber introvertiert, hört Brahms’ „Deutsches Requiem“ – gewissermaßen als Soundtrack zum Zerfall seiner Welt. Auch bei Bottini gibt ein Motto den Grundton an: Novalis’ Sätze „Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause“. Heimat und Zuhause bilden das innere Thema: Ein vertriebener, heimatloser, durch mehrere Kriege zum Krieger gemachter Mann nimmt Rache für ein unerträgliches Schicksal.
Bei Ani wächst der Hass aus der kleinen, dauernden, alltäglichen Kränkung. Bei Bottini wird die zwischen Unterdrückung, Vertreibung und hitlerschem Größenwahn torkelnde Geschichte der Banater Schwaben im heutigen Kroatien zum Urgrund einer Vernichtungswut, zu deren Ausbruch dann ein eigentlich winziger bürokratischer Ausweisungsakt genügt. Bei Bottini wie auch bei Ani geht der Terror von selbstgerechten Überzeugungstätern aus. Ritzel hingegen lässt das Verbrechen aus der Verdrängung entstehen und die Verdrängung aus der Enge.
Innerlich Unfreie und Heimatlose, existenziell Entwurzelte treiben durch die Kriminalromane dieser drei Autoren. Vielleicht ist das ja das gemeinsame Deutsche an ihnen, bei aller Unterschiedlichkeit in Schreibweise, Haltung und Humor: ein unerschütterbarer Zweifel an der Heimat.
Tobias Gohlis
| Titel | |
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Friedrich Ani Hinter blinden Fenstern Zsolnay - 19,90 € (D) / 20,50 € (A) / 36,00 sFr Format: 320 S. ISBN: 978-3-552-05404-2 Bestellen |
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Oliver Bottini Im Auftrag der Väter Scherz - 14,90 € (D) / 15,40 € (A) / 27,30 sFr Format: 448 S. ISBN: 978-3-502-11009-5 Bestellen |
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Ulrich Ritzel Forellen-Quintett btb - 17,95 € (D) / 18,50 € (A) / 31,90 sFr Format: 384 S. ISBN: 978-3-442-75182-2 Bestellen |
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