Belletristik

Die Zeit des Lichts
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Whitney Scharer© Sharona Jacobs

Porträt einer Künstlerin

Als Lee Miller im Jahr 1929 nach Paris kommt, kennt sie keine Menschenseele. Sie will nur eines: fotografieren. Whitney Scharers Romandebüt „Die Zeit des Lichts“ erzählt die spannende  Lebensgeschichte einer großen Frau und Künstlerin, die sich mit ihrem Werk verewigt hat.  

Lee Miller war vieles: Model, Künstlerin, Muse, Kriegs­berichterstatterin, Feministin, Entdeckerin, Kochbuchautorin, Ehefrau, Mutter. Vor allem aber war sie eine ­mutige Frau, die Krisen und Verletzungen trotzte und entschlossen ihren Weg ging. Ihre Werke werden heute zu den wichtigen Fotografien des 20. Jahrhunderts gezählt. Der Roman „Die Zeit des Lichts“ zeichnet den Weg dieser außerordentlichen Künstlerin mit feinen Linien nach. Dieser Weg führte aus New York ins Paris der 1930er Jahre, später in der Funktion als Kriegsbericht­erstatterin in die Normandie und ins Konzentrationslager Dachau und schließlich auf eine Farm im englischen Sussex, wo Miller mit ihrem Ehemann, dem Künstler Roland Penrose, lebte.

Lee Miller ist 22 Jahre alt, als sie ihre Karriere als Model hinter sich lässt. Sie bricht in die französische Hauptstadt auf und zieht mit ihrer Kamera durch die Straßen. Sie wolle lieber ein Bild machen, als eines zu sein, sagt sie. Doch Miller hat sich den Neu­beginn und den Wechsel der Kameraseite einfacher vorgestellt, als er ist: Paris ist groß, sie hat keine Freunde, und das Geld zerrinnt der jungen Frau zwischen den Fingern. Sie flüchtet in Bistros, um nicht die Einsamkeit ihres Hotelzimmers ertragen zu müssen. „Sie verbringt immer mehr Zeit dort, zeichnet in ihr Skizzenbuch, schreibt Briefe oder hält lange Mittagsschlaf und fühlt sich anschließend unausgeglichen – Hauptsache, die Zeit vergeht und sie vergisst, wie einsam sie ist.“ Doch die Durststrecke nimmt bald ein Ende: Sie lernt Man Ray kennen, und der geniale Künstler stellt sie als Assistentin ein. Lee Miller ist dafür zuständig, sein Büro zu organisieren, er unterrichtet sie in seinem Studio und überlässt ihr für ihre ersten Fotoversuche seine Dunkelkammer. 

Miller und Ray kommen sich auch privat näher: Es beginnt eine wilde „Amour fou“, mit der sich für die junge Amerikanerin ­Türen öffnen – zur Pariser Bohème der 1930er Jahre, wo sich Dadaisten und Surrealisten in Mansarden und Galerien zu ausschweifenden Partys und Ausstellungen treffen. Dort schließt Miller auch Freundschaft mit Pablo Picasso und Jean Cocteau. Doch ein Wunsch bleibt zunächst unerfüllt: in der Welt männlicher Genies als Künstlerin ernst genommen zu werden. 

Befreiender Schritt in die Unabhängigkeit
Man Rays Schatten ist groß, auf Dauer ist er für Miller zu groß, um darin zu wachsen. Die Beziehung der beiden zerbricht und Miller eröffnet ihr erstes eigenes Studio: Es ist eine Befreiung, „ihr karger weißer Raum, so rein und hell, wie sie es sich beim ersten Mal vorgestellt hat“. Miller arbeitet zunächst als Mode- und Porträtfotografin, berühmt wird sie in den Kriegsjahren und mit den Foto­grafien, die sie im besiegten Deutschland macht, in den befreiten Konzentrationslagern und in Hitlers Badewanne. 

„Die Zeit des Lichts“ ist der erste Roman der US-amerikanischen Autorin Whitney Scharer, ihr ist damit aus dem Stand ein großer Wurf gelungen. Millers rauschhafte Liebesgeschichte mit Man Ray verwebt Scharer mit Ausschnitten aus ihrem späteren Leben: mit Szenen aus ihrer Zeit als Kriegsberichterstatterin und den Jahren mit Ehemann Roland Penrose in Sussex.  Dort widmet sie sich überwiegend dem Schreiben von Kochbüchern und versucht die Schrecken des Krieges zwischen ihren Gemüsebeeten und Kräutergärten zu vergessen. 

Roman einer Emanzipation 
In „Die Zeit des Lichts“ entwirft Scharer das packende Psychogramm einer Frau, die früh zu kämpfen gelernt hat. 1907 in Pough­keepsie geboren, wurde Miller schon als Kind zum Foto­objekt ihres Vaters. Ihre Schönheit blieb immer auch eine Last. „Die Männer. Sie hat sie vielleicht fasziniert, aber sie haben ihr auch etwas genommen – durchlöchert haben sie sie mit ihren Blicken, ihr unter den Kamera­hauben Befehle zugebellt, sie auf ihre Körperteile reduziert.“ Und so ist Scharers Buch nicht nur ein 

Roman über die Emanzipation einer Künstlerin in männerdominierten Zeiten. Es erzählt von der Selbstfindung einer Frau, die früh Verletzungen erfahren hat und sich entschied, weder daran zu zerbrechen noch sich je wieder vereinnahmen zu lassen. Ihr Buch ist das beeindruckende Porträt ­einer starken Frau und einer glanzvollen und faszinierenden Epoche. 

Toni Hecht

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