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14.03.2008

Bizarre Wirklichkeit

Jeden Monat wählen die Juroren der KrimiWelt-Bestenliste zehn Titel aus, die sie nicht nur für gut, sondern für die besten halten. Der Sprecher der KrimiWelt-Bestenliste, Tobias Gohlis, gewährt für den Monat März 2008 einen Blick hinter die Kulissen.

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Kürzlich bemerkte der Frankfurter Krimiautor Jan Seghers: „Mehr noch als in der avancierten Literatur scheint die Beurteilung eines Kriminalromans eine Frage persönlicher Vorlieben, des Temperaments, des Geschmacks und nicht zuletzt des Zeitgeistes zu sein. Objektivierbar ist offenbar fast nichts.“ Da trifft sich die Klage des Autors mit der Frage vieler Leser. Woran erkennt man einen guten Kriminalroman? Was ist ein guter Kriminalroman?
Auf diese Fragen geben wir seit drei Jahren mit der KrimiWelt-Bestenliste eine pragmatische Antwort. 19 Kritiker empfehlen monatlich je vier Kriminalromane. Die zehn mit der insgesamt höchsten Punktzahl sind die besten. Wir haben uns weder auf „objektivierbare“ Kriterien geeinigt noch besteht Konsens darüber, was ein Kriminalroman ist oder sein soll. Das geht, sogar sehr gut. Die Unterschiedlichkeit der Kritiker-Temperamente, persönliche Vorlieben und Kenntnisse schlagen sich in einer Liste von Empfehlungen nieder, das ist es.

Russland aktuell
Die allerbesten Kriminalromane tun, was anderer Literatur oft auch nur knapp gelingt: Sie packen unsere Wirklichkeit, die sowieso nicht zu verstehen ist, am Wickel. Sie nehmen sie aufs Korn.
Zum Beispiel „Stalins Geist“ von Martin Cruz Smith. Der Roman steht im März zum dritten Mal auf Platz 1 der Bestenliste, das gab es noch nie. Der Amerikaner Cruz Smith erzählt eine Geschichte, die während der Wahlen in Russland spielt. Dort kennt sich Cruz Smith genau aus. Die Elemente, aus denen sein Thriller komponiert ist, sind der Wirklichkeit entnommen oder könnten ihr entnommen sein. Der aberwitzige Prozess etwa, in dem ein Tschetschenienkämpfer freigesprochen wird, der einen Pizzaboten erschossen hat, weil dieser auf einem Trinkgeld bestand. Putativnotwehr: Wen ein Kämpfer für einen Terroristen hält, den kann er erschießen.
Wie überlebt man in einer Sphäre, in der Sicherheit und Rechtmäßigkeit nicht einmal als Traum existieren? Wie kann man dabei seine Würde wahren? Aufrichtigkeit gibt es nur noch um den Preis der Auslöschung, der physischen wie der psychischen.
Arkadi Renko, Cruz Smith’ Ermittler in sechs Romanen seit der Breschnewzeit, geht das Risiko ein. Wie durch ein Wunder überlebt er einen Kopfschuss. Wenig später, in den Sümpfen vor Twer, wo sich Leichenfledderer über den Massengräbern des Weltkriegs prügeln, hört Renko, dass Stalin, der in der Moskauer Metro gesichtet worden war, einen Mann durch Kopfschuss geheilt habe.
Wo Wahn, Angst und Sehnsucht nach Erlösern schreien, sind Scharlatane und Mörder nicht weit. Deren Umtriebe deckt Renko noch auf. Was selbst ihm die Sprache verschlägt: Professionell gemanagt wird die mörderische Schwindlertruppe im Wahlkampf von – Amerikanern. Russland auf dem amerikanischen Weg? Cruz Smith verweigert sich jedem wohlfeilen Antistalinismus. Diese Zuspitzung realer Elemente einer bizarren Wirklichkeit zu einer literarischen ist es, was seinen Roman zu einem Meisterwerk macht.
Selbstverständlich spielt bei der Wertschätzung von „Stalins Geist“ auch die außerliterarische Tatsache des gegenwärtigen russischen Wahlkampfs eine Rolle. Aber gerade das macht ja die Qualität von guter Kriminalliteratur aus: Sie saugt außerliterarische Elemente an wie ein Magnet die Feilspäne. Deshalb ist es nicht zufällig, dass hinter Cruz Smith auf Listenplatz 2 noch ein Politthriller steht: Robert Littells „Die Söhne Abrahams“.

Brennpunkt Nahost
Ein fanatischer Islamist entführt einen fanatischen Rabbi. Die beiden Erzfeinde sitzen im Entführerkabuff und disputieren über ihre Grund- und Gegensätze. Wovon sich die USA, Israel und die Palästinenserbehörde ihren gerade beschlossenen Nahostfrieden nicht nehmen lassen wollen. Warum dieser dann doch nicht Wirklichkeit wird, beschreibt der Wettlauf zwischen den Fanatikern und den Geheimdienstlern, die sie aufspüren wollen. Am Ende: Tod. Und erst wer da durch ist, könnte reale Friedenspolitik machen. Vielleicht.

Rache der Reichen
Die Welt infrage stellen, gewohnte Sichtweisen, literarisch Klischees genannt, auseinandernehmen – wer das tut, schreibt gute Kriminalromane. Wie der Australier Peter Temple. In seinen vielfach ausgezeichneten Büchern scheint der sonnige Kontinent wie mit Graufilter aufgenommen, der die düsteren Konturen hervortreten lässt. Gleichgültig ob seine Protagonisten Ex-Anwälte, Mediatoren oder Polizisten sind, ihre Ermittlungen führen dorthin, wo Machtbesessenheit und Menschenzerstörung ihren Ursprung haben: in die reichen Aufsteigerfamilien. Temples neuer Roman „Shooting Star“ ist bar jeder Ironie: Ein reiches, lebenslustiges Mädchen wird entführt, Schlachtopfer auf dem Rachealtar zweier Familien.

Tobias Gohlis,
Jury-Sprecher der KrimiWelt-Bestenliste.
Die KrimiWelt-Bestenliste von DIE WELT, ARTE, NordwestRadio erscheint jeden Monat.
Titel
Martin Cruz Smith
Stalins Geist
C. Bertelsmann - 19,95 € (D) / 20,60 € (A) / 34,90 sFr
Format: 368 S.
ISBN: 978-3-570-00919-2
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Robert Littell
Die Söhne Abrahams
Scherz - 17,90 € (D) / 18,40 € (A) / 32,20 sFr
Format: 320 S.
ISBN: 978-3-502-10179-6
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Peter Temple
Shooting Star
C. Bertelsmann - 17,95 € (D) / 18,50 € (A) / 31,90 sFr
Format: 288 S.
ISBN: 978-3-570-01006-8
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