Belletristik

Die geheime Mission des Kardinals
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Rafik Schami© Arne Wesenberg

„Man kann seine Würde bewahren“

In seinem neuen Roman erzählt Rafik Schami von einem bizarren Mord und einer geheimen Mission. Es ist ein spannender Krimi – und zugleich ein Buch, das tief hineinführt in die Konflikte Syriens und seine Leser mit dem Zauber der Hauptstadt Damaskus fesselt. 

In Ihrem neuen Roman sind Sie zum Krimigenre zurück­gekehrt. Was fasziniert Sie daran?
Es ist eine Möglichkeit, Erzählkunst zu produzieren, wo keiner sie erwartet, und vor allem ein Thema wie Aberglaube spannend und ohne Pathos oder Predigten zu bearbeiten. 

Aberglaube spielt in Ihrem Buch eine große Rolle – warum?
Mich hat die Glaube-Aberglaube-Frage immer beschäftigt und ich dachte, Aberglaube sei ein Phänomen der im Elend lebenden Gesellschaften. Erst in Europa habe ich gesehen, dass auch die übersättigte Gesellschaft für Aberglauben anfällig ist. Dort empfinden viele Menschen eine innere Leere und suchen nach übersinnlichen, exotischen Sphären.

Kommissar Barudi sinniert darüber, dass eine Diktatur alles und alle korrumpiert. Kann man in einer Diktatur überhaupt anständig bleiben?
Es ist schwieriger als in einer Demokratie. Man kann aber seine Würde bewahren, indem man dem Regime nicht boshaft dient und anderen nicht Schaden zufügt, um selbst weiterzukommen. Deshalb mahne ich meine in Freiheit lebenden Freunde, nicht hochnäsig gegenüber denen zu werden, die eine lebensgefähr­liche Gratwanderung führen müssen, um ihre Menschlichkeit zu retten. 

Sie mussten Syrien 1970 verlassen. Sehen Sie das Land noch als Ihre Heimat?
Die Orte der Kindheit bleiben für immer als Heimat im Gedächtnis. In meinem Fall konkret: Damaskus und das christlich-­aramäische Dorf meiner Eltern, Malula. Daran habe ich meine schönsten Erinnerungen, und kein Diktator der Welt kann sie mir rauben.

Die Welt wird zunehmend instabil. Welche Aufgabe hat die Literatur in einer solchen Situation?
Mein Vertrauen in die Demokratie ist groß und genauso groß ist meine Sorge, dass sich Gleichgültigkeit gegenüber bedrohlichen Erscheinungen breitmacht. Literatur kann, anders als Journalismus, nur langfristig wirken: Sie kann aber dafür spannend und hoffnungsvoll die Menschlichkeit verteidigen.

Sie schreiben seit Jahren auf Deutsch. Was ermöglicht Ihnen die Arbeit in dieser Sprache?
Das Glück, frei zu schreiben und nur darauf zu achten, was eine Geschichte verlangt und nicht, was die Sippe oder die Diktatur erlaubt. Deutsch ist ein Ozean. Mein Deutsch ist ein kleiner Fluss, der zum Ozean will, um ihm ein paar Farbnuancen zu schenken.

Sie sehen sich als Geschichtenerzähler. Wie wichtig sind Geschichten heute für uns?
Sehr wichtig, vor allem das mündliche Erzählen! Ich schreibe Bücher, damit ich sie mündlich erzähle. Der mündige Bürger ist eine Notwendigkeit für die Verteidigung der Demokratie, deshalb müssen wir immer mehr erzählen und erzählen und erzählen. 


Wie man in einer Diktatur ermittelt

Damaskus kurz vor Beginn der Aufstände gegen Baschar al-Assad: Kommissar Barudi zählt die Tage bis zu seinem Ruhestand, als ein heikler Fall auf seinem Schreibtisch landet. Ein Fass, das der italienischen Botschaft geliefert wurde, enthält nicht nur Olivenöl – sondern auch die Leiche eines Kardinals. 

Barudis Ermittlungen führen ihn und seinen italienischen Kollegen Mancini bald in ein Labyrinth: Warum ist der Kardinal in den gefährlichen Norden des Landes gereist? Stecken wirklich Islamisten hinter dem Mord? Und welche Rolle spielt ein vom Vatikan hochgeschätzter muslimischer Bergheiliger?

Bereits in Rafik Schamis 2004 erschienenem Roman „Die dunkle Seite der Liebe“ tauchte der Kommissar mit der dicken Brille auf, und wie damals nutzt Schami die Krimihandlung, um ein abgründiges Porträt der syrischen Gesellschaft zu zeichnen, einer abergläubischen Gesellschaft, in der die Geheimdienste allgegenwärtig sind, jeder jedem misstraut und auch Barudi, wie er in seinem Tagebuch notiert, seinem Gewissen vor langer Zeit die Zähne gezogen hat. 

System aus Gewalt und Korruption
Der Schriftsteller Rafik Schami ist dieser Gesellschaft ­entkommen, er lebt seit 1971 in Deutschland, schreibt seine Bücher auf Deutsch und träumt sogar auf Deutsch – außer wenn seine Mutter im Traum auftaucht: „Dann träume ich teils auf Aramäisch, teils auf Arabisch.“ In seinen Romanen jedoch kehrt Schami nach Syrien zurück und gewährt tiefe Einblicke in ein System aus Gewalt und Korruption, in dem eine eigene Meinung zum Luxusgut wird. 

Schamis neues Werk, das der Autor noch bis Ende April bei 110 Lesungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz vorstellt, ist ebenso spannend wie eindringlich: ein düsterer Krimi mit einem resignierten Kommissar, der vor der Diktatur kapi­tuliert hat. „In einer hochmodernen, aber unfreien Gesellschaft ist die Wahrheitsfindung aussichtslos“, schreibt Barudi in sein ­Tagebuch. 

Irene Binal

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