Belletristik / Titelgeschichte

Das Gedächtnis des Herzens
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© ugurhan, iStockphoto

„Burma war Liebe auf den ersten Blick“

Die Geschichte von Julia und ihrem burmesischen Mann Thar Thar geht weiter: „Das Gedächtnis des Herzens“ handelt von ihrem zwölfjährigen Sohn Bo Bo, der bei seinem Onkel aufwächst und sich eines Tages auf die Spuren seiner schicksalhaften Vergangenheit begibt. Jan-Philipp Sendkers dritter Burma-Roman erzählt erneut eine magische Geschichte von Sehnsucht und Liebe.

Ihre Burma-Romane finden weltweit Millionen Leserinnen und Leser. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Meine Bücher erzählen Geschichten, von denen wir alle träumen. Es sind Geschichten, die Zeit und Raum überdauern und die zeigen, dass die Liebe eine unglaublich starke Kraft ist. Stärker jedenfalls als der Hass und die Wut, von denen unsere Welt so voll ist. 

Jan-Philipp Sendker© Frank Suffert

Gehören Ihre Romane denn in die Schublade Liebesromane? 
Nein. Die Bücher, die ich schreibe, handeln von der Liebe, sie ­taugen aber nicht für Schubladen, von denen ich ohnehin wenig halte. Für mich gibt es nur zwei Sorten Bücher: gute und schlechte. Ein gutes Buch soll mich unterhalten, bewegen, berühren, und im günstigsten Fall lerne ich bei der Lektüre etwas über andere Menschen oder vielleicht sogar etwas über mich selbst.

Ihr erster Burma-Roman, „Das Herzen­hören“, erschien 2002, zehn Jahre später folgte „Herzenstimmen“, nun erscheint Teil drei. War die Serie von Anfang an Ihr Plan? 
Nein, überhaupt nicht. Es war immer so, dass die Geschichten auf mich zukommen und ich mich beim Schreiben von der Story treiben lasse. Nach dem offenen Ende von „Herzenstimmen“ war klar, dass noch etwas kommen musste – ich wollte ja selbst wissen, wie die Geschichte von Julia und Thar Thar weitergeht. Es war mir auch schnell klar, dass es eine andere Sicht auf die Dinge braucht. Deshalb erzählt nun ihr zwölfjähriger Sohn Bo Bo, der sich schließlich auf die Suche nach seiner verschwundenen Mutter macht. 

Sie muten diesem Jungen, der mit körperlichen und seelischen Narben gezeichnet ist, viel zu … 
Das stimmt, gleichzeitig ist mein Buch aber auch eine Ode an die Tapferkeit von Kindern, denen auf dieser Welt oft furchtbare Dinge zugemutet werden. Was Julia ihrem Sohn angetan hat, war extrem, sie selbst hat aber auch Extremes erlebt. Sie hat einfach nicht verkraftet, was sie getan hat, und glaubte, dass es besser für ihren Sohn sei, sie nicht mehr zu sehen. Welche Sehnsucht in ihr war, zeigt sich darin, dass sie ihm sieben Jahre lang jeden Tag einen Brief geschrieben hat, die sie aber alle nicht abschickte. 

Warum haben Sie Burma als Schauplatz Ihrer Romane gewählt und nicht etwa Thailand oder Vietnam?
In meiner Zeit als Asienkorrespondent für den „Stern“ wollte ich 1995 unbedingt Burma besuchen. Als ich damals aus dem Flugzeug stieg, dachte ich zuerst: „Was ist denn hier los?“ Kaum Autos auf den Straßen, kein Fernsehen, immer wieder Stromausfall – es war, als ob ich 100 Jahre in die Vergangenheit gereist wäre. Burmas Machthaber hatten ihr Land jahrzehntelang abgeschottet, aber der Buddhismus, die Freundlichkeit und Bescheidenheit der Menschen haben mich sofort fasziniert. Die Begegnung mit Burma war für mich Liebe auf den ersten Blick.

Das Land hat sich aber inzwischen gewandelt? 
Natürlich, Burma hat sich geöffnet, ist moderner geworden. Und doch prallen heute die Möglichkeiten und Versprechungen der modernen Welt auf tief verwurzeltes, traditionelles Denken. Das ist unglaublich spannend und macht das Land so besonders.

Dies erzählt Ihr Roman ja auch eindrucksvoll, als Thar Thar mit der schwangeren Julia nach New York kommt und er sich dort ziemlich verloren fühlt. Sind die östliche und die westliche Welt immer noch so verschieden?
Ja. Wenn man wie Thar Thar aus einem Dorf in Burma kommt, sind die Unterschiede immer noch gewaltig. Trotz politischer Öffnung, trotz Wirtschaftsreformen ist das nach wie vor eine andere Welt. 

Sie haben Burma viele Dutzend Male bereist. Mussten Sie für den neuen Roman überhaupt noch recherchieren?
Selbstverständlich! Burma ist ein Land, das sich rasend schnell verändert. Außerdem brauche ich diese Reisen, um die Atmosphäre aufzunehmen und mich vom Land, von den Leuten, von ­Begegnungen und Begebenheiten inspirieren zu lassen. 

Kennt man Ihre Bücher denn auch in Burma?
Ja, sie sind ins Burmesische übersetzt und werden sehr viel ge­lesen. Ich war im März in Kalaw und hatte dort eine Lesung. Es reisten Leute zehn Stunden mit dem Zug an, um mich zu hören. Ein Mann kam anschließend auf mich zu und meinte, dass er meine Bücher so toll fände, weil sie ihn zum Weinen brächten, weil sie ihn trösten und weil er aus ihnen so viel über sein eigenes Land lerne. Das war ein wunderbares Kompliment. 

Als Hörbuch (gekürzt) bei Random House Audio. 
Gelesen vom Autor. 
6 CDs, 22,– €  

Eckart Baier

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