Belletristik / Titelgeschichte

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Anna Burns© Eleni Stefanou

Im Visier des Milchmanns

Mit Klugheit und Witz widersetzt eine junge Frau sich Macht und Gewalt: "Milchmann" erzählt vom unerschrockenen Kampf um Selbstbestimmung. Für ihren Roman wurde Anna Burns mit dem renommierten Man Booker Prize ausgezeichnet. 

Mitte der 70er im Belfaster Arbeiterviertel Ardoyne aufzuwachsen, einer Hochburg der katholischen Rebellen, war kein Zuckerschlecken. Schon gar nicht für eine junge Frau. Die bürgerkriegsähnlichen „Troubles“ beherrschten nicht nur die Hauptkampflinien der Religions- und Klassenkriege, sondern sickerten auf subtile Weise bis ins Hinterland, in den psychischen Untergrund: Überall Misstrauen, Angst und Paranoia, zerrüttete Familien und beschädigte Seelen. 

Anna Burns wuchs in Ardoyne auf und schlug sich lange mit Gelegenheitsjobs und Sozialhilfe durch; bei den Troubles 1976 starben mehrere ihrer Freunde. Aber ihr Ardoyne ist überall. Überall gibt es diese fatale Trennung in eigenes und Feindesland, dazwischen neutrale Zonen, No-go-Areas und das, was Burns „offizielles Mann-Frau-Gebiet“ nennt. Jedes Gebiet hat seine unausgesprochenen Regeln, jede Seite ihre eigenen Hymnen, Fernsehserien, Wörter, Gerichte. Es gibt „Verräter-Tee“ und „Treuetee“, verpönte Namen wie Nigel oder Jason, und wenn ein katholischer Autoschrauber einen britischen Oldtimer ausschlachtet, kann er schon mal geteert und gefedert werden. 

In ihrem preisgekrönten Roman „Milchmann“ erzählt Burns im Grunde nicht von politisch-religiösen Konflikten, sondern von allgemeineren, universalen Erfahrungen: Überwachung und soziale Kontrolle durch Klatsch und Gerede, sexuelle Übergriffe im Namen der guten Sache, patriarchalische Strukturen, die sich unter hohem Konformitätsdruck zu Diktaturen verfestigen. „Eingefleischte Wachhunde“ der Verhältnisse, hauptsächlich ältere Männer und Mütter, bestimmen, was normal, gerade noch erlaubt oder schon tabu ist; das ist in Ardoyne 1976 nicht viel anders als in Sizilien oder Saudi-Arabien. Wer nicht die „richtige Religion“ und die rechte Einstellung hat, muss Verstecken spielen, den Mund halten, am besten abhauen. 

Aufbegehren gegen den Konsens

Unter die Räder gerät beinahe auch die Erzählerin des Romans, die in einer Mischung aus Trotz, Tagträumerei und präfeministischem Selbstbewusstsein gegen den herrschenden Konsens aufbegehrt. Namen tun nichts zur Sache. Die junge Frau heißt Mittelschwester, die Männer um sie herum heißen Schwager Drei, Atomjunge, Milchmann oder auch Irgendwer McIrgendwas. Was Mittelschwester passiert ist, könnte Frauen auch anderswo zustoßen: Eines Tages macht Milchmann, 41 Jahre alt und anerkannter Held des Widerstands im Viertel, Besitzansprüche auf die 18-Jährige geltend. Nicht aggressiv, nicht durch Blicke, Begrapschen oder gar Gewalt, aber für alle ist klar: Milchmann hat eine Frau für sich erwählt, herausgehoben, gebrandmarkt. 

Anna Burns© Malachi O'Doherty

Von nun an ist sie seine Ehrenjungfrau, sein „Paramilitärgroupie“ oder auch sein Flittchen. Sie kann ihrem Stalker aus dem Weg gehen, sich beim Joggen von Schwager Drei eskortieren lassen, aber sie entkommt ihm und seinem Freiheitskämpfergefasel nicht.  

Dabei hat Mittelschwester ihren eigenen Kopf, einen Vielleicht-Freund, eine große Klappe und renitenten Humor. Wie Anna Burns liest auch sie Romane aus dem 19. Jahrhundert gern im Gehen. Schon das erscheint den wachsamen Großen Brüdern als verdächtiger Mangel an Aufmerksamkeit und ist tatsächlich ein Akt des Widerstands. Denn Lesen im Gehen bedeutet: verweigerte Wachsamkeit, Zerstreuung, „absichtlich nichts wissen wollen“. 

Burns ging 1987 zum Studieren nach London, um Dostojewski und Flaubert endlich im Original lesen zu können. Mit dem Schreiben begann sie spät und ihre ersten Romane – „No Bones“ und „Little Constructions“ über emotionale Verrohung und Gewalt in Nordirland – waren nicht sehr erfolgreich. Umso überraschender kam dann 2018 der Durchbruch: Als erste nordirische Autorin überhaupt erhielt Burns den renommierten Man Booker Prize. 

„Milchmann“ ist gut lesbar, aber keine leichtgewichtige Literatur. Die Jury lobt Burns’ Stil als „vollkommen unverwechselbar“: überwältigend, beängstigend, inspirierend. Tatsächlich hat bislang wohl noch niemand so originell, so genau und zugleich entwaffnend komisch über die Troubles geschrieben. Das Fehlen von konkreten Namen und epischen Beschreibungen, der ständige Wechsel zwischen Umgangs- und Literatursprache kann manchmal irritieren. Aber Burns gewährt ihren Lesern auch Freiheit: So wie sie selbst beim Schreiben ihre Figuren kommen und gehen lässt, soll man auch beim Lesen wegnehmen oder hinzufügen dürfen, was und wen man will – einschließlich der Autorin.

Erfahren Sie mehr über Anna Burns und ihrem Roman "Milchmann": Hier geht's zum Interview mit der Autorin!

Tilman Rather

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