Literatur-Nachrichten

Lesen – ein revolutionärer Akt!

In Anwesenheit der Norwegischen Kronprinzessin wird zur Eröffnung der Buchmesse die Revolution gefeiert – und die Sprengkraft der Literatur.

Blaue Stunde: Die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit trägt ein Gedicht vor© dpa / Frank Rumpenhorst

Ein solches Blitzlichtgewitter, wie es heuer auf das norwegische Kronprinzenpaar Mette-Marit und Haakon niedergeht, hat die Buchmesse-Eröffnung lange nicht erlebt. Die Kronprinzessin rezitiert einen Text des norwegischen Dichters Olav H. Hauge, auf dem das Motto des diesjährigen Gastlandauftritts basiert: „Der Traum in uns“. Ein schöner, ein poetischer Moment im festlich gestimmten Kongresszentrum, in dem zu nervös pluckernden Elektro-Beats eigentlich ein ganz anderes Motto ausgerufen wird: „Create your Revolution!“ Die „königlichen Hoheiten“ nehmen’s sportlich, was Bundesaußenminister Heiko Maas Respekt abnötigt: „Andere Majestäten können sich von Ihnen eine Scheibe abschneiden.“ Wenn das eigene Land im Demokratie-Ranking des „Economist“ seit Jahren Platz eins belegt, darf man gelassen sein.

Der deutsche Bundesaußenminister Heiko Maas© dpa / Frank Rumpenhorst

Was es aber mit der ‚eigenen Revolution’ auf sich hat und warum Kultur so etwas wie das Rückgrat von Gesellschaften ist, führten die fünf Vorredner von Mette-Marit auf ganz unterschiedliche Weise aus. Dass es angesichts der Zeiten, in denen wir uns bewegen, eine eminent politische Eröffnungsfeier wurde, kann kaum überraschen. Heiko Maas thematisierte die Janusköpfigkeit der digitalen Revolution: Ohne Social Media kein revolutionärer Wandel im Sudan – aber haben sich die Attentäter von Utoya, Christchurch und Halle nicht im Netz radikalisiert? Die Digitalisierung habe einem „Leben in Blasen“ Vorschub geleistet: „Lesen aber zwingt zur Anteilnahme und bringe die Blase zum Platzen – ein revolutionärer Akt!“

Börsenvereins-Vorsteher Heinrich Riethmüller rief zur Solidarität mit verfolgten Kunst- und Kulturschaffenden auf. Ein schönes Bild, wie er die Protest-Ikone Greta Thunberg und den Schwaben Max Steinacher, der auf dem Tübinger Holzmarkt unermüdlich Mahnwachen für die Freilassung des saudischen Bloggers Raif Badawi organisiert, zusammen denkt, „Greta und Max“. Tun wir genug, als Individuen, als Branche? Für den Messe-Donnerstag laden Börsenverein, Amnesty International und weitere Autoren- und Verleger-Vereinigungen zu einer Mahnwache für Meinungsfreiheit ein (13.30 Uhr, Agora). Es geht um Solidarität mit dem seit 2015 inhaftierten schwedisch-hongkonger Autor, Verleger und Buchhändler Gui Minhai, und darum, ein Zeichen zu setzen für Meinungsfreiheit in Hongkong und weltweit – mit aufgespannten Regenschirmen, dem Symbol der Hongkonger Freiheitsbewegung.

Ehrengast-Autorin Erika Fatland© dpa / Frank Rumpenhorst

Nach dem rhetorischen Wettstreit der Würden- und Funktionsträger wartete das Publikum natürlich gespannt auf die Beiträge der beiden Gastland-Autoren aus Norwegen. Die junge Erika Fatland kaperte den mit Buchprofis aus aller Herren Länder gefüllten Saal schon nach wenigen Sätzen: „Auch Autoren werden von Steuern und Kreditrückzahlungen gequält, dazu kommen so triviale Dinge wie Stromrechnungen, Gebühren für die Müllabfuhr und Ausgaben für das Ski-Wachs. Ich hoffe daher, dass dies eine richtig fruchtbare Messe wird – mögen die Vertragsabschlüsse und nicht zuletzt die Vertragsvorschüsse in diesem Jahr besonders reichlich ausfallen!“ Langer, frenetischer Beifall; vielleicht erleben wir es noch, dass Bilanzkurven per Applausometer hochgefahren werden. Am Ende handelten Fatlands muntere Einlassungen von etwas durchaus Ernstzunehmendem, der „Sprengkraft der Literatur“. Und als die Autorin gegen Ende zu einem donnernden Applaus für die Übersetzerinnen und Übersetzer, ihre „literarischen Alltagshelden“, aufrief – Sie ahnen, was passierte...  

Erika Fatland und Karl Ove Knausgard© dpa / Frank Rumpenhorst

Über die „Langsamkeit“ und lang andauernde Wirkung als bedeutende Eigenschaft von Literatur – in der Geschichte und im Kopf jedes einzelnen Lesers – sprach abschließend Karl Ove Knausgard. Ein Parforceritt vom römischen Aufklärer Lukrez über Don Quichotte, von Faust bis zu Hölderlin, der einem, nach inzwischen sieben Vorrednern, ordentlich den Kopf rauchen ließ. Sind wir, die Kinder der digitalen Revolution, die ersten, die von ihr gefressen werden? Die alte Ordnung wird infrage gestellt, eine neue muss erst erschaffen werden. Knausgard immerhin entlässt das Auditorium gebremst optimistisch, mit einem Satz von Friedrich Hölderlin, tauglich als Create your Buchmesse-Motto: „Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.“ 

von Nils Kahlefendt

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