Krimi
Eine Frau in einem Männerberuf. Die da auch noch mit ihrem Vater zusammenarbeiten muss. Und zudem mit einem Kollegen ins Bett geht. Henning Mankell hat wahrlich ein Faible für die ganz schweren Fälle.
Aber im Ernst: Es ist ein belebender Kunstgriff, wie Mankell in seinen Geschichten um den grantelnden Kommissar Wallander die Perspektive auf dessen nicht minder komplizierte Tochter Linda lenkt. Mit der angehenden Polizistin macht man so nicht nur berufliche, sondern auch private Lehrjahre durch. Und den introvertierten Wallander erleben Fans, die ihn in acht Bestseller-Romanen als Hauptfigur begleitet haben, wie er wieder ganz klein anfängt: bei dem Versuch, in der Tochter die Frau und Kollegin mit eigenen Bedürfnissen zu akzeptieren.
Dass dieser Versuch eher unbeholfen ausfällt, konnte man schon im Roman „Vor dem Frost“ sehen, in dem Linda erstmals in den Mittelpunkt rückt. Das spannungsreiche Vater-Tochter-Verhältnis spinnt Mankell in den Geschichten „Tod in den Sternen“ und „Eiskalt wie der Tod“ fort. Beide waren Vorlagen für packende Fernsehfilme. Beide sind jetzt – vor jedweder Veröffentlichung in Buchform – zu nicht minder spannenden Hörspielen geworden.
Die Tochter schießt quer
Wallander muss in der ersten Geschichte verdauen, wie sich Linda ihrem Kollegen Stefan Lindman annähert. In der zweiten zieht sie mit ihm in eine WG. Der Kriminalist Wallander müsste schon mit Blindheit geschlagen sein, könnte er nicht die Indizien deuten, wenn er seine Tochter morgens halb nackt zusammen mit Lindman beim Frühstück antrifft.
„Gespräche mit Papi sind immer schwierig“, kommentiert Linda die anschließende Fahrt mit ihrem Vater zur Arbeit. „Aber heute gibt er sich so normal, noch verkrampfter geht’s gar nicht.“ Das klingt trotz Pointe zunächst eher nach Familientherapie. Doch das Ganze bettet Mankell geschickt in die Ermittlungsarbeit ein – vier bestialische Morde gilt es aufzuklären – und betont so den Balanceakt zwischen Persönlichem und Polizeilichem.
Diese Stelle ist zudem ein gutes Beispiel für die Stärken der Hörspiele. Denn Regisseur Sven Stricker, 2006 mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet, hält sich nicht einfach an die TV-Adaptionen. Er hat die Fernsehdialoge bearbeitet, ergänzt, gestrafft, hat Bilder in Sprache übersetzt.
Und: Er hat noch zwei Erzählstimmen hinzugefügt, nämlich Linda und Wallander als Ich-Erzähler. Und so hört man, wie Linda mit ihrem Vater spricht und – im Wechsel dazu, teils sogar einander effektvoll überlagernd – wie sie sein Verhalten reflektiert und kommentiert. Das macht die Erzählung abwechslungsreich, forciert die Handlung. Ein treffliches Mittel, wie es im Film gewöhnlich durch Schnitte oder Szenenwechsel geleistet wird.
Den Widerspruch der Figuren verstärken auch die Schauspieler Axel Milberg (bekannt unter anderem als Kieler „Tatort“-Kommissar), der Wallander spricht, und Ulrike C. Tscharre (bekannt aus der „Lindenstraße“) als Linda: Sie sind entschieden im Ton, wenn es um die Arbeit geht, befangen im Verhältnis zueinander.
Ein weiterer Pluspunkt: die Musik. Atmosphärisch dichte Klänge prägen zum Beispiel die Sequenz, mit der „Tod in den Sternen“ beginnt: Ein geistig zurückgebliebener Mann verschanzt sich mit einer Bombe in einer Bank und nimmt Geiseln, um Geld zu erpressen. Ein nicht enden wollendes, gespenstisches Pling wie bei einem Sonar, das ein U-Boot ortet, und zermürbende Widerhalleffekte verdichten das Gefühl absoluter Hilflosigkeit – für die Opfer, aber auch für den verwirrten Täter.
Und in „Eiskalt wie der Tod“ sind es ein lakonisch eingesetztes Klavier und eine gedämpfte Musik, wie sie von einer langen Nacht ermattete Jazzer in den frühen Morgenstunden improvisieren, die die beklemmende Stimmung liefern zu den Funden grausam zugerichteter Paare.
Gewalt, Trostlosigkeit und die Tatsache, dass die Gründe für die Morde weit in der Vergangenheit liegen und durch ihre Aufklärung ein Finger in die Wunde der schwedischen Gesellschaft gelegt wird – in all dem scheint der typische Mankell durch. So hat er die Tradition der Krimiklassiker Sjöwall / Wahlöö fortgeführt und stilprägend den skandinavischen Krimi erneuert. Und er bleibt seinen Figuren treu – in ihrem Wandel. Wallander entwickelt sich weiter. Das muss er auch, denn seine Tochter, die genauso impulsiv ist und Regeln notorisch missachtet wie er, geht ihre eigenen Wege. Was sich hören lässt.
Ronald Dietrich
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Henning Mankell Tod in den Sternen Der H - 14,95 € (D) / 14,95 € (A) / 26,70 sFr Format: 1 CD ISBN: 978-3-86717-197-7 Bestellen |
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Henning Mankell Eiskalt wie der Tod Der Hörverlag - 14,95 € (D) / 14,95 € (A) / 26,70 sFr Format: 1 CD ISBN: 978-3-86717-198-4 Bestellen |
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